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Sie zeichnet dreidimensionale Linien in den Raum, mit Wollfäden: Chiharu Shiota, die in Japan geborene und in Berlin lebende Künstlerin. Und oft hängen in den gewaltigen Spinnenweben Objekte, schmetterlingsgleich gefaltete Blätter Papier, Kleider – oder Schlüssel, wie in dem Werk, mit dem Shiota 2015 auf der Biennale in Venedig vertreten war.

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Ausstellung

Chiharu Shiota: Gedankenlinien
Museum Sinclair-Haus
Löwengasse 15
Eingang Dorotheenstraße
61348 Bad Homburg
31. März bis 16. Juni 2019
Eröffnung: 31. März, 11 Uhr

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Weder Pinsel noch Farbe: Im Berliner Atelier der im japanischen Osaka geborenen Künstlerin Chiharu Shiota gibt es stattdessen Labyrinthe aus Wollfäden. "Den Wunsch, Künstlerin zu werden, habe ich mit zwölf Jahren gespürt und ich war auch damals schon besser im Malen als die anderen Kinder. Meine Eltern hatten eine Fabrik, wo Verpackungen für Fisch-Produkte hergestellt wurden und die Arbeiter wie Maschinen funktionierten. Schon als Kind war mir klar, dass das nicht das richtige Leben für mich sein konnte. Ich wollte in einer kreativeren, menschlicheren Welt leben. Deshalb vertiefte ich mich mehr und mehr in die Kunst."

"Ich suchte nach einem ganz persönlichen Ort"

Chiharu Shiota arbeitet seit 1996 in Berlin: "Deutschland war damals sehr lebendig, besonders im Hinblick auf moderne Kunst. Nach dem Fall der Mauer wurde Berlin ein attraktiver Ort für Künstler aus aller Welt, so dass auch ich mich für Berlin und somit für Deutschland entschied", erinnert sie sich. "Als ich in drei Jahren in Berlin neun mal umziehen musste, wurde ich sehr sensibel für die Frage, wo ich denn nun zu Hause sei. Ich suchte nach einem ganz persönlichen Ort und begann, mit Fäden die Umgebung meines Bettes einzuweben. So habe ich mir einen Rückzugsort geschaffen, quasi mein Revier aus Fäden. "

"Man fühlt sich an menschliche Beziehungen erinnert"

Weiter erklärt sie: "Etwas auf der Leinwand zu malen, als zweidimensionales Bild, empfand ich als Beschränkung. Wenn man in der dreidimensionalen Welt etwas malt, oder wenn man Linien zeichnen will, werden diese Linien zu Fäden. Deshalb sind die von mir gezogenen Fäden wie im Raum gemalte Striche. Während man mit der Wolle arbeitet, verbinden sich die Fäden miteinander, oder sie reißen, oder sie gehen Beziehungen ein. Dabei können sie alles Mögliche ausdrücken. Man fühlt sich an menschliche Beziehungen erinnert, die ebenfalls reißen oder angespannt werden, und so verknüpfe ich die Fäden im Bewusstsein ihrer Bedeutungsschwere."

Ein gigantisches Netz in Signalrot auf der Biennale

In Chiharu Shiotas Atelier entstehen nur Arbeiten, die sich transportieren lassen. Ihre Groß-Installationen werden vor Ort geknüpft. Dutzende Helfer arbeiten wochenlang daran. Wie etwa im japanischen Pavillon auf der Biennale von Venedig 2015: ein gigantisches Netz in Signalrot. Gesponnen aus zweitausend Ballen Wolle, behängt mit 180 Tausend Schlüsseln. "Die rote Farbe soll das Rot des Blutes darstellen. Es ist die Farbe, die Menschen miteinander verbindet. Und ich habe auch rote Fäden eingesetzt, um in Venedig Schlüssel miteinander zu verbinden", so die Künstlerin.

"Der Schaffensprozess findet im eigenen Inneren statt"

Die Installationen der 46-jährigen Künstlerin drehen sich um existentielle Fragen: Erinnerung, Leben und Tod. "Ich bin einmal schwer erkrankt, an Krebs. Und wenn man erkrankt, durchdringt die Schwächung mit einem Schlag den ganzen Körper. Dabei wird einem klar, was wirklich wichtig ist, was man tun und was man damit zum Ausdruck bringen wollte", sagt sie. "Der Schaffensprozess findet im eigenen Inneren statt. Was auch immer passiert ist – meine Krankheit und die damit verbundenen Leiden, die Gefühle, die ich in der Vergangenheit verspürt habe, die Geburt meines Kindes - alles gehört dazu. Nichts kann verborgen werden. Alles fließt in mein eigenes Werk mit ein."

Bericht: Hilka Sinning

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 28.03.2019, 22:45 Uhr