Archivfoto der Fotojournalistin Anja Niedringhaus.

Ein ehemaliges Forsthaus in Kaufungen in Nordhessen war ihr Rückzugsort. Hier lebte sie mit ihrer Schwester Gide und deren Familie in einer Wohngemeinschaft. Noch heute sieht es dort aus, als wäre die Zeit stehen geblieben.

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"Anja Niedringhaus – Bilderkriegerin"
Käthe Kollwitz Museum, Köln
bis 30. Juni 2019

Katalog zur Ausstellung herausgegeben von Hannelore Fischer. Wienand Verlag

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Das war ihre Heile Welt, hier konnte sie Auftanken – und Abschalten vom Krieg, auf dem Hof in Kaufungen: Anja Niedringhaus, die weltberühmte Kriegsfotografin. Mit ihren Fotos wollte sie Antworten geben: "Was macht der Krieg mit den Menschen?" Sie teilte das Leben derer, die sich im Krieg befinden - und auch die Gefahr. Am 4. April 2014 durchsiebt ein Kugelhagel ihr Auto. Anja Niedringhaus ist sofort tot. Sie war unterwegs in Afghanistan um über die Wahlen zu berichten.

Die grausige Nachricht erreicht auch Kaufungen: In einem ehemaligen Forstamt wohnte Anja Niedringhaus mit ihrer Schwester Gide. Hier hat sie ihre Fotos archiviert, neue Einsätze vorbereitet. Bis heute ist alles unverändert…

"Ihre Seele schwebt hier für mich noch drin, also das ist ganz klar so. Dadurch dass das alles noch so liebevoll ist, wie sie sich das renoviert und eingerichtet hat, die ganzen Mitbringsel aus ihren Einsätzen überall verteilt hat, da lebt sie für mich weiter", sagt Gide Niedringhaus.

Pulitzer-Preis für Bilder aus Falludscha

Zu Hause hat Anja Niedringhaus wenig über ihre Arbeit gesprochen. Sie wollte nicht komplett gefangen sein, von dem was sie "da draußen" erlebt: Einer ihrer gefährlichsten Einsätze: Irak-Krieg, Angriff auf die Rebellenhochburg Falludscha – eine Schlacht, die später als die blutigste des Krieges gilt. Anja Niedringhaus ist bei einer US-Einheit mit dabei. Sie will zeigen, was so eine Kriegsschlacht für diese jungen Männer bedeutet.

"Das habe ich da auch gelernt, dass ich sage, okay, ich habe die Bevölkerung, aber jede Geschichte hat mehrere Seiten. Und ich habe eigentlich da das erste Mal, dass ich so eng mit Militär zusammengearbeitet habe, auch gemerkt, wie verletzlich die sind. Dass das auch zum Teil ganz normale Menschen sind", sagte Anja Niedringhaus einst in einem Interview.

Für diese Aufnahme bekommt sie 2005 den Pulitzer-Preis, den bedeutendsten Fotopreis der Welt: "Dieses Foto von dem Soldaten war für mich eigentlich eines der wichtigsten Fotos aus Falludscha, weil das eine Menschlichkeit auch gezeigt hat, in diesem Riesenchaos. Der Glücksbringer. Das war sein Glücksbringer, auf den er wirklich, glaube ich, mehr noch drauf aufgepasst hat, als auf seine Waffe", sagte damals Anja Niedringhaus.

Junge Männer – zwischen Kriegsspiel und blutigem Ernst. Anja Niedringhaus erkennt diese Brisanz – und setzt sie ins Bild.

"Wir haben ja eine Aufgabe als Journalisten"

Wenn sie aus dem Krieg zurück  nach Hessen kam, versuchte sie, ein normales Leben zu führen: Sie teilte mit ihrer Schwester und deren Familie die Küche, brachte die Kinder zum Sport. Das hat ihr Halt gegeben.

"Manchmal war sie auch abwesend. Unheimlich oft auch nachts, dass sie immer wieder aufgestanden ist, telefoniert hat, geschrieben hat, wieder am PC saß, so eine richtige Nacht entspannt durchgeschlafen hat sie selten. Da hat sie schon immer in verschiedenen Welten gelebt. Sie wollte auch nichts verpassen, das war ihr auch wichtig", erinnert sich Gide Niedringhaus.

Anja Niedringhaus war Mitte 20, als sie ihren Chefredakteur überzeugte, sie nach Jugoslawien – in den Balkankrieg – fahren zu lassen. Sie setzt sich gegen ihre männlichen Kollegen durch, um ihre Bilder zu schießen. Warum hat sie nicht losgelassen? Was bewegte sie, Fotos vom Krieg zu machen? 

"Dieses, was man da, in fast jugendlichem Alter, noch hat: Wenn die das Foto sehen, dann hört das morgen auf, dann ist Sarajevo befreit! Ich habe da wirklich dran geglaubt und die Nüchternheit ist eingetreten. Aber trotzdem hat das nichts von meinem Elan genommen. Wir haben ja eine Aufgabe als Journalisten, wir haben ja eine gesellschaftliche Pflicht", sagte Anja Niedringhaus.

"Sie konnte in das Herz der Menschen hineinschauen"

 "Bilderkriegerin" heißt die erste umfassende Retrospektive ihrer Werke, die nun im Käthe-Kollwitz-Museum in Köln zu sehen ist, darunter auch Fotografien ihrer letzten Jahre von Menschen in Afghanistan. Ein Land, das Anja Niedringhaus besonders am Herzen lag. Oft reiste sie mit ihrer Kollegin, der Journalistin Kathy Gannon dorthin. Kathy war bei dem Attentat dabei, als Anja Niedringhaus ums Leben kam.

Sie erinnert sich an viele Begegnungen, wie an diese mit einer afghanischen Nomadenfamilie: "Sie hatten nur ein kleines Zelt, das praktisch nur aus Lumpen bestand. Das war im Nirgendwo. Aber Anja hat diese Situation erfasst, sie sah diese Verbindung zwischen Vater und Kind in dieser wirklich trostlosen Umgebung. Anja konnte diese Momente sehen. Sie konnte in das Herz der Menschen hineinschauen", so Gannon.

Den einen entscheidenden Moment festhalten. Nicht nur im Krieg – auch bei den ganz großen Sport – Ereignissen, ihrem zweiten Schwerpunkt. Das ist es, was Anja Niedringhaus' Fotos ausmacht. Dafür hat sie alles gegeben. Und – da ist sich ihre Schwester sicher – auch viel zurückbekommen. Ihr Beruf war ihre Passion: "Die ist immer bis an ihre Grenzen gegangen. Also sie war extrem belastbar und wollte das, glaube ich, auch noch lange zeigen. Und wenn sie dann weg musste, hatte sie glänzende Augen und hat sich auch immer wieder darauf gefreut", so Gide Niedringhaus.

Mit ihren Bildern hat Anja Niedringhaus ein bewegendes Vermächtnis hinterlassen.

Autorin: Katja Deiß

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 04.04.2019, 22:45 Uhr