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zum Video Die "Frankfurter Erklärung der Vielen": Wie Theater und Museen ein Zeichen der Offenheit setzen

Frankfurts Kultureinrichtungen schließen sich zusammen – in einer "Erklärung der Vielen." Sie wollen kämpfen: gegen rechte Stimmungsmache, Ausgrenzung und Abwertung von Menschen, aber auch gegen Fundamentalismus und Antisemitismus. Ist so etwas nötig – in Frankfurt?

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hessenschau.de: Frankfurter Kulturschaffende gegen Rassismus und Ausgrenzung

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Steuergelder für den Christopher Street Day. Für Theaterprojekte mit Geflüchteten, wie hier im Schauspiel Frankfurt. Oder für Workshops vom Frankfurter Frauenreferat – für Frauen aus ganz Deutschland. Wenn es nach dem Willen von rechtspopulistischen Parteien ginge, wäre damit jetzt Schluss. Sie wollen die Unterstützung für solche Projekte streichen.

Was bedeutet das für eine Stadt wie Frankfurt? Vertreter von über 50 Einrichtungen der Kulturszene schlagen Alarm. Sie wollen ein Zeichen für Vielfalt setzen – mit der "Frankfurter Erklärung der Vielen". "Das ist allgemein eine Erklärung von Kunst- und Kulturschaffenden, die sich gegen vereinnahmende Tendenzen richtet. Seien es rechtspopulistische, völkisch-nationalistische, autoritäre Tendenzen, die versuchen, Kunst und Kultur zu vereinnahmen", erklärt Mitverfasserin Sophie Osburg.

Skandal um ein rechtsextremes Netzwerk

Angefangen hat die Bewegung Ende letzten Jahres in Berlin. Dann auch in Hamburg und Dresden. Unter dem Namen "Die Vielen" haben sich mehrere hundert Orchester, Theater und Museen zusammengeschlossen, um sich vor allem gegen Angriffe von Rechts zur Wehr zu setzen. Nun also auch in Frankfurt, der liberalen Stadt, in der jeder zweite einen Migrationshintergrund hat. Ist so eine Erklärung hier überhaupt notwendig?

"Auch wir haben hier die AfD im Parlament. In Frankfurt war der erste öffentliche Störfall der Identitären Bewegung in einem Theater, im Gallus-Theater damals. Wir haben Brandanschläge auf linke Einrichtungen hier in der Stadt. Wir haben eine allgemeine Verschlechterung des Klimas, wenn wir über diese Fragen reden", berichtet Matthias Pees, Intendant des Frankfurter Mousonturms.

Nicht nur die Kultur ist betroffen. Die Frankfurter Polizei wird gerade von einem Skandal um ein rechtsextremes Netzwerk erschüttert. Seit Monaten erhält die türkischstämmige Anwältin  Seda Basay-Yildiz Drohbriefe, unterschrieben mit NSU 2.0. Die Spuren führen zu einem Polizeicomputer.

"Morddrohungen, Gewalt, Holocaustleugnung"

Auch die Bildungsstätte Anne Frank ist immer wieder Ziel von Angriffen. Sie setzt sich ein gegen Rassismus, will Jugendliche für das Erkennen von Vorurteilen sensibilisieren. Doch die Hetze nimmt zu, sagt der Leiter der Einrichtung. Und die komme vor allem von Rechts: "Wir reden über eine Verfünffachung der Menge von Hasskommentaren. Und es geht nicht nur um die Quantität, sondern auch um die Qualität. Die Botschaften werden immer aggressiver. Da gibt es Morddrohungen, es gibt Gewalt, Holocaustleugnung. Das sind alles Sachen, die extrem zugenommen haben in den letzten zwei, drei Jahren", so Meron Mendel.

Wie rechte Gruppierungen politisch vorgehen, das untersucht Beno Hafeneger. Der Rechtsextremismus-Experte  hat in einem Forschungsprojekt 1.000 Anträge der AfD untersucht und dabei eine bestimmte Methode erkannt: "Wenn wir uns konkrete Anträge ansehen, geht es immer darum: Projekte, Aktivitäten, die etwas mit Selbstbestimmung zu tun haben, etwas mit Emanzipation zu tun haben – wenn solche Aktivitäten sich finden, dann beantragt die AfD in der Regel, diese Projekte  nicht mehr zu fördern."

Skandalisierung eines Schülerprojekts

So war es auch bei "Faust - ein Integrationsprojekt" aus Hofheim. Gefördert unter anderem vom Main-Taunus-Kreis. Bei dem Stück traten Schüler zusammen mit Geflüchteten auf. Goethes Klassiker – verbunden mit Geschichten aus deren Heimat. Eine Szene: "Bei uns in Afghanistan ist es so: Wenn ein Mädchen nicht verheiratet ist und ein Kind bekommt, muss sie die Familie verlassen."

Der AfD-Antrag, die Förderung für Stücke wie diese in Zukunft zu überprüfen, wurde abgelehnt. Daraufhin stellte die Partei ein Video mit ihrem kulturpolitischen Sprecher Patrick Bauer auf Facebook, in dem dieser den Main-Taunus-Kreis angreift: "Soll die zunehmende Präsenz islamischer Herrschaftssymbole nun Normalität darstellen? Oder erlaubt sich der MTK eine den eigenen Wertvorstellungen angepasste Kulturpolitik?

"Man könnte sagen, das ist geschickt genutzt. Sie haben scheinbar ein Theaterstück identifiziert, das aus ihrer Sicht islamfreundlich ist, Propaganda beinhaltet für die Lebensweise des Islam. Das passt ihnen nicht. Das passt nicht zu ihrem Kulturverständnis, das haben sie skandalisiert", erklärt Hafeneger.

"Eine grundsätzliche Grenze ziehen"

Um sich vor rechter Hetze – auch im Internet – besser zu schützen, wollen sich die Unterzeichner der Frankfurter Erklärung besser vernetzen. Ihnen geht es nicht nur um Angriffe von Rechten, sondern auch von Fundamentalisten. "Es geht gar nicht so sehr darum, eine bestimmte Bewegung, eine bestimmte Partei, die AfD oder die Identitären zu brandmarken, sondern es geht darum, dass wir eine grundsätzliche Grenze ziehen und sagen: Alles ist möglich, aber nur auf der Basis, dass wir in einer pluralen Gesellschaft leben und alle gemeinsam akzeptieren, dass wir diese Positionen, die wir vertreten, die auch unterschiedlich sein können, dass wir die akzeptieren können", so Pees.

Sie alle wollen die Freiheit der Kunst verteidigen. Solidarisch gegenüber denen sein, die angegriffen werden. Damit Frankfurt so bunt und vielfältig bleiben kann, wie es ist – auch in der Kulturszene.

Bericht: Grete Götze

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 07.02.2019, 22:45 Uhr