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zum Video "Deadline" – Der Tod kommt bestimmt, aber diese Mal ganz anders. Eine Stephan Balkenhol-Ausstellu...

Pietá und Totentanz

Eigentlich kein schönes Thema, oder? Sterben, Tod, Bestatten, Trauer und Gedenken? Aber das Sepulkralkultur-Museum schafft es seit vielen Jahren, dieses Themenspektrum skurril, sogar heiter, informativ und immer wieder überraschend an sein Publikum zu bringen. Jetzt gibt es eine neue Ausstellung mit Werken von Stephan Balkenhol.

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Ausstellung "deadline"
06. April bis 14. Juli 2019
Museum für Sepulkralkultur, Kassel

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Stephan Balkenhol. Typisch: immer mit Zigarette. Er liebt dieses Ritual – auch beim Arbeiten. Sein "Mann im Turm" ist seit seiben Jahren so etwas wie Kassels heimliches Wahrzeichen. Jetzt zeigt Stephan Balkenhol Werke im Museum für Sepulkralkultur zum Thema Leben und Tod. "Das ist so ein Thema, was mich über Jahre immer ab und zu beschäftigt hat. Und ich glaube, es ist auch ein urmenschliches Phänomen, dass der Mensch sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst wird", sagt er.

Jeder Mensch hat eine "deadline", eine Frist, die er nicht überschreiten kann. "Deadline", so heißt auch Balkenhols Ausstellung. Sich mit der eigenen Endlichkeit, mit der eigenen Vergänglichkeit auseinander zu setzen, das ist oft nicht einfach. Das macht Angst. Vielleicht verdrängen wir deshalb den Tod, leben so, als wären wir unsterblich. "Die Todesangst ist nichts anderes als eine Lebensangst. Und die zu besiegen verhilft einem besser zu leben", befindet der Künstler.

"... als wenn ein Teil von einem selber herausgerissen wird"

Stephan Balkenhol noch ganz jung. Mit 21 traf er den Tod zum ersten Mal, als sein Vater starb. Viel zu früh, er war noch Student, hatte sein Leben als Erwachsener gerade erst begonnen: "Das ist natürlich ein Schock, wenn dann ein Elternteil stirbt. Und wenn einem bewusst wird, das man jetzt alleine ist. Man hat niemanden mehr, auf den man sich berufen kann und der einem hilft. Und man ist also jetzt für sich selbst zuständig. Bei meinem Vater konnte ich das noch relativ gut ertragen, weil der mir spirituell sehr viel gegeben hat. Und das war ein Schatz, den konnte mir niemand nehmen. Bei meiner Mutter war es anders, weil das so ein körperlicher Schmerz war, als wenn ein Teil von einem selber herausgerissen wurde, als sie dann zehn Jahre später verstorben war", so Balkenhol.

Aus einem Stamm Zedernholz schuf er damals einen letzten Strauß für die Mutter -  sein Ritual, ihren Tod zu verarbeiten.

"Kinder - eine Glücksverheißung in die Zukunft"

Vor einigen Jahren ist der mittlerweile 62-jährige noch einmal Vater geworden – seine Töchter Paula und Hermine sind vier und zwei. Natürlich lieben sie lieben es, mit den Eltern gemeinsam zu malen. Obwohl die beiden noch so klein sind, haben auch sie den Tod schon kennengelernt: letztes Jahr, als ihr Hund Bella gestorben ist.

Als Vater von kleinen Kindern, wie schaut er da auf seine eigene Endlichkeit? "Wenn ich meine Kinder sehe, dann ist das eine Glücksverheißung in die Zukunft für Leben. Das ist das Gegenteil von Tod.  Das ist vielleicht auch ein Mittel länger zu leben. Auf jeden Fall das Leben zu genießen", sagt er.

Tanz mit dem Tod

Die Ausstellung ist mit viel Leichtigkeit konzipiert. Sinnlich. Grob gehauene, unfertig wirkende Figuren. Typisch Balkenhol. Menschenbilder im Spannungsfeld, von Liebe und Tod. Geheimnisvoll. "Dieses Verdrängen gehört auch dazu", sagt Balkenhol, "wenn man jetzt immer daran denken würde, dass man stirbt, dann wäre ein unbeschwertes Leben nicht möglich. Es ist ja auch eigentümlich, dass niemand den Zeitpunkt seines eigenen Todes kennt."

Dieses Nicht-Wissen, diese Verbindung von Leben und Tod, zeigt sich in der Kunst von Stephan Balkenhol. Das Mehrdeutige, das beim Betrachten viel Spielraum lässt.

Bei seinem Werk "Totentanz" fragt man sich: Wer tanzt hier mit wem? "Es könnte die Frau sein, die mit einem anderen Mann, mit dem Tod tanzt. Oder sie tanzt mit ihrem eigenen Tod ", erklärt Balkenhol. Und seine Frau Kathrin Balkenhol meint: "Also ich weiß nur, dass sie führt." Daraufhin der Künstler: "Sie führt.  Genau, das war ja deine Vorgabe als strenge Muse: 'Pass auf, dass sie führt!' Und ich habe überlegt, wie geht denn das." Seine Frau wiederum erklärt: "Dieses auf der einen Seite natürlich führen, weil man das Leben auch genießt in vollen Zügen. Die deadline auskostet. Und gleichzeitig immer auch gewahr ist, dass man in einem Tanz mit dem Tod übers Parkett schwebt."

Bloß keine Askese

Der Tod bei Stephan Balkenhol – er ist schaurig schön. Übrigens: Von Askese als lebensverlängernder Maßnahme hält er nichts: "Es gibt doch nichts Schöneres als ein Glas Wein und eine Zigarette!"

Stephan Balkenhol ist ein Genussmensch. Einer, der sich dem Leben und dem Tod stellt.

Bericht: Carola Wittrock

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 11.04.2019, 22:45 Uhr