Foto von Rafael Herlich

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zum Video Bilder sagen mehr als 1000 Worte – Wie ein jüdischer Fotograf den Antisemitismus bekämpft

Rafael Herlich ist ein wichtiger Chronist des jüdischen Lebens in Deutschland und reist dafür durch die ganze Welt. Er fotografiert in Synagogen, bei religiösen Ritualen, auf Festen, aber auch den gewöhnlichen Alltag, in den Familien, bei Begegnungen von Holocaust-Überlebenden mit ihren Enkeln.

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Bildband:
Rafael Herlich "DiverCity FFM. Vielfalt der Kulturen und Religionen in unserer Stadt"
Chai 18 Verlag

Ausstellung:
Haus am Dom
Domplatz 3
60311 Frankfurt
ab 6. November 2018
Geöffnet täglich 10-18 Uhr
samstags und sonntags 11-17 Uhr
bei Abendveranstaltungen auch länger

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Seit vierzig Jahren lebt der in Tel Aviv geborene Fotograf in Frankfurt, der internationalsten Stadt Deutschlands:. Menschen aus 180 Nationen sind hier zu Hause. Dieser Stadt hat Rafael Herlich nun mit seinem jüngst erschienenen Bildband "DiverCity FFM" eine Art Hommage gewidmet; mit Fotografien, die die Vielfalt der in Frankfurt vertretenen Religionen aus 170 Herkunftsländern dokumentiert. "Frankfurt ist für mich eine ganz besondere Stadt. Die Vielfalt von Religion, die Vielfalt von Kulturen. Das ist ein Traum für jeden Fotografen das zu fotografieren", sagt er.

Rafael Herlich hat diese Vielfalt ins Bild gesetzt, aufgenommen bei traditionellen Feiern und Festen. In Kirchen, Moscheen und Tempeln, beim Gebet - oder mit ihren Familien. Es sind die Menschen in ihrem kulturellen Umfeld, die ihn interessieren, und was das mit ihnen macht. Er sucht auch das Verbindende zwischen den Kulturen.

Vergangenheit lebendig machen

Die Chavad-Synagoge in Frankfurt: orthodoxe Juden beim Morgengebet. Rafael Herlich ist in Tel Aviv geboren; seit 40 Jahren portraitiert er das jüdische Leben in Deutschland. Dabei spürt er auch seinen eigenen Wurzeln nach. "Meine Familie, der Onkel, den ich nicht gekannt habe, waren so traditionell wie heute hier in der Synagoge. Sie waren sehr religiös. Sie sind jeden Morgen in die Synagoge gegangen, sie haben gebetet. Ich versuche diese Vergangenheit heute durch meine Kamera für mich lebendig zu machen", sagt er.

Oder: Orthodoxe Juden feiern das Laubhüttenfest in Frankfurt. Rafael Herlich fotografiert aber nicht nur das religiöse Leben. Viele seiner Fotobücher zeigen den Alltag: Die Fußballer von Makkabi Frankfurt, die Maskerade auf dem Purims-Fest, Männer auf einer Modenschau. "In diesem Buch wollte ich das selbstbewusste jüdische Leben in Deutschland zeigen, heute, die stolzen Juden in Deutschland: Tradition, Kindergarten, Menschen lachen."

"Wieso bist du noch nicht vergast?"

Aber auch das fotografiert er: Antisemitismus ist wieder ein Thema in Deutschland; er wird lauter und unverhohlener, auch an den Schulen. Rafael Herlich kennt solche Vorfälle wie den eines jüdischen Schülers, der vor der Klasse ein Referat hält. "In einer Schule in Deutschland, der läuft da nicht mit einer Kippa, niemand weiß, dass er Jude ist. Das war ihm vorher auch gar nicht wichtig zu sagen, dass er Jude ist. Er hält einen Vortrag und durch diesen Vortrag stellen sie fest, dass er Jude ist. Da kamen zwei, drei junge Leute, Mitschüler, und fragen, wieso bist du noch nicht vergast", berichtet der Fotograf.

Und das 80 Jahre nach der Reichspogromnacht. Der Fotograf und die Schulleiterin der Frankfurter Schillerschule sind entsetzt. Auf dem Gymnasium im gutsituierten Stadtteil Sachsenhausen hat es ebenfalls Vorfälle gegeben: "Schimpfwörter, die in diese Richtung gehen, du Jude, du Opfer, ja, dass das in diese Richtung geht. Wir merken Schmierereien, die es an den Wänden gibt. Wir müssen das ernst nehmen, wir müssen das ernst nehmen, wir müssen sofort reagieren. Wir müssen das ernst nehmen, nicht überdramatisieren, das meine ich nicht, aber wir müssen reagieren. Wir müssen deutlich zeigen, das ist etwas, das bei uns keinen Platz hat, unter keinen Umständen", sagt Claudia Wolff, Direktorin Schillerschule Frankfurt.

"Die hören zu, egal wie lange"

Frühzeitig eingreifen, Wissen vermitteln und jüdische Kultur erklären; das ist der Grund, warum Rafael Herlich seit vielen Jahren an Schulen in ganz Deutschland geholt wird. Mit seinen Fotos und auch seiner Familiengeschichte versucht er die Schüler zu interessieren. Und er kommt damit an! "Für mich ganz bestimmt die glänzenden Augen der Schüler zu sehen. Das Interesse, das da ist. Da wird nicht geschubst oder gestört. Die hören zu, egal wie lange. Das ist für mich die Bestätigung, das, was ich mache ist richtig und es ist der richtige Weg", sagt er.

"Vom Auspuff in den Schlauch "

Seine Bildbände vom jüdischen Leben sind für ihn auch wie Familienalben. Sein Vater musste sechs Konzentrationslager ertragen und hat Auschwitz überlebt. Das einzige Familienfoto, das Rafael Herlich blieb, ist das seiner Großeltern. "Jetzt kann ich auch verstehen, warum mein Vater nie über den Holocaust erzählen konnte. Wie seine Eltern vergast worden sind. Sein Vater wurde abgeholt von einem Lastwagen – und der Lastwagen fährt zum Wald. Und durch die Fahrt wurden alle vergast. Vom Auspuff in den Schlauch – und alles was da drin war, wurde vergast", so Herlich.

Brücken bauen

Das Schicksal seiner Familie und der Vater, der nie darüber sprechen konnte, brachte ihn dazu, mit dem Fotografieren anzufangen, eine Kunst, die ohne Worte auskommt. Bei seinem neusten Projekt sucht der jüdische Fotograf gezielt den Dialog mit anderen Religionen, wie etwa in Frankfurt in der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde beim Freitagsgebet.

Die Fotos, die dabei entstehen, erscheinen nicht nur in einem gemeinsamen Buch, die Bilder sollen auch in den verschiedenen Gemeinden ausgestellt werden. Rafael Herlich ist bereits eingeladen worden, in muslimischen Einrichtungen Vorträge über jüdische Kultur zu halten: "Wenn der Herr Herlich seine Bilder zeigt– man sagt ja, ein Bild sagt mehr als tausend Worte – verschiedene Kulturen, verschiedene Religionen den Menschen aufzeigt und einfach diese Brücken gebaut werden und bestimmte Vorurteile, die leider herrschen, beseitigt werden und ich denke, da kann die Religion einen sehr guten Beitrag leisten", erklärt der Imam Imtiaz Ahmad Shaheen.

Mehr voreinander wissen und Respekt bewahren, so können Menschen nicht nur in einer Stadt wie Frankfurt – mit 180 Nationen – gut miteinander leben.

Bericht: Uli Zimpelmann

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 08.11.2018, 22:45 Uhr