Zwei Menschen an Computer
Mirko Heckner (Nicolai Gonther) und Nele Fromm (Mala Emde) in "Lehman. Gier frisst Herz" Bild © HR/AVE Publishing/Dominik Berg

"Ihr seid eine Betrügerbande hier!", schreit eine Frau ihren Bankberater an. Eine Spielszene aus dem Film "Lehman. Gier frisst Herz". Das Dokudrama, das am Sonntag im Ersten läuft, zeichnet die Auswirkungen der Lehman-Pleite vor zehn Jahren nach – aus hessischer Perspektive.

Weitere Informationen

"Lehman. Gier frisst Herz." 23. 9. um 21:45 Uhr, Das Erste

Ende der weiteren Informationen

Ein Bankencrash und seine Folgen. Die Lehman-Pleite vor zehn Jahren. Auch bei uns verloren viele Kleinsparer ihr Geld. "Am Ende des Tages ist die alle entscheidende Frage hat man daraus irgendetwas gelernt für heute und kann uns das heute wieder passieren?", sagt Markus Gürne von der ARD-Börsenredaktion

Ein Film zeichnet nun den Zusammenbruch vor zehn Jahren nach: "Lehman. Gier frisst Herz." Ein Dokudrama mit Joachim Krol. Noch bevor der Film im Fernsehen läuft, wird er in der Frankfurt School of Finance gezeigt .In den Reihen des Publikums sitzen auch Opfer der Finanzkatastrophe.

Anlageberater zwischen Pflicht und Skrupel

2008: Das New Yorker Bankhaus Lehman hat kein Geld mehr und legt faule Papiere auf mit großen Versprechungen. Lehmann schafft es über die Landesbanken, die Zertifikate in Deutschland zu vertreiben. Auch in der Frankfurter Sparkasse. 5000 ihrer Kunden kauften die Lehmann Papiere. Im Film heißt sie Rhein-Main Sparkasse.

Joachim Krol spielt einen Anlageberater zwischen Pflicht und Skrupel. Er ahnt, dass die Lehman-Papiere nicht sauber sind, gibt aber dem Druck seiner Vorgesetzten nach und vertreibt sie.

"Alles in trockenen Tüchern"

Inszeniert hat diesen Film der Kasseler Raymond Ley. Ihn interessierten nicht nur die Finanzakteure. Sondern die kleinen Leute. "Wir wollten eigentlich ja eine Geschichte erzählen, die diese Lehman-Pleite aus dem Mikrokosmos erzählen, in das Große hinein, also sozusagen, wie es aus der kleinen Geschichte einer Frau, die ihre Altersvorsorge anlegt, oder eines Mannes, der guckt, was kann er mit seinem Ersparten machen, also wie kann man daraus das Wesen und das Unwesen dieser Finanzkrise mit ablesen", sagt der Regisseur.

Warum ließen sich so viele Kunden darauf ein? In dem Film kommen auch die Geschädigten und Zeitzeugen zu Wort. Ein Kunstgriff, der zeigt: Viele hatten nicht verstanden, was sie da kauften. Im Film sagt Krol in seiner Rolle als Finanzberater: "Es gibt ein theoretisches Risiko, das steht da drin. Aber das muss Sie nicht interessieren." – "Mich sprach damals der Filialleiter der Bank an, er hätte da eine Supersache für mich. Ich habe ihm ganz klare Vorgaben gegeben: Ich will es sicher haben. Ich will auf gar keinen Fall, dass mir das Geld verloren geht", erinnert sich Heike Schneider. Krol im Film: "Machen Sie sich keine Gedanken, das ist alles in trockenen Tüchern."

Die Sparkassenkundin aus dem Film treffen wir nach der Vorstellung wieder. Auch ihr Geld war weg: "Mein Bankberater rief mich an: Ja Sie haben doch da Anleihen gekauft. – Hab ich gesagt. Ich hab bei Lehman Anleihen gekauft? Ja, als wir uns das letzte Mal gesehen haben, da haben Sie doch diese Anleihen gekauft. Hab ich gesagt: Das war von Lehman? Das war mir überhaupt nicht bewusst gewesen, was er mir damals verkauft hat."

"Mit den anderen tanzen"

Für Börsenexperte Markus Gürne ist die Lehman-Pleite eine der größten Finanz-Crashes überhaupt, mit Auswirkungen bis heute. Wer trägt Schuld daran? "Schuld haben , jedenfalls aus meiner Sicht, diejenigen, die wissentlich diese Pakete geschnürt haben, wo extrem viel Schrott drin war, die haben Schuld. Ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden sind zumindest diejenigen, die das Zeug verkauft haben und nicht reingeguckt haben, was ist das eigentlich", sagt er.

"Einer der Vorstandsvorsitzenden von einer der größten Banken der Welt, der Citibank, sagte, weißt du, wenn die Geigen spielen, kann ich nicht anders als aufzustehen und mit den anderen zu tanzen. Das bedeutet: Wenn der Markt günstig und euphorisch ist, muss man genauso handeln wie alle anderen", wird Jean-Claude Trichet, von November 2003 bis Oktober 2011 Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) .

Gier nicht nur bei den Bankern

Und so ging der Tanz am Abgrund weiter. Auch Volkmar Eißner hat seine Erfahrungen mit Lehman gemacht. Im Film spielt er sich selber. Heute sieht er seine eigene Rolle selbstkritisch: Waren nur die anderen gierig? "Dieses sentimentale Getue über Gier und so weiter, da will ich gar nicht darauf eingehen. Natürlich haben wir das gemacht, weil es ein Prozent mehr gab. Es gab statt vier Prozent im Normalfall fünf Prozent bei Lehman", sagt er.

Die Kleinanleger hatten natürlich auf Gewinn gehofft. Gesehen hatten sie freilich nicht, was auf sie zukommt. "Es haben auch die Verantwortung, die Rendite haben wollen und die selten sich so informieren, selber erst Mal vorneweg, was ist das eigentlich. Was ist ein Derivat, was ist ein Zertifikat, was ist eine Aktie, da geht’s schon los. Also so ein bisschen Grundlage selber, glaube ich, muss man schon auch haben. Das ist aber natürlich keine Schuld, aber das ist eine Eigenverantwortung", so Gürne.

Diese Eigenverantwortung ist heute bei den Kunden in der Regel gewachsen. Doch wie sieht's bei den Bankern aus? Nicht nur im Film wirken sie suspekt. Die Lehman-Pleite hat ein generelles Misstrauen geweckt. "Die Banker haben einen extrem schlechten Ruf, aber sie haben das auch selber geschafft, weil sie das Wichtigste entzogen haben, was es überhaupt gibt – und das hat nicht nur mit Geld zu tun, sondern fast in jedem Bereich Vertrauen. Das ist diese Vase, die einmal runterfällt. Die kann man wieder raufstellen und kleben, aber man sieht halt dummerweise immer wieder, dass sie mal geklebt wurde", so Gürne.

Eine andere Krise? Hundertprozentig!

An diesem einen Wochenende, Mitte September vor zehn Jahren, brach dann alles zusammen. Die Finanzmärkte in der ganzen Welt bebten. Die Konsequenz aus der Krise: Die Banken wurden stärker reguliert. "Kann uns das wieder passieren? Nein! Das nicht. Eine andere Krise? Hundertprozentig", so Gürne.

Denn neue Gefahren sind im Anmarsch: unregulierbare Schattenbanken, undurchsichtige Briefkastenfirmen, unsichere virtuelle Währungen. Beipackzettel für diese Risiken sind noch nicht geschrieben.

Bericht: Uli Zimpelmann

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 20.09.2018, 22:45 Uhr