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zum Video Fleisch-Ausstellung in Höchst – Wie eine Künstlergruppe den Metzger-Beruf retten will

Fleisch-Ausstellung in Höchst – Wie eine Künstlergruppe den Metzger-Beruf retten will. Es scheint paradox: In Deutschland wird immer mehr Fleisch gegessen, doch diejenigen, die das Fleisch für uns zubereiten, genießen keinen guten Ruf.


Sie sehen aus wie fremde Wesen. Wie abstrakte Landschaften. Aber das hier sind: Schlachtabfälle. Großformatig aufgehängt in einer Galerie. Was soll das?  "Wir als Künstler fanden es total spannend, mit den Metzgern zusammenzuarbeiten, um etwas mehr über diese Menschen sichtbar zu machen, als es im Moment ist", so Klaus Reichert, Künstler und hr-Radiomoderator. Die Kunst-Ausstellung soll an das Metzger-Handwerk erinnern.

Die Idee dahinter

Entstanden ist das Projekt durch die Zusammenarbeit von Künstlern und Metzgern.  Alles begann mit einer Suche – nach der Seele. Als Kinder glaubten Thomas Balzer und Klaus Reichert, sie sei ein Organ, tief im Körper verborgen. Heute arbeiten die beiden als Künstlergruppe und lassen Seelen zu Fleisch werden. Indem sie Innereien fotografisch inszenieren. Wie beispielsweise von einer Kuh. Spüren die Künstler da keinen Ekel? Kunstpartner Thomas Balzer erklärt: "Man hat ein abstraktes Gefühl. Wenn ich jetzt ohne Handschuhe da rein gehen würde, dann wäre die sinnliche Erfahrung durchaus gröber. Und das könnte dann auch abstoßend wirken." Für Klaus Reichert ist es hingegen überhaupt nicht so: „Ich kann das auch ohne Handschuhe anfassen.  Und es ist für mich unser Material, aus dem wir Kunst machen.“

Wurzeln als Metzger

Klaus Reichert kommt aus einer Metzgerfamilie, ist mittlerweile Radiomoderator. Zusammen mit seinem Kunst-Partner Thomas Balzer will er zeigen, wie scheinheilig unser Verhältnis zu Fleisch geworden ist. Auf dem Teller: ja! Doch Tiere schlachten? Damit will niemand etwas zu tun haben. Sein Bruder ist Obermeister der Fleischer-Innung. Er hat das Duo zu der Ausstellung überredet. Und historisches Material beigefügt: aus Zeiten, als Metzger noch angesehen waren. Die Wahrnehmung des Fleischerhandwerks sei geschwunden, so Thomas Reichert. "Die Wahrnehmung als ein gesellschaftlicher Teil, der sicherlich auch gesellschaftlich prägend war, über die Jahrhunderte hinweg. Und die Idee unserer Kunst ist natürlich auch, dass wir damit ein Stück Öffentlichkeit bekommen in einem Bereich, in dem man es bei Metzgern vielleicht gar nicht vermutet hat, aber wo, wie man sieht, ganz viel zu sehen und zu erleben ist." 

Falsches Image

Publicity für die Metzger, denn diese werden von Nachwuchssorgen geplagt- und von schlechtem Image. Metzgermeister Manfred Elzenheimer aus Unterliederbach spürt das deutlich. "Das merkt man, wenn man in einer Gesellschaft ist und wird gefragt: was arbeitest du? Da kann es passieren, wenn man sagt: ich bin Metzger, dass erst einmal so eine Stille ist, da können sie eine Stecknadel fallen hören. Da wird gefragt: Metzger, ist das ein Mensch?"

Der Metzger scheint ein unbekanntes Wesen zu sein. Dabei essen die Deutschen immer noch viel Fleisch: knapp 60 Kilo pro-Kopf und Jahr. Kleine Handwerksmetzgereien sterben dennoch langsam aus. Stattdessen greifen Verbraucher gerne zu industriell erzeugter Massenware. Das prägt unser Bild vom Metzgerberuf. Manfred Elzenheimer erklärt: "Wenn man sieht, dass große Schlachtbetriebe an einem Tag 24.000 Schweine schlachten, da kann man sich vorstellen, dass da keine Wertschätzung für das Tier gemacht wird. Da können die beteuern was die wollen, das ist gar nicht mehr handelbar."

Und so geht die Philosophie des Metzgerberufes verloren: verantwortungsvoller Umgang mit den Schlacht-Tieren. Und ein qualitativ hoher Anspruch bei der Herstellung.

Metzgern ist ein Kunsthandwerk

Die Fotos in der Ausstellung machen das deutlich: Metzger, das ist eine Handwerks-KUNST. Deshalb hängen hier auch Bilder von Abschlussarbeiten angehender Fleischer aus den 30er Jahren. Kissen aus Schmalz oder Ochsen aus Mett.

Und noch was wird klar: Einst zählten Metzger zu einer reichen Zunft. Als Mäzene gaben sie sogar Gemälde in Auftrag. Das Schlachtvieh entwickelte sich zum künstlerischen Motiv. Selbst Rembrandt malte einen geschlachteten Ochsen. "Die Geschichte des Fleisches in der Kunst ist 30.000 Jahre alt. Denken sie an die Höhlenmalereien  was wird da gezeigt? Da werden Gazellen, Wisente, Antilopen gezeigt, Tiere, die die Leute gejagt und gegessen haben. Und das ist sozusagen auch etwas, worauf wir uns beziehen", so Klaus Reichert.

Provozierende Fleischkunst

Die Werke von Reichert und Balzer tragen keine Titel. Da bleibt viel Platz für eigene  Assoziationen. Metzgermeister Manfred Elzenheimer ist begeistert von der Ausstellung. "Die lässt Raum. Die ist nicht so vollgeklebt. Man hat Zeit, von einem Bild zum anderen zu gehen und sich Zeit zu lassen und das auf sich wirken zu lassen. Und ich finde diese Fotografien sind sensationell." Doch nicht bei allen Besuchern stoßen die Bilder auf Verständnis.

Es ist ganz klar: die Fleisch-Kunst soll provozieren. Und so macht sie auch neugierig darauf, sich wieder mehr mit dem Metzgerberuf und der Herstellung von Fleisch zu befassen. "Insgesamt ist alles ist gut, was diesen Beruf wieder intellektuell nach vorne bringt. Dass man wieder drüber nachdenkt, dass das nicht einfach nur ein relativ brutales einfaches Werkeln ist, sondern auch ganz viel Philosophie dahintersteckt", so Elzenheimer.

Die auch für uns wichtig ist: Denn unser Konsumverhalten entscheidet, wie mit Tieren umgegangen wird. In Zeiten von Billigfleisch und Massentierhaltung kommt die Ausstellung da gerade recht.  

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 18.10.2018, 22:45 Uhr