In der großen "Helene Fischer Show" singt die Königin des deutschen Schlagers gemeinsam mit Kerstin Ott zur Primetime über queere Patchworkfamilien, im Publikum schwenkt die LGBTIQ-Community Regenbogenfahnen – während Roland Kaiser sich gegen Intoleranz, Hass und verdrehte Wahrheiten stark macht. Und Howard Carpendale ergreift das Wort, um auf die vom Shutdown existenziell bedrohte Veranstaltungs- und Kulturbranche aufmerksam zu machen. Was passiert da gerade im deutschen Schlager?

Der deutsche Schlager wird ja gerne belächelt und als oberflächliche, apolitische Alltagsflucht abgetan. Doch auch im Schlager gibt es Künstler*innen, die sich mit unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit auseinandersetzen und etwas verändern wollen. "hauptsache kultur" über die Kraft des Schlagers in schwierigen Zeiten.

Der Schlager im Wandel – Wie sich Künstler*innen gesellschaftlich positionieren

Fau auf Bühne

Oberflächliches Gedudel für den Massengeschmack? Mit dieser Auffassung würde man den Schlager doch sehr unterschätzen, sagt Schlagerforscher Ingo Grabowsky: Denn der Schlager habe wohl mehr für die deutsche Gesellschaft getan als die meisten fremdsprachigen Rocksongs zusammen, ist er der Meinung. Spätestens seit 2014, als Helene Fischer am Brandenburger Tor vor Millionenpublikum auftrat, ist er wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Porträt

Und er widmet sich auch immer wieder aktuellen relevanten Themen: So positioniert sich zum Beispiel Roland Kaiser mit seinem Hit "Liebe kann uns retten" unmissverständlich gegen Menschenfeindlichkeit und Demagogie, wenn er singt: "Wenn der Hass die Wut berührt, Die Wahrheit auf einem Seil nur balanciert, Dann lass uns nicht stumm sein, lass es uns nicht egal sein." Und auch in Interviews spricht sich der Grandseigneur des Genres und bekennendes SPD-Mitglied deutlich gegen Pegida & Co. und autoritäre Tendenzen in unserer Gesellschaft aus.

Mann auf Bühne

Auch Howard Carpendale nutzt aktuell seine Bekanntheit, um z.B. auf die Nöte der Veranstaltungsbranche aufmerksam zu machen. Gesellschaftskritik – früher gab es sie im Genre noch viel ausgeprägter. So besang zum Beispiel Udo Jürgens mit "Ein ehrenwertes Haus" Doppelmoral und Kleingeisterei, während Gitte Haenning und Vicky Leandros nonchalant die selbstbestimmte Frau, Freiheit und Gleichberechtigung thematisierten. Und Nicole mit ihrem Anti-Kalter-Krieg-Song "Ein bisschen Frieden" sogar den Grandprix de la Chanson d’Eurovision gewann.

"hauptsache kultur" macht eine Reise durch den Schlager und fragt: Wie viel Zeitgeist und gesellschaftliche Relevanz steckt da heute drin?
Bericht: Sarah Plass

Regenbogenfarben in der Schlagerwelt – Die Sängerin Kerstin Ott

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Frau auf Bühne
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Ihre Geschichte klingt wie ein Märchen: Mit dem Song "Die immer lacht" – ein Lied über die Depressionen einer Freundin – wurde aus der Maler- und Lackiererin Kerstin Ott plötzlich eine der bekanntesten Schlagersängerinnen des Landes. Und zwar mehr oder weniger aus Zufall: Denn ihr auf ein paar wenige CDs gebrannter Song gelangte in die Hände zweier DJs, die das Potenzial erkannten, einen Remix machten und damit Kerstin Ott – die ehemals spielsüchtige Arbeiterin – von heute auf morgen zum Internetstar, der heute die großen Hallen ausverkauft. Der Song von 2016 zählt zu den meistverkauften Singles in Deutschland und hat mit über 180 Millionen Aufrufen auf YouTube mehr als sieben Mal so viele Klicks wie die Videos von Helene Fischer.

Und das, obwohl die einstige Handwerkerin aus Norddeutschland absolut keine schillernde Bühnenpersönlichkeit in aufregenden Outfits ist. Kerstin Ott sprengt mit Jeans, Bomberjacke und Gitarre alle klischeehaften Vorstellungen von der Frau im Schlager. Sie lebt zudem offen homosexuell mit ihrer Ehefrau Karolina und deren zwei Kindern auf dem Land. Und queeres Leben besingt sie auch in ihren Songs: "Er und Er, zwei Eltern, die ihr Kind zur KITA bringen - Sie und Sie tragen jetzt den gleichen Ring. Alles ganz normal!" – jetzt endlich auch im Schlager.

"hauptsache kultur" porträtiert diese außergewöhnliche Sängerin, die für viele ihrer Fans zu einer echten Identifikationsfigur geworden ist, eben genau, weil sie so herrlich normal ist.
Bericht: Christiane Schwalm

Sex im Schlager – Wie versaut sind deutsche Liebeslieder?

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Klar, das Thema in den meisten Schlagern ist nur eines: Liebe, Liebe, Liebe. Oft ganz romantisch, die monogame Zweisamkeit besingend, aber in einigen Songs geht es auch ziemlich offensiv zur Sache. Untreue, One-Night-Stands, die ältere Frau, die den jungen Mann verführt – Texte, die bisweilen ziemlich unverblümt den Akt an sich besingen. "Atemlos durch die Nacht", eben.

"hauptsache kultur" hat sich die Schnulzen-Klassiker der letzten Jahrzehnte mal genauer angehört und war erstaunt, was sich bei Roland Kaiser und Co. alles zwischen den Zeilen lesen lässt – und was Schlagertexte so über die Gesellschaft und ihr Verhältnis zur Liebe verraten.
Bericht: Sophia Luft

Wie schreibt man einen Gassenhauer? – Ein Portrait des Hitmakers Christian Bruhn

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Porträt
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Christian Bruhn hat die deutsche Musiklandschaft mit einigen Hits versorgt, die jeder mitsingen kann. Er ist einer der erfolgreichsten Komponisten und Musikproduzenten unserer Zeit. Verantwortlich für die Evergreens "Ein bisschen Spaß muss sein" (Roberto Blanco), "Marmor, Stein und Eisen bricht" (Drafi Deutscher), "Hinter den Kulissen von Paris" (Mireille Matthieu), "Ich möcht' der Knopf an deiner Bluse sein" (Bata Illic), "Liebeskummer lohnt sich nicht" (Siw Malmkvist) , "Wunder gibt es immer wieder" (Katja Ebstein), aber auch die Titelsongs der Fernsehsendungen "Heidi", "Captain Future", "Wickie" u.a.

"hauptsache kultur" besucht den 86-jährigen Hitmaker und lässt sich erklären, wie man einen guten Schlager erfindet.
Bericht: Sven Waskönig

Weitere Informationen

Moderation: Cécile Schortmann
Redaktion: Nora Binder, Juliane Hipp

Unsere nächste Sendung ist am Donnerstag, 19.11.2020, 22:30 Uhr!

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Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 12.11.2020, 22:30 Uhr