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zum Video Die "Satire-Macherin" Effi B. Rolfs

Dass sie und ihr Team am 19.3.2019 die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt für ihr außerordentliches kulturelles Engagement bekommen, hat Effi B. Rolfs erst aus der Zeitung erfahren. Doch die Chefin des kleinen aber feinen Frankfurter Satiretheaters "Die Schmiere", kann darüber nur lachen: Effi B. Rolfs hat Sinn für Absurditäten, nicht nur des Politbetriebs, sondern auch des Alltags.

"Wenn ich morgens die Augen aufmache, dann geht die Satire los. Diese kleinen Begebenheiten, diese kleinen Stolperer die man so im Augenwinkel gerade noch wahrnimmt oder manchmal wirklich die Volltreffer und Fettnäpfchen. Ja und Machen, klar das mache ich schon immer. Man muss machen von morgens bis abends und das mache ich eigentlich ganz gerne", sagt Effi B. Rolfs, Satire-Macherin.

So sah es schon aus, als sie vor rund 30 Jahren das kleine Satire-Theater übernahm, im Keller des Frankfurter Karmeliterklosters. Bis heute ist jeder Stuhl anders: "Ich bin ja immer dafür dass die, die weniger zahlen, auch was sehen sollen. Das finde ich auch immer ganz wichtig, die kriegen so eine Sitzerhöhung."

Jeder macht alles

Zusammen mit Matthias Stich leitet sie die "Schmiere": Zwölf Leute machen hier Programm. Die Texte schreiben sie zum Großteil selbst und jeder packt mit an. Fördergelder wollen sie nicht. "Wir machen im Großen und Ganzen nur das, was wir hier auch wollen. Ich denke, dass diese Freiheit auch beim Publikum ankommt. Das spüren die Leute, das ist echt Schmiere, das ist der Flair", so Rolfs.

Und so heißt es in einem ihrer Stücke: "Denken wir doch einmal an Europa, meine Damen und Herren. Da fallen einem heute vielleicht der Brexit ein. Die Griechenlandrettung oder auch die Flüchtlingsverteilung. Immer mehr Bürger lehnen die EU ab. Und gerade jetzt in Zeiten von AfD und Pegida möchten wir mal ganz bewusst nicht Politiker zu Wort kommen lassen. Deswegen begrüßen Sie ganz herzlich jetzt mit mir gemeinsam zu meiner Linken… den Osterhasen!"

Schlechte Realpolitiker nehmen jede Pointe weg

"Wir hören das ja oft, dass man sagt, schlechte Zeiten sind gute Zeiten für Kabarettisten, wobei ich das so nicht unterschreibe, finde ich überhaupt nicht, weil wir sind im Moment ja in einer Zeit, wo einem die schlechten Realsatiriker eigentlich jede Pointe nehmen. Das kann man gar nicht anders sagen. Schauen wir uns die Trumps und Erdoğans und was weiß ich, die 'Monschischis' dieser Welt an. Keine Ahnung. Das ist ja nicht mehr zu überbieten an Satire", sagt die Theaterleiterin.

Und noch ein Theater-Ausschnitt: "Wenn es etwas Gebrauchtes sein soll. Da hätten wir hier noch Erich Mendes Wenderock aus den 60ern. Den trug die FDP lange Zeit, der ist konservativ, wenn sie mit der CDU gehen, lässt sich aber auch schnell und leicht nach links drehen, wenn sie mit der SPD unterwegs sind und genauso schnell wieder zurück. Ach Entschuldigung, das geht ja gar nicht, der ist ja inzwischen verkauft, den trägt jetzt der Al-Wazir von den Grünen."

"Das ist total spannend zu sehen, wenn wir wirklich die Menschen erreichen, was uns natürlich nicht immer gelingt. Wenn einer, eine hier rausgeht und nur den Bruchteil einer Sekunde noch weiter darüber nachdenkt, was wir auf der Bühne abgeliefert haben. Dann mache ich Politik hier. Dann erreiche ich etwas", so Rolfs.

Theater im Bauwagen

Die Gäste persönlich empfangen, das ist Effi B. Rolfs wichtig und das hat auch schon ihr Vater so gemacht: Rudolf Rolfs, der 1950 die Schmiere gründete und rasch einen legendären Ruf genoss. Als junger Mann war er aus der sowjetischen Besatzungszone nach Frankfurt gekommen und platzierte seinen Bauwagen auf dem noch kriegszerstörten Römerberg. Er wollte für ein mobiles Theater werben: "Das waren ja so die 50er Jahre damals, da war alles so das Schönste, das Größte, Wiederaufbau. Und mein Vater war wahrscheinlich der Erfinder des Marketings damals und ist gleich dagegen geschossen, und hat gesagt, er kann ja jetzt nicht das schönste oder größte Theater machen. Nein, er macht eine Schmiere, so ne richtige Schmiere", erinnert sich die Tochter.

Mit Klein-Effi auf den Schultern zur Demo

Er kam dann an einen leer stehenden Keller im Steinernen Haus. In einer Nacht- und Nebelaktion lieh er sich Stühle von einem Gastwirt, und bei Regen tropfte das Wasser von der Decke. Rolfs war aber nicht nur ein messerscharfer Satiriker, sondern auch ein äußerst streitbarer Linker. Als alleinerziehender Vater nahm er die Tochter überall mit. "Bei ihm war Politik wirklich das Leben. Es ging auf Demos. Klein-Effi auf den Schultern. Klar toll, dem Wasserwerfer direkt gegenüber gestellt; von Ostermarsch- Bewegungen über Anti-Atomkraft. Reden halten vor Zehntausenden. Denn es hat ja damals wirklich noch Zehntausende zu Ostermarsch-Zeiten auf die Straße getrieben. Das war für mich Alltag", so Rolfs.

Politik und Satire - Effi B. Rolfs lebt das auch heute in ihrem Alltag. In Frankfurt-Höchst hält sie sich gerne auf; sie mag das bunte Viertel, unterstützt Vereine und Initiativen, die sich für die Entwicklung des Stadtteils einsetzen; und sie bestellt ihre T-Shirts NICHT im Internet, sondern lässt sie hier in einer kleinen Werkstatt drucken: "Ich denke, dass unser Leben nur dann lebenswert wird, wenn wir es tatsächlich mit allen Sinnen auch wahrnehmen. Und dazu gehört Engagement. Das sind diese kleinen Dinge oft, in dem wir z.B. in einem Stadtteil wie Höchst gemeinsam Tische auf eine Fußgängerzone stellen und mit 50 Leuten Kaffee trinken. Man kommt ins Gespräch. Wir kommunizieren. Was es so für mich nur in Höchst gibt", sagt sie.

"Dieser kleine Scheiß-Laden hat es verdient"

Jetzt freut sich Effi B.Rolfs über die Goetheplakette, die ihr die Stadt Frankfurt verliehen hat, die höchste Auszeichnung für kulturelles Engagement. Sie nimmt dies zum Anlass, mit dem Foto vom Bauwagen ihres Vaters an den Anfang der Schmiere zu erinnern. "Das ist wirklich was, wo ich sage, mein Vater hätte das wahrscheinlich ja gar nicht angenommen. Er hätte sich nie auszeichnen lassen oder ehren lassen oder so. Aber ich finde, dieser kleine Scheiß-Laden hat es verdient."

Bericht: Juliane Hipp

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 21.03.2019, 22:45 Uhr