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zum Video "Ich hole Euch zurück!" Ein Vater aus Kassel will seine beiden Söhne aus dem ehemaligen IS-Gebiet...

Joachim Gerhard aus Kassel wünscht sich nichts sehnlicher, als dass seine Söhne Manuel und Fabian nach Deutschland zurückkommen. Die beiden hatten sich 2014, da waren sie 23 und 19 Jahre alt, dem sogenannten "Islamischen Staat" angeschlossen. Ob sie noch am Leben sind, weiß Gerhard nicht. Er findet aber, rückkehrende Dschihadisten hätten einen fairen Prozess in Deutschland und eine zweite Chance verdient.

Joachim Gerhard aus Kassel mit seinen beiden Söhnen Fabian und Manuel, bevor diese nach Syrien zum IS ausreisten
Joachim Gerhard aus Kassel mit seinen beiden Söhnen Fabian und Manuel beim Urlaub in Dubai, lange bevor diese nach Syrien zum IS ausreisten. Bild © privat

Manuel und Fabian. Eigentlich zwei ganz normale Jungs aus Kassel, Brüder. Die 2014 ihr vertrautes Leben aufgaben, um zu kämpfen – in Syrien – für den IS. "Das ist wie ein Albtraum", sagt der Vater Joachim Gerhard. Seit nun fünf Jahren sucht Joachim Gerhard seine Söhne. Ob sie überhaupt noch leben – völlig ungewiss: "Der letzte Stand war 2018. Gab’'s mal einen Anruf, dass meine Söhne beide leben würden. Dass sie in Syrien wären. Aber Beweise hat man halt nie richtig bekommen. Und das Gefühl ist halt da, dass sie leben", so Gerhard.

"Die Bewegung der Auslandskämpfer aus Europa ist ziemlich breit"

Wie konnte das passieren? Manuel und Fabian – behütet aufgewachsen. Der Familie ging es gut, ihr Vater ein Unternehmer. Über einen Freund kommen sie zum Islam. Besuchen eine Moschee in Kassel, konvertieren und werden innerhalb weniger Monate radikalisiert. Ein Einzelfall?

An der Frankfurter Uni untersucht die Forschungsgruppe "Flucht aus der Freiheit", warum junge Männer aus dem Westen für den sogenannten Islamischen Staat in den Krieg ziehen: "Die Bewegung der Auslandskämpfer aus Europa, die nach Syrien oder den Irak gegangen sind, um sich dort islamistischen Gruppen anzuschließen, ist ziemlich breit. Es waren europaweit über 5.000 Personen, in Deutschland waren es über 1.000 und in Österreich über 300 Personen, die diesen Weg eingeschlagen haben", informiert der Soziologe Felix Roßmeißl.

"Warum habt ihr das getan?"

Kein Einzelfall also! Über seine Geschichte hat Joachim Gerhard ein Buch geschrieben: "Ich hole Euch zurück". Nur sehr selten sprechen betroffene Eltern – öffentlich – über ihr Schicksal. Heißt es doch oft: Die Kinder kommen aus miesen Verhältnissen. Oder: Die Eltern haben sich nicht anständig gekümmert. Joachim Gerhard wollte das Schweigen brechen.

"Wenn ich die Bilder sehe, würde ich sie so gerne fragen, warum habt ihr das getan? Gibt’ es, sagt mir mal, einen Grund warum? Das ist das, was ich mich halt immer wieder frage. Warum habt ihr das getan, dass ihr hier alles aufgebt und uns so das Herz zerreißt. Dass ihr weggegangen seid", so Gerhard.

"Wir sagen uns los, weil du gegen uns arbeitest"

Immer wieder ist Gerhard an die türkisch-syrische Grenze oder in zurückeroberte Gebiete gereist. Doch seine Suche hat die Lage sogar noch verschlimmert – seine Söhne sind nicht nur in Syrien geblieben, sondern haben sich sogar von ihrem Vater abgewandt – mit einer Videobotschaft. "Und deswegen sage ich zu dir, Papa: Dieses Video ist für mich und für ihn eine Lossagung von dir. Wir sagen uns los, weil du gegen uns arbeitest. Gegen den Islam. Gegen den Islam und gegen uns, weil wir Muslime sind", heißt es darin.

"Wie haben Menschen es geschafft, anderen Menschen den Kopf zu verdrehen, in den Krieg zu ziehen. Das ist die Frage, die ich mir auch sehr oft stelle, immer wieder. Warum haben die zwei Jungs das gemacht. Die hatten hier alles gehabt", so Gerhard.

Politische Subkultur für westliche Männer

Fragen auf die jetzt die Frankfurter Forschungsgruppe versucht, Antworten zu finden: "Der Fall der Söhne von Herrn Gerhard zeigt sehr deutlich, dass das nicht allein materielle Fragen sind und nicht allein materielle Motive, die für diese Ausreise relevant sind. Bei ihnen schaut es – auf die Distanz, man müsste sich das genauer anschauen – erst mal so aus, als ginge es darum, ein als dekadent empfundenes Leben im Westen hinter sich zu lassen und sich aufzumachen, um sinnvoll an einem anderen Ort tätig zu werden", sagt Roßmeißl.

Der Dschihadismus als politische Subkultur für westliche Männer zwischen 18 und 30 Jahren. In den kommenden drei Jahren will man hier an der Uni Interviews und Biographien von IS-Heimkehrern auswerten. Muster herausarbeiten und die unterschiedlichen Motive verstehen.

"Uns interessieren in dem Forschungsprojekt einerseits die Männlichkeitsideale der jungen Männer, die dorthin gegangen sind, und welche Rolle die in dieser Ausreiseentscheidung gespielt haben. Welche Vorstellungen von männlicher Ehre dort eine Rolle spielen. Aber uns interessieren auch die sogenannten Gewaltkarrieren, die dort hinter dieser Bewegung stecken", so Roßmeisl.

Religion ist eher zweitrangig

"Willkommen in meiner Welt voll Hass und Blut" – Rapvideos, wie die des Salafisten und IS-Kämpfers Deso Dogg. Der IS ist in den sozialen Medien enorm präsent. Doch wie wird man Dschihadist? Religion ist eher zweitrangig. Der IS liefert jungen Männern strenge Verhaltensregeln und einen radikalen Gegenentwurf zum Mainstream plus: Heldentum.

"Das mag vielleicht in der Familie liegen, das mag in der Popkultur liegen, wo beispielsweise in der Rap-Musik Begriffe von Ehre und Heldenhaftigkeit eine große Rolle spielen. Aber auch in Filmen, in Actionfilmen", erklärt der Soziologe.

"Ein Recht nach Deutschland geholt zu werden"

In Syrien selbst geht es gar nicht mehr ums WARUM. In Baghus – der letzten Bastion des sogenannten Islamischen Staates – wurden zum Wochenbeginn über 150 IS-Kämpfer gefangen genommen. Die aktuelle Frage lautet: Muss Europa seine IS-Kämpfer zurücknehmen? Schon vor zwei Wochen forderte US Präsident Trump dies auf Twitter.

Die EU steht vor einem Dilemma. Wie verfahren mit den radikalisierten Kämpfern. Einige Länder weigern sich strikt, sie zurückzuholen und auch die Bundesregierung hält Trumps Forderung für nicht realisierbar.

Für Joachim Gerhard ist die Lage allerdings klar – er hofft, seine Söhne sind unter den Gefangenen und will sie zurück."Da unten sind Menschen, deutsche Staatsbürger, die haben das Recht, wir sind ja ein Rechtsstaat, so heißt es ja immer bei uns, die haben zumindest ein Recht nach Deutschland geholt zu werden, hier vors Gericht zu kommen, bestraft zu werden, wenn sie was getan haben, und auch in psychologische Behandlung. Dass man sie davon abbringt von dem ganzen Glauben halt auch, was mit dem IS zu tun hat", erklärt Gerhard seine Haltung.

U-Haft, ein ordentliches Gerichtsverfahren und Deradikalisierung – das fordert Joachim Gerhard. Der Vater zweier IS-Kämpfer, die von Kassel aus in den "Heiligen Krieg" zogen. Ob sie überhaupt leben? Er hofft es!

Bericht: Sven Waskönig

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 07.03.2019, 22:45 Uhr