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zum Video Ausstellung im Bad Homburger Sinclair-Haus: Die Kulturgeschichte des Fenster

Frau schaut durch beschlagenes Fenster

Wir alle blicken täglich durch sie hindurch und übersehen sie dennoch: Fenster. Bindeglieder zwischen Außen und Innen. Orte der Durchlässigkeit inmitten dicker Mauern. Eine Ausstellung im Sinclair-Haus in Bad Homburg schaut, welche Rolle das Fenster in der Kunst spielte und immer noch spielt.

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"AUSSICHT – EINSICHT Blick durchs Fenster"
bis 3. März 2019
Museum Sinclair-Haus, Bad Homburg

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Fenster auf. Luft rein. Luft und Wind und Sonne! Tief einatmen, den Kopf erfrischen, die Vögel hören. Ein Auto fährt vorbei. Die Nachbarn verlassen das Haus. Wohin sie wohl gehen? Das Fenster. Schwelle zwischen Innen und Außen. Täglich benutzt zum Öffnen oder Schließen. Aber viel zu selten zum Schauen. "Ich denke schon, dass die Menschen früher sehr viel mehr aus dem Fenster geschaut haben und einfach die Gedanken baumeln lassen", sagt die Philosophin Sibylle Anderl.

Im Bad Homburger Sinclair-Haus blickt man gerade sehr intensiv aus dem und auf das Fenster. Zeitgenössische Künstler spüren der Bedeutung dieser gläsernen Öffnung nach, die für uns Menschen die Welt oft auch ordnet: "Meistens sehen wir die Natur tatsächlich durch ein Fenster. Wir verbringen ja einen Großteil unseres Lebens drinnen. Das Fenster ist also eine ganz wichtige Schnittstelle für uns zur Natur, zu unserer Umwelt. Das ist die Schnittstelle, da können wir auch am Leben draußen teilhaben", meint die Kuratorin der Ausstellung Ina Fuchs.

"Wir haben uns an dem klassischen Schönheitsideal sattgesehen"

Manchmal haben wir aber auch das Gefühl, vom Fenster angesehen zu werden. Wie unsere Augen das Fenster zur Seele sind, verleihen auch Fenster Häusern oft ein Gesicht. Und dieses Gesicht hat etwas zu erzählen – wie in den Fotografien von Peter Braunholz. Hinter jedem Fenster atmet die Geschichte seines Bewohners, sagt er.

Braunholz ist ein Suchender, getrieben davon, solche Geschichten zu finden. Überall auf der Welt fotografiert er Hausecken, wie hier in Frankfurt: "Für mich sind dann Fenster auch immer die Augen, die mich anschauen. Also so, als würde das Haus durch das Fenster mit mir Kontakt aufnehmen in dem Moment, wo ich es mir anschaue. Und ich nähere mich dann auch sehr langsam, wenn ich so einen Ort gefunden habe, wo ich ein Bild machen kann oder möchte. Dann will ich da nichts verpassen."

Bis er auf den Auslöser drückt, können Tage vergehen. Es ist die morbide Schönheit, die den Kronberger fasziniert. Seine Bilder zwingen den Betrachter, sich mit der Ästhetik von Ecken zu beschäftigen, die dieser sonst übersieht: "Für mich ist das Gewöhnliche eher ungewöhnlich und das Hässliche eher das neue Schön sozusagen. Weil ich sage mal: Das klassische Schönheitsideal, daran haben wir uns nun alle sattgesehen – an den vielen Sonnenuntergängen und schönen Menschen", sagt er.

Oft kommen Bewohner zu ihm raus und fragen nach. Manche wütend, weil sie sich beobachtet fühlen. Der Blick ins Fenster hinein wird oft empfunden als Tabubruch, weiß Philosophin Sibylle Anderl, ein Eindringen ins Private: "Da sieht man, dass Fenster tatsächlich sehr viel mehr sind als Lichtquelle, denn der Blickkontakt funktioniert ja normalerweise in beide Richtungen. Wir können durch die Fenster nach draußen schauen, aber wir entblößen uns durch die Fenster auch, wir machen unsere Privaträume zugänglich von außen."

Von der Schwelle zu Gott zum Sehnsuchtsort

Der Mensch und das Fenster – in der Kulturgeschichte hat ihr Verhältnis eine lange Tradition. Oft auch mit religiöser Bedeutung. Am Fenster der Arche empfängt Noah die göttliche Botschaft: Die Taube hat einen Zweig gefunden, die Sintflut ist vorbei. Im späten Mittelalter ist das Fenster nicht mehr die Schwelle zu Gott, sondern zur Geliebten – die für den Minnesänger unerreichbar bleibt. Und auch in der Renaissance spielt das Fenster eine wichtige Rolle. Das ganze Bild wirkt wie ein Fenster zur Welt – ein künstlerisches Hilfsmittel für die Zentralperspektive.

Der Kunstgelehrte Leon Alberti schreibt: "Als erstes zeichne ich ein rechtwinkliges Viereck von beliebter Größe, von diesem nehme ich an, es sei ein offenes Fenster, durch das ich betrachte, was hier gemalt werden soll."

"Dadurch hat sich zum Beispiel auch immer so ein bisschen ergeben, dass die Malerei mit dem Ausblick durch ein Fenster verglichen wurde. Das heißt, die Malerei wurde auch gemessen an dem Fenster. Das war zum Beispiel in der Renaissance ganz wichtig. Da ging es darum, das Auge zu täuschen. Diese Technik nennt man trompe l'oeuil, also ein illusionistisches Gemälde zu schaffen. Dass man wirklich das Gefühl hat, schaue ich auf ein Bild oder schaue ich aus dem Fenster?" so Fuchs.

In der Romantik – bei Caspar David Friedrich – wird das Fenster zum Sehnsuchtsort. Der Blick nach draußen: Ein Blick nach innen.

Die Seele eines Raumes einfangen

Immer aber war das Fenster in der Kunst Mittel für das Spiel mit Licht. Für die Künstlerin Nicole Ahland ist das Verhältnis von Raum und Licht essenziell. Das wird für sie vor allem in Kirchenräumen deutlich. Der Fotoapparat ist zu Hause geblieben, heute wird erst mal nur geschaut. "Von Anfang an sind die Kirchenfenster darauf angelegt, etwas zu inszenieren. Und wenn es vielleicht auch ein Gefühl ist, der Verweis auf etwas, das über uns, das größer ist als wir, oder etwas Allmächtiges", so Ahland.

Nicht immer fotografiert Ahland Kirchen. Aber immer will sie Bilder die Seele eines Raumes einfangen – und das dauert. In der Kirche St. Peter in Köln hat sie sogar übernachtet – in der Sakristei: "Das ist eine sehr intensive Erfahrung, die man machen kann und die sich auch ihre Zeit braucht. Und die Lichtverhältnisse in Sankt Peter laden ein, das sich tatsächlich über einen kompletten Lichtverlauf anzuschauen."

Die kleinen Fenster in der Hosentasche

Das Licht beobachten, das zum Fenster hinein fällt – wer nimmt sich dafür heute noch Zeit? Unser Blick verliert sich immer häufiger in einem anderen Fenster – dem zum World Wide Web. Und hier lassen wir wie selbstverständlich die Gardinen weg und laden die Welt zum Reingucken ein.

"Gerade, auch wenn wir die kleinen Fenster, die wir in unserer Hosentasche mit uns tragen, die Smartphones, betrachten, ist die Frage, was wir nach außen bringen und inwiefern wir uns auch durch diese virtuellen Fenster entblößen, eine, die immer wichtiger und immer relevanter wird und wo einfach Entscheidungen anstehen, die uns in unserem Leben sehr sehr stark betreffen", sagt Anderl.

Vielleicht wird es Zeit, die virtuellen Fenster häufiger zu schließen und das zur Wirklichkeit mehr zu öffnen.

Bericht: Christiane Schwalm

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 07.02.2019, 22:45 Uhr