Blick auf Straßenschild

Video

zum Video Das Bergkirchenviertel in Wiesbaden – wie aus dem einstigen "Katzeloch" das heutige "Montmartre" ...

Es war gedacht als Enklave für das niedere Volk: Das heutige Bergkirchenviertel in Wiesbaden. Das sogenannte "Katzeloch", erbaut um die Bergkirche Anfang des 19. Jahrhunderts, wo die Fenster - verglichen mit denen der wilhelminischen Villen - so klein waren, dass nur Katzen hindurchzupassen schienen. Es war als Quartier für die kleinen Leute entstanden, die Handwerker und Kurbediensteten, die ihre Arbeit für die reiche Wiesbadener Klientel verrichteten.

Oben auf dem Berg thront sie: Die Wiesbadener Bergkirche. Namensgeberin für das sie umgebende Viertel mit seinen Gassen und Höfen. Entstanden als Quartier für die weniger Betuchten, die Handwerker, Arbeiter und Bediensteten. Seit 17 Jahren ist Markus Nett Pfarrer im Bergkirchenviertel: "Das Bergkirchenviertel ist eben ein Viertel für die kleinen Leute. Im Volksmund Katzeloch: Kleine Häuser mit kleinen Fenstern, durch die höchstens eine Katze rausgehen konnte. Und ja, der Architekt, der diese Kirche gebaut hat, hat, was selten ist, eine Sozialanalyse des Viertels gemacht und er hat gesagt: Ich muss eine Kirche bauen, die auch Menschen ohne großen Bildungshintergrund etwas gibt", sagt er.

Das niedere Volk am Rande der Prachtbauten

Damals, Anfang des 19. Jahrhunderts war Wiesbaden eine aufstrebende "Welt-Kurstadt". Als Regierungssitz des Herzogtums Hessen-Nassau erlebte sie einen Tourismusboom. Immer mehr Badegäste strömten in die Stadt. Allerorts entstanden neue Prachtbauten. Doch die Arbeiter und Handwerker, die dringend gebraucht wurden, wollte man vor den Badegästen lieber verstecken. Für das "niedere Volk" wurde deshalb an Rande der Innenstadt ein neues Quartier gebaut. Die Nerostraße machte 1809 den Anfang. Eines der ältesten Gebäude steht bis heute.

Und bis heute gilt das Bergkirchenviertel als Stadtbezirk für Einkommensschwache. Der Anteil an Sozialwohnungen liegt bei 57 Prozent. Es ist ein Kommen und Gehen, die Verbundenheit mit dem Viertel: gering.

Kapelle als Anlaufposten

Eine möchte das ändern. Versteckt in einem Sozialbau befindet sich die Kultur-Kapelle von Kathrin Schwedler: "Der Wechsel ist eklatant. Und im Viertel kann der Zusammenhalt nur entstehen, wenn man irgendwie ein Ziel hat, was man gemeinsam erreichen kann. Und deswegen ist es auch wichtig, dass die Kultur hier stattfindet, weil wir wollen sozusagen der Pfahl im Fleische sein,  wo man sagt, darauf kann man sich verlassen, das bleibt hier, da hat man einen Anlaufposten."

Der Anlaufposten: einst Kapelle der "Barmherzigen Brüder von Montabaur", die hier ein Krankenhaus führten. In den 1960er Jahren wurde es in Wohnraum umfunktioniert. Die Kapelle blieb leer, bis Kathrin Schwedler sie entdeckte. Den Raum teilt sie jetzt mit Künstlern und Kreativen, um wieder mehr Publikum in das Bergkirchenviertel zu locken, dessen eingeschworene Gemeinschaft und die vielen Kneipen einst so legendär waren: Bis heute erinnern sich viele noch wehmütig an das sogenannte Katzeloch.

Klo überm Gang

"Dass ich das so extrem toll empfunden habe, vor allem vor dem Hintergrund wer hier wohnen musste teilweise, weil die Wohnungen waren wirklich unsäglich, immer noch mit Klo überm Gang und keine Bäder und was weiß ich alles. Also, dass da was gemacht werden musste, war ja schon klar", so Schwedler.

Noch Ende der 1960er Jahre hatten über 80 Prozent der Wohnungen kein eigenes Bad, viele kein eigenes WC. Miserable Wohnverhältnisse.  Und dennoch wurde das Katzeloch geliebt: für seinen starken Zusammenhalt. Das Leben spielte sich "auf der Gass" ab. An den beengten Verhältnissen musste sich aber was ändern. Mehr als 40 Jahre wurde saniert - das hat Spuren hinterlassen.

Gut gemeint, nicht gut gemacht

"Man hatte nach der Sanierung es gut gemeint, aber es nicht besonders gut gemacht, indem man hauptsächlich Menschen mit sozialer Problematik hier angesiedelt hat, und solche Monokulturen haben sich ja nicht bewährt", befindet Pfarrer Nett.

Das kulturelle Leben ist zum Erliegen gekommen, erst langsam kehrt es zurück ins Viertel. Es entstehen neue Treffpunkte, wie hier: in der Oberen Webergasse, beim Weinhändler Holger Schwedler, der zufällig der Bruder von Kathrin Schwedler ist und als "geistiges Oberhaupt" der Straße gilt. "Es gibt hier zum Beispiel bei uns in der Straße eine sehr enge Gemeinschaft. Wir sind ein kleines Dorf, wo jeder jeden kennt, aber es gibt hier natürlich Freunde aber auch extreme Feindschaften. Es ist aber so, man kriegt keine Kunden, es kommt keiner aus der Stadt", so Holger Schwedler.

"Unsere Sacre Coeur ist die Bergkirche"

Ist das Viertel etwa immer noch eine geächtete Enklave? Einzelhändler wie Holger Schwedler müssen sich ihr Publikum hart verdienen: Zwei, drei Jahre brauche es schon, bis man einen Kundenstamm hat, sagt er. Wer das Quartier dann kennt, kommt gerne immer wieder: "Ich sage mal, wir sind die Wiesbadener Antwort auf Montmartre. Unsere Sacre Coeur ist die Bergkirche, wir sind arm, wir haben Studenten, wir haben Künstler, wir haben auch einen sehr hohen, wie man heute sagt, Migrantenanteil. Es ist sehr sehr durchmischt und irgendwie ist es auf den ersten Blick auch abgeschirmt. Und der Charme, dass es etwas Eigenes hat."

Die Mischung entfaltet ihren Reiz. Und ein Ziel hat die Sanierung erreicht: Mehr Platz, Luft und Licht für die Bewohner. Inzwischen haben sich immer mehr ambitionierte Einzelhändler im Bergkirchenviertel angesiedelt. Wie Herr von Strick in der Nerostraße. Markus Hurley hat hier seinem Wollladen eröffnet – ganz bewusst an diesem Ort: "Die Nerostraße gehört zu einem Viertel in Wiesbaden, was Wiesbaden sehr gut abbildet meiner Meinung nach. Es liegt genau zwischen Kurviertel, Taunusstraße, zwischen bisschen hochnäsig, bisschen schnicksig und Alteingesessenen."

Männerstricken gegenüber dem Caféhaus

Für Wolleliebhaber: Eine neue Anlaufstelle. Markus Hurley hat mit sechs Jahren Stricken gelernt und gibt das nun weiter: Er bietet offene Kurse an und auch welche speziell für Männer. Für ihn Ausdruck eines modernen Geistes, der durchs Viertel weht, ohne das Erbe zu vergessen. Ein gutes Beispiel dafür sei auch das ehemalige Café Preussger gegenüber: "Es ist kein Wettbüro geworden oder kein Nagelstudio - Gott sei Dank - sondern es ist ein Café geblieben. Aber es ist modern. Und es hat Charme behalten, aber es hat ihn nach Heute gebracht. Und das ist für mich ein sehr gelungenes Beispiel. Ich habe das auch versucht mit meinem Laden. Ich habe versucht, etwas zu tun, was vielleicht ein bisschen altmodisch ist, also ein Wollgeschäft. Ich habe auch altmodische Möbel, aber ich habe versucht, das auch modern zu erzählen", so Hurley.

Moderne trifft auf Tradition, Kunst auf Karges. Das Bergkirchenviertel ist im Umbruch und wird zunehmend hip. Gentrifizierung ungewiss. Es wäre schade, wenn dieses einzigartige Flair verloren ginge. 

Bericht: Wero Lisakowski

Sendung: hr-fernsehen, "Hauptsache Kultur", 29.11.2018, 22:45 Uhr