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zum Video Methode "Unboxing" - Wie Fabelwesen und Märchen zur Integration beitragen sollen

Wie schaffen es Menschen, die sich nur schwer über eine gemeinsame Sprache verstehen, miteinander zu kommunizieren und sich zu öffnen? Was kann helfen, zur Integration von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen beizutragen? Initiiert von der GRIMMWELT in Kassel, haben sich Musiker, Künstler und Pädagogen in Zusammenarbeit mit Geflüchteten das gefragt und daraus die Methode "Unboxing" entwickelt.

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Sonderausstellung "UNBOXING – Erzähl mir Deine Geschichte/n"
GRIMMWELT Kassel
noch bis zum 24. Februar

Arbeitsmaterial der Box über die Homepage der Grimmwelt herunterladbar

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Sie sind Schüler der Berufsschule in Wolfhagen, können aber nur wenig Deutsch. Seit knapp einem Jahr sind sie in Deutschland. Wir haben viele verschiedene Länder hier vertreten. Und wenn die nicht alle eine Sprache haben, über die sie sich verstehen, kommen sie auch nicht miteinander ins Gespräch. , erklärt Lehrerin Thérèse Eisermann-

Das macht es nicht einfach, die Klasse zusammenzuhalten. Thérèse Eisermann unterrichtet sie in Deutsch: "Ich erlebe das immer wieder – auch hier in der Klasse – dass sie vielleicht untereinander in ihren Muttersprachen kommunizieren, aber wenn es um das Deutsche geht, sie noch sehr zurückhaltend sind. Und schüchtern sind."

Raum für Begegnungen

Die Lehrerin möchte das ändern. Deshalb wagt sie mit ihren Schülern ein Experiment. Es geht in die Grimmwelt in Kassel. Hier werden in einer Sonderausstellung Methoden und Materialien vorgestellt. Sie sollen helfen, Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammenzubringen. Musiker, Künstler, Soziologen und Geflüchtete haben sie gemeinsam entwickelt und erprobt. "Unboxing" heißt ihr Projekt. Der Inhalt: Volkslieder und Rhythmen vieler Nationen, ausgewählte Grimm-Märchen in 13 Sprachen übersetzt, Bastelvorlagen, Filme, Arbeitsanleitungen und vieles mehr.

Doch welche Idee steckt dahinter? Einen Raum zu schaffen, wo sich Menschen begegnen können. Dass sie unabhängig von ihrer Herkunft ihrer Religion oder auch ihrer Geschichte erst mal in einen Kontakt treten können, eine Aufgabe bekommen, gemeinsam etwas gestalten, etwas machen als Gruppe und sich dadurch besser kennen lernen", erklärt die Kunsthistorikerin Julia Ronge, zuständig für Vermittlung & Didaktik in der Grimm Welt.

Ob das bei ihren Schülern funktioniert? Thérèse Eisermann hofft darauf: "Na ja, dass sie rauskommen. Dass sie einfach eine andere Facette von sich zeigen und dass sie natürlich auch miteinander ins Gespräch kommen. Und zwar nicht in ihren Landessprachen, sondern einfach in der deutschen Sprache."

"Fantasievolle Auseinandersetzung"

Grimms Märchen kennt fast jeder, man liest sie auf der ganzen Welt. Da hat man schnell ein gemeinsames Thema. Aber sind diese Schüler nicht zu alt für Märchen? "Die Märchen schaffen es eben sehr schnell, einen aus dem Jetzt, aus dem Alltagsstress, vielleicht auch den Problemen und Sorgen herauszuziehen. Und letztlich ist diese fantasievolle Auseinandersetzung damit immer sehr positiv besetzt, weil es natürlich häufig Kindheitserinnerungen sind", sagt Ronge.

Fantasie braucht es auch für diese Klecksbilder. Nebenbei lernen sie auch Deutsch. Auf was anderes kommt es aber viel mehr an: "Menschen zusammen zu führen. Unterschiedlicher Kulturen. Neugierig zu machen auf die andere Kultur. Aber eine Dialog auf Augenhöhe zu beginnen. Dass man nicht sagt, das Deutsch ist das Wesentliche oder das Arabische wiegt mehr als das Iranische, sondern es ist ein komplett gleichberechtigter Austausch. Jeder darf seine Geschichte erzählen und lauscht den Geschichten anderer. Und jeder bringt was ein aus der Gruppe", so Ronge.

Vom Deutschschüler zum Fabelwesen

In der Ausstellung kann man auch selbst zum Fabelwesen werden. Wie gefällt den Schülern ihr Rundgang? "Ja, wir haben ja schon viel gelernt. Und das macht viel Spaß", bestätigt einer von ihnen.

Letzte Station: ein eigenes Fantasiewesen erfinden. "Diese kreativen Prozesse sind nicht zu unterschätzen. Die setzen sehr sehr viel Potenzial frei. Sie ermöglichen es den Personen auf ihre eigene Weise, auch in ihrer eigenen Geschwindigkeit Sachen von sich preiszugeben, die man so nicht erzählen würde, wenn man einfach nur beisammen säße oder wenn man auch gefragt würde", so Ronge.

Ohne Übersetzung geht es bei Nour (aber) noch nicht. "Sie hat sich erinnert, als sie in Syrien war und als sie morgens aufgewacht ist. Also sie hat das erinnert und das waren schöne Gefühle", übersetzt ein Mitschüler.

Sich öffnen, einander näher kommen; über Sprachbarrieren und Kulturen hinweg. Thérèse Eisermann wird das Arbeitsmaterial des GRIMMwelt-Projekts in ihrem Deutschunterricht einsetzen. Am liebsten wäre es ihr, wenn deutsche Schüler dann mit dabei wären.

Bericht: Silke Klose-Klatte

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 14.02.2019, 22:45 Uhr