Ältere Frau in pinkfarbenem Oldtimer

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zum Video "Grey is the new pink" – eine Ausstellung zeigt, dass sich unser Bild vom Altern radikal ändern wird

Ein Fünftel aller Deutschen ist 65 Jahre und älter, 2030 wird das jeder Vierte sein, das sagt ganz aktuell das Statistische Bundesamt. Unsere Gesellschaft altert, aber sie wird gleichzeitig auch immer aktiver: Die Hälfte aller Senioren surft im Internet, es gibt Singlebörsen, Erlebnisurlaube und Alten-WGs.

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"GREY  IS THE NEW PINK – Momentaufnahmen des Alterns"
Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main
26. Oktober 2018 – 1. September 2019

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Die Frankfurter Ausstellung "Grey is the new pink – Momentaufnahmen des Alterns" im Weltkulturen Museum kommt da gerade richtig: Sie zeigt, dass die üblichen Klischees übers Alt-Sein heute nicht mehr gültig sind. hauptsache kultur hat eine junge Reporterin in die Ausstellung vom Altern geschickt, um sich zu fragen: Was bedeutet heute Altern und ab wann bin ich eigentlich alt? Kann Altern sogar was Schönes sein?

Klischees über Bord werfen

Alt sein. Nichts, woran ich gerne denke. Denn das bedeutet für mich: Rollator statt Turnschuhe. Unselbstständigkeit statt Freiheit. Tabletten statt Gesundheit. Mein Ich in einer alten Version – unvorstellbar. Jetzt soll ich aber für diesen Beitrag in eine Ausstellung übers Altern gehen, mich dem Thema stellen, um herauszufinden: Was bedeutet eigentlich alt sein? Und ist Altwerden wirklich so schlimm?

Mir wird gleich am Eingang klar: Meine Klischees sollte ich schnell über Bord werfen. Die vermeintlich Alten inszenieren sich auf der Foto-Plattform Instagram sogar hipper als die Jugend – wie mir die Kuratorin Alice Pawlik zeigt.

Ich:  "Okay, das ist ja hier jetzt weniger Rollator und Heizdeckchen. Das ist irgendwie... Die haben ja stylischere Instagram-Profile als ich…"
Alice Pawlik: "So ist es. Das hat sich geändert. Immer mehr ältere Menschen stellen sich sehr modisch, sehr selbstbewusst, sehr lebensbejahend in den sozialen Medien dar, jetzt in diesem Fall auf Instagram. Und wenn wir uns mal anschauen, wie viele Abonnenten, wie viele Likes und Klickes die bekommen, dann fragt man sich wirklich, ob dann 'Altern' auch schon ein Lebensstil ist."

Märchen aus dem Tablet

Die DNA der neuen Alten – eng verwoben mit den digitalen Medien. Zum ersten Mal denke ich: Wie werde ich wohl sein? Eine Insta-Oma? Und lese ich meinen Enkeln dann die Märchen aus dem Tablet vor? Werden die mich überhaupt noch brauchen? Ist es nicht schon heute so, dass wir anstatt die Oma lieber schnell das Internet befragen?

Diesen Gedanken hat eine Künstlerin in der Ausstellung aufgegriffen. "Wir haben hier ein Kunstwerk von Meret Buser aus der Schweiz. Sie hat längere Zeit mit ihrer Oma verbracht und hat alle Rezepte, Lebensweisheiten und Haushaltstipps gesammelt. Und hat daraus eine Dokumentation gemacht, die sie jetzt online zur Verfügung stellt. Also, quasi das analoge Wissen der Oma hat sie dann verarbeitet in digitales Wissen", erklärt die Kuratorin.

Eine App, die Omas Erfahrungsschatz konserviert – coole Idee, finde ich. Denn so schnell und vielfältig auch die Antworten über Google sein mögen – es geht eben nichts über Omas original Frikadellen-Rezept.

Paste aus Vogelleichen gegen Falten

Auch mit zunehmender Weisheit, den eigentlichen Altersprozess wollen wir am liebsten verlangsamen. Diese Vitrine zeigt Mittelchen dafür aus aller Welt. Mein skurriles Highlight aus Indonesien: Eine Paste aus Vogelleichen gegen Falten.

Ich:  "Ab wann ist man eigentlich alt?"
Alice Pawlik: "Sehr gute Frage und die kann man so gut wie nicht beantworten. Natürlich gibt es bestimmte Statistiken, die eigentlich schon anfangen so, Anfang, Mitte vierzig zu sagen man ist alt. Also, da beginnt diese Altersspanne. Aber im Grunde genommen ist es immer ein individueller Moment und im Grunde genommen: Man ist nur so alt, wie man sich fühlt."
Ich:  "Oder man ist ab dann alt, wenn man das Bedürfnis hat, die Vogelleichen-Paste ins Gesicht zu schmieren."
Alice Pawlik: "Ich kann mir sogar vorstellen, dass sich das auch schon ganz junge Menschen einschmieren..."
Ich:  "Prophylaktisch!"
Alice Pawlik: "Ja, genau..."

"Optimistisch, humorvoll, gut gelaunt, gastfreundlich"

Wie schön aber Falten sein können, zeigen mir dann diese Bilder: Alles Menschen, die 100 Jahre oder älter sind. "Aging Gracefully" , also "in Anmut altern" heißt diese Serie. Der Frankfurter Karsten Thormaehlen hat die Fotos gemacht und dafür die ganze Welt bereist.

 Ich:  "Wenn man jetzt diese über 100- Jährigen oder 100 -jährigen Menschen besucht, ich stelle mir dann automatisch vor, die sind alle bettlägerig, warten nur noch auf den Tod. Ist das so, oder wie sind Ihnen die Menschen dort begegnet, die Sie getroffen haben?"
Karsten Thormaehlen: "Ich würde sagen: optimistisch, humorvoll, gut gelaunt, gastfreundlich. Und die meisten waren sehr mobil. Also, die fragten, was soll ich jetzt machen und so. Soll ich was anderes anziehen? Einer hat mich sogar vom Bahnhof mit dem Auto abgeholt. Was auch ein großes Abenteuer gewesen ist. Aber nachher war ich so fasziniert, wie entspannt und sicher der gefahren ist, dass ich die ganze Zeit gar nicht auf die Straße gucken musste, sondern ich konnte ihn fotografieren."

Das Geheimrezept von vielen? Aktiv bleiben. Im Familienleben eingebunden sein. "Es gab eine Dame, die hat auf Minestrone, also die italienische Gemüsesuppe, geschworen, ja. Und ein Anderer hatte mehr so innere Werte im Vordergrund. Der hat gesagt, man sollte immer versuchen ehrlich zu sein. Oder das Gute vom Schlechten zu unterscheiden und ein guter Mensch sein durch und durch", so Thormaehlen.

Wenn jemand an der Konsole alt aussieht, dann eher ich

Mir dämmert: Natürlich gibt es sie, die gebrechlichen oder einsamen Alten. Aber diese Ausstellung zeigt vor allem die positiven Seiten des Alterns. Tattoos philippinischer Frauen, die sogar auf faltiger Haut ziemlich cool aussehen.

Oder eine Gruppe Computer-Zocker, die als "Silver Snipers" das Videospielen als Wettkampfsport betreiben. Die über 70-Jährigen mischen ordentlich die Profi-Szene auf. Wenn jemand an der Konsole alt aussieht, dann bin wohl eher ich das…

Ich:  "Jetzt sind Sie ja auch noch gar nicht so alt. Was war denn Ihre persönliche Motivation zu sagen, eine Ausstellung übers Altern zu machen?"
Alice Pawlik: "Es geht wirklich darum, dass wir uns schon als schon junge Menschen ganz früh auch Gedanken machen müssen, wie es mit uns im Alter weiter geht. Wir möchten wissen: Was macht die Gesellschaft für uns? Was können wir machen? Wo können wir uns auch in gewisser Weise verwirklichen? Und welche Möglichkeiten stehen uns zur Verfügung? Wie können wir das Altern neu denken und dann auch handeln?"

Mich hat der Rundgang auf jeden Fall angeregt, meine Vorstellungen vom Alt sein zu überdenken. Alt sein bedeutet eben auch cool sein zu dürfen. Über den Dingen zu stehen, gelassen zu sein. Ich weiß nicht, wie ich mit 80 Jahren sein werde. Aber ich weiß jetzt, dass es auch GUT werden könnte.

Bericht: Christiane Schwalm

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 25.10.2018, 22:45 Uhr