Video

zum Video Traumhaft und schockierend – wie ein Fotograf den zerstörenden Einfluss unserer Zivilisation auf...

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Tom Hegen mit den Folgen menschlicher Eingriffe in natürliche Lebensräume. Viele dieser Eingriffe sind mitverantwortlich für die weltweite Klimaveränderung. Seine Fotografien zeigen diesen starken Einfluss des Menschen auf die Umwelt und machen deutlich, in welcher Form wir unsere Landschaften durch unser Handeln verändert haben.

Weitere Informationen

Tom Hegen"Habitat"
Kerber Verlag
Nov. 2018

Ende der weiteren Informationen

Der Homo sapiens ist eine erfolgreiche Spezies. Seit 300.000 Jahren behauptet er sich in einer oft feindlichen Natur. Er kultiviert und domestiziert. Er baggert, bohrt, baut. Gerade taut er das ewige Eis auf. So ganz nebenbei.

Weil der Mensch auch erfolgreich verdrängt, ist der Fotograf Tom Hegen im letzten Sommer über die Arktis geflogen und hat Aufnahmen gemacht: Two Degrees Celsius heißt die Serie. Benannt nach jener magischen Grenze, die die globale Erwärmung nicht überschreiten darf. Unsere allgegenwärtigen Spuren auf dem Planeten sind Hegens Thema geworden.

" 90% unserer Landschaft in Deutschland vom Menschen verändert "

Zum Beispiel einer der ältesten Eingriffe des Menschen in die Natur: Seesalzgewinnung. Eine farbenfrohe Symbiose zwischen Industrie und Bakterien, die in den Salinen leben. Früher hat Tom Hegen eher "schöne" Landschaften abgelichtet. Und war damit bald unzufrieden: "Wenn man hier sich die Landschaft, die unter einem weggleitet, ansieht, merkt man schnell, dass über 90% unserer Landschaft in Deutschland vom Menschen verändert worden sind. Und das war mir anfangs nicht so bewusst", sagt er.

Wir haben der Wildnis eine Fläche von 0,6 % übriggelassen. Alles andere gehört uns. Wir nennen es "Kulturlandschaft." In der war Tom Hegen ein paar Monate unterwegs und hat erforscht, wie unsere Bedürfnisse unseren Lebensraum prägen. Das Ergebnis ist ein Buch mit dem Titel "Habitat" und Kapitelüberschriften, die erst einmal recht positiv klingen: Was uns ernährt. Was uns aufbaut. Was uns antreibt. Was uns verbindet.

Gefällige Bilder - jedoch Gift

Die Versuche, uns häuslich auf der Erde einzurichten, sind - so auf Modelleisenbahngröße geschrumpft - auch sehr nett anzuschauen: Die Akkuratesse, mit der wir das natürliche Chaos ordnen und begradigen. Der Einfallsreichtum, mit dem wir immer neue Techniken entwickeln, um unsere Existenz zu sichern. Jedes Bild ein ästhetisches Vergnügen. Und natürlich eine kleine Hinterfotzigkeit.

"Die sind sehr gefällig, auch von den Farbgebungen her, sind das Sachen, die man sich gern ansieht. Das heißt, der Betrachter wird erst mal mit Zucker gefüttert, merkt aber irgendwann schnell, dass es Gift ist, was er eigentlich sieht", so Hegen.

Erst aufbrauchen, dann nachdenken

Das leuchtende Rapsfeld. Eine der vier immer gleichen Monokulturen, die auf 78% unserer landwirtschaftlichen Fläche angebaut werden. Die romantische Landstraße. Teil eines der dichtesten Verkehrsnetze der Welt, das zum Mond und zurück reichen würde. Der deutsche Wald. Ein aufgeräumtes Rohstofflager. Dient zu 91% der Holzgewinnung. Der Tagebau. Schön brutal. Aber wir steigen ja aus der Energieerzeugung durch Braunkohle aus. In zwei Jahrzehnten.

"Das heißt, wir bluten da noch so lang die Erde aus, bis wirklich auch noch die letzten Reserven aufgebraucht sind und nochmal ein paar hundert Millionen Tonnen CO² in die Atmosphäre abgestoßen wurden. Und erst dann, wenn wir irgendwann sehen: Ok, es gibt eine Konsequenz in Form von immer mehr Waldbränden, von Anstieg der Meeresspiegel, von Flüchtlingskrisen, die ausgelöst werden durch Umweltkatastrophen - dann fängt der Mensch an nachzudenken", sagt Hegen.

Nach uns die Sintflut

Von oben betrachtet, wirken die Resultate unseres Nachdenkens oft etwas hilflos. Wir beruhigen uns damit, dass wir jedes Baggerloch der Baustoffindustrie nach erfolgreicher Ausbeutung renaturieren und in einen Badesee verwandeln, an dem sich neben uns noch ein paar andere Arten tummeln dürfen. Währenddessen wächst die Weltbevölkerung derzeit jährlich etwa um die Anzahl der Menschen, die heute in Deutschland leben. Und das vor allem in jenen Ländern, die von unserem Lebensstil noch weit entfernt sind, ihn aber mit aller Macht anstreben.

Denn der Homo Sapiens übt sich ungern im Verzicht. Das hat er die letzten 300.000 Jahre bewiesen. Nach uns die Sintflut. Wie sie begonnen hat, kann man auf Tom Hegens Bildern bestaunen.

Bericht: Henning Biedermann

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 14.02.2019, 22:45 Uhr