Grab mit Holzkreuz
Archivbild Bild © picture-alliance/dpa

Mütter, Väter, Kinder, Freunde - wenn sie sterben, bleiben Menschen zurück, die mit dem Schmerz und der Sehnsucht leben müssen. Eine Sammlung an Kurzgeschichten, herausgegeben von der Heppenheimerin Petra Schaberger, hat diesen Menschen die Möglichkeit gegeben, in sehr persönlichen Erzählungen zu schildern, wie sie mit der Trauer umgehen.

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"Du fehlst – Geschichten von Leben und Tod"
Q5 Verlag
208 Seiten, € 19,99

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"Ich habe Kaufladen gespielt und mit den Puppen gespielt und irgendwann sind meine Eltern heimgekommen und haben beide geweint. Und da hat die Mama nur gesagt: 'Der Michi ist tot.' Und so habe ich es dann erfahren. Ja", sagt Jessica Druschke. Das war vor 20 Jahren. Jetzt hat Jessica Druschke darüber eine Geschichte geschrieben. Über den Tod ihres Bruders Michael, als sie selber acht Jahre alt war.  

Auch Kerstin Hau hat über den Tod geschrieben. Ihr Sohn Charlie war noch nicht mal vier, als er starb: "Ich vermisse mein Kind und – ja, der wäre jetzt 10."   Wie hält man das Unbegreifliche aus? Nichts deutete darauf hin, dass Charlie etwas fehlte. Am Abend vor seinem Tod – es war Muttertag – brachte Kerstin Hau ihn ins Bett – so wie immer."Und er sagte dann: 'Mama bleib bei mir für immer'. Und das hat mich total berührt. Da dachte ich, irgendwas habe ich richtig gemacht. Weil er das von sich aus sagte und – naja am nächsten Tag war es der große Absturz", erinnert sich Kerstin Hau.       

 Geschichten über Tod und Verlust

Eine Herzmuskelentzündung war schuld an Charlies Tod. In ihrer Kurzgeschichte schreibt Kerstin Hau über die erste Zeit danach. Das langsame Realisieren: "Also dieses Akzeptieren und Begreifen. Rational, dass mein Kind tot ist. Das ging relativ fix irgendwann, aber das Herz, der ganze Körper hat sich dagegen gewehrt. Bis heute."

Auch Jessika Druschke brauchte lange, um den Krebstod ihres Bruders zu verarbeiten. Mit ihrer Mutter konnte sie als Kind nicht darüber reden:"Wenn ich gemerkt habe, ich spreche sie an und sie wird gleich traurig und will mit dem Thema nicht konfrontiert werden. Da habe ich auch schnell gemerkt, also ich will ihr nicht weh tun, ich muss den Redebedarf anders decken, was ich ja dann unter anderem durch die Gespräche mit Herrn Krebs gemacht habe."

Solche berührenden Geschichten über Tod und Verlust hat sie gesammelt: die Heppenheimer Chronistin Petra Schaberger. Sie verfasst Biografien über Verstorbene – abrufbar auf dem Handy. Jetzt hat sie ein Buch über den Tod herausgegeben: "Mich fasziniert nichts am Tod. Ich lehne den ab", sagt sie.  Trotzdem hat sie Geschichten wie die von Kerstin Hau oder Jessika Druschke veröffentlicht: Weil über den Tod zu wenig geredet wird. Der Tod kriegt bei uns nicht mehr so viel Aufmerksamkeit, wie  er eigentlich haben sollte, weil keiner bereitet sich wirklich auf das Sterben vor oder verdrängt das und ja, das ist schwierig."         

Schreibwettbewerb ergibt 730 Texte

Mit ihrem Buch macht sie aufmerksam: Es braucht mehr Zeit für das Trauern: "Das hat was mit Liebe zu tun. Mit Hochachtung. Mit Verlust. Außerdem wird einem ja ein Stück aus der eigenen Biografie dann praktisch gerissen, weil man sagt, das geht jetzt, ich gehe jetzt alleine weiter."               

Um die 50 Geschichten für ihre Sammlung zu finden, hat sie einen Schreibwettbewerb ausgerufen. Und bekam 730 Texte geschickt. Aus diesen musste sie auswählen: "Ach das war furchtbar. Das war wirklich furchtbar, weil ich hätte noch drei Bücher machen können. Die Qualität der Geschichten war enorm hoch."        

 Schreiben als Linderung  

Wie diese zwei: mal wütend, mal unendlich traurig, auch tröstend: aber immer authentisch. Jessica Druschke und Kerstin Hau lesen aus ihren Geschichten: "Ich hatte Gespräche mit Herrn Krebs. Ich habe ihn gefragt, warum er das getan hat. Ob er weiß wie viele Menschen er verletzt hat. - Mein Kind ist tot. Mein Kind ist tot, habt ihr es gesehen? - Ich habe zugesehen wie Mama ein Eisblock wurde um zu Überleben und wie Papa auf der Suche nach Wärme am lebendigen Leib erfror. – Irgendwo, dahinten. Hinterher. Ich darf ihn nicht verlieren. - Hätte ich gewusst, dass dieser erste und letzte Krankenhausbesuch meine Chance war dir Lebewohl zu sagen, hätte ich dich nicht mehr losgelassen. – Er ist tot. Lebendtot. Ich muss ihn bloß finden. So nah. So fern. Nicht aufgeben."

Kerstin Hau erklärt, wie das Schreiben ihr geholfen hat: "Dann kann das rausfließen. Dann bleibt das nicht in mir, sonst implodiert man ja irgendwann. Also das ist die Trauer braucht immer wieder einen Weg nach draußen. Und für mich ist es dann das Schreiben und das Formen, auch die Konzentration. Das Spiel mit dem Wort. Wie kann ich es am besten ausdrücken, was da drinnen los ist?"   

 "Ich weiß, ich muss ja nicht ewig leben – und das ist schön"     

Schreiben über den, der fehlt. Über das, was man nicht begreift. Das nimmt die Trauer zwar nicht weg. Aber es hilft, mit ihr umzugehen. Hier am Darmstädter Oberwaldhaus war Kerstin Hau oft mit Charlie spielen: "Ich lebe mit dem Tod. Also mit meinem toten Kind und dadurch hat sich mein Leben verändert. Aber auch die Endlichkeit des Seins ist mir noch mal sehr bewusst geworden und auch Trost. Weil Trost gibt es nicht, wenn das Kind stirbt. Aber für mich ist jetzt der Trost: Ich weiß, ich muss ja nicht ewig leben – und das ist schön."           

Es sind 50 Geschichten, die vor allem zeigen: Anderen geht es auch so. Das gibt Kraft. Auch wenn es auf den Ernstfall nicht vorbereiten kann. "Wenn meiner Tochter oder meinem Mann etwas passieren würde. Da weiß ich nicht, was dann passiert. Ich glaube, ich könnte trotz all dem Wissen, was ich mir jetzt rangeschafft habe durch Lesen, weil ich halt auch noch sonst mit dem Thema mich beschäftige, aber ich könnte damit nicht besser umgehen, nein", so Petra Schaberger .

"Da kann man so viele Bücher drüber schreiben und ganze Romane drüber verfassen. Begreifen wird man es, glaube ich, nicht und ich glaube auch, dass es jedes Mal wieder ein bisschen etwas anderes sein wird, wie man das erfährt oder fühlt dabei", so Jessica Druschke.

"Wenn ich quasi Friede im Sinne von Abschluss hätte, würde das für mich bedeuten, ich müsste aufhören mein Kind zu lieben. Und mein Kind werde ich bis ans Lebensende lieben und darüber hinaus", sagt Kerstin Hau.

Bericht: Marco Giacopuzzi

 Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 20.09.2018, 22:45 Uhr