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zum Video Muslimische Mode im Museum? Aufruhr schon vor Ausstellungsstart

Schönheit und Vielfalt muslimischer Mode oder skandalöse Werbeschau für die Verschleierung der Frau? An der Ausstellung "Contemporary Muslim Fashions" scheiden sich schon jetzt die Geister, obwohl sie erst am 4. April im Frankfurter Museum Angewandte Kunst eröffnet wird.

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Museum Angewandte Kunst Frankfurt
Ausstellung "Contemporary Muslim Fashions"
05.04.-15.09.2019

Symposium vom 12. bis 14. April
Keynotes, Paneldiskussionen und Tabletalks in Kooperation mit dem Frauenreferat der Stadt Frankfurt

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Aber was gibt es eigentlich zu sehen? Zeitgenössische muslimische Frauenkleidung aus verschiedenen Regionen der Welt, von Streetwear über Sportbekleidung bis Haute Couture. Präsentiert wird die Mode an Schaufensterpuppen und von Models und Künstlerinnen in Filmen und Videoclips. Manche tragen den Hijab, andere Turbane, Hüte, Hauben oder gar keine Kopfbedeckung.

Und was will die Ausstellung? Erarbeitet wurde die Schau in San Francisco (USA) von Ex-Städel-Chef Max Hollein. Gezeigt werden soll, wie in Kleidung die "vielen Facetten individueller, religiöser und kultureller Identität" ihren Ausdruck finden. Dagegen regt sich nun heftiger Widerstand.

Verprügelte Frauen versus Modepuppe

Muslimische Frauenmode – überraschend vielfältig. Oder ein Skandal? Designerroben eingerahmt von Kunst, Pop und Social-Media.

Dazu haben wir Musliminnen der Gruppe "Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung" gefragt. Ihre Antworten:
Emel Zeynelabidin: "Was hier in der Ausstellung gezeigt wird, macht aus diesem Kostüm ein Teil von kultureller Vielfalt, was es aber  eigentlich nicht ist."
Mahshid Pegahi : "Das ist eine Verharmlosung von Kopftuch, von solchen Vorschriften."
Monireh Kazemi : "Sie werden verprügelt, sie werden festgenommen, sie werden ins Gefängnis gesteckt. Und jetzt sehe ich wieder als Modepuppe."

Die Journalistin und Autorin Khola Maryam Hübsch sagt: "Ich glaube, man muss Religion und Politik trennen. Das Problem ist, dass natürlich gerade das Kopftuch politisch instrumentalisiert wurde."

"Es geht da gerade um Freiheit und Selbstbestimmtheit"

Die achtzig Modelle der Ausstellung sind zur Projektionsfläche geworden. Je nach Perspektive für andere Überzeugungen. Hass-Mails von rechts und von Feministinnen erhält Museumsdirektor Matthias Wagner K. Er befördere Islamisierung, er verharmlose mit der "Schleierausstellung" die Unterdrückung der Frau.

"Die wenigstens hier gezeigten Kleidungstücke operieren mit überhaupt mit einer Kopfbedeckung als solches. Was wir hier in der Ausstellung sehen und was eben die meisten Stücke ausmacht und auch die Designerinnen und Designer, die diese Mode entwerfen, dass es gerade da um Freiheit und Selbstbestimmtheit geht, dass eine Frau muslimischen Glaubens durchaus für sich beansprucht unterschiedliche Formen der Bekleidung und Auslegung", befindet Wagner K.

Aber geht es hier wirklich um weibliche Selbstbehauptung? Die zeitgenössischen Modelle sind vornehmlich von muslimischen Designerinnen entworfen.

Was aber ist überhaupt "muslimische Mode"? Die Autorin Khola Maryam Hübsch trägt diese Kleidung seit dem Teenageralter, ganz selbstverständlich. Für sie ist es Ausdruck ihrer Religiosität: "Der Begriff ist eigentlich 'modest' Fashion und meint, etwas Dezentes, also eine dezente Art der Mode, aber auch eine Mode, die den Körper nicht betont, die nicht so figurbetont ist. Modest Fashion meint aber auch Zurückhaltung, vielleicht auch so etwas wie Bescheidenheit."

Sie war schon in der Ausstellung. Nur wenige der Modelle, erklärt sie, entsprächen streng religiösen Vorschriften: "Also, ich fand das inspirierend, auch um noch mal neue Eindrücke für sich und seinen eigenen Stil zu gewinnen."

"Das ist ein Männerdiktat für Frauen"

Der Markt für muslimische Mode ist enorm. Die Ausstellung, hier der Trailer, zeigt Entwürfe aus dem Nahen Osten, Malaysia, Indonesien, USA und Europa. Die Ausstellung sei "ein Schlag ins Gesicht von Frauenrechtlerinnen", schreiben Mahshid Pegahi und Monireh Kazemi in einem Brief an den Museumsdirektor. "Als Mode verkauft! Das ist absurd!", sagt Kazemi. Und Mahshid Pegahi fügt hinzu: "Diese Art sich zu verhüllen, ist doch keine gängige Art für eine muslimische Frau. Deswegen kann man von muslimische Mode gar nicht reden. Das heißt, das ist ein Männerdiktat für Frauen, dass sie sich wegen den Männern einhüllen müssen." Und Kazemi weiter: "Im ersten Raum, als ich diese Puppen gesehen habe, diese Ausstellungspuppen, bin ich so emotional geworden. Ich hab angefangen zu zittern, weil plötzlich kamen viele Sachen hoch."

  Beide Frauen sind nach der islamischen Revolution 1979 nach Deutschland emigriert. Weil sie gezwungen waren, sich zu verschleiern. Weil bei Protest Folter und Haft drohten. Auch heute noch werden in Iran Frauen geschlagen und inhaftiert, wenn sie keinen Hijab, das nach Vorschrift gebundene Kopftuch, tragen. "Frauen im Iran kämpfen seit vierzig Jahren. Jeden Tag, auf jeder Straße. Und dann sehe ich hier in einem Museum, in einem säkularen Land, mit öffentlichen Geldern wird das propagiert als Mode", so Kazemi.

Zwischen Haute Couture und kritischer Kunst

Die Ausstellung zeigt Vielfalt, doch die Ambivalenz der Kopfbedeckung bleibt. Selbst hier beim Anblick der Haute Couture, von Karl Lagerfeld für Chanel: "Man blickt auf diese Mode und freut sich, großartig und hier, wie opulent und auch wie schön, und auf der anderen Seite tauchen dann doch immer wieder künstlerische Werke, Fotografien, Videos auf, die das auch wieder  brechen", erklärt der Museumsdirektor.

Etwa das regimekritische Werk der iranischen Künstlerin Shirin Neshad. Ein Raum. Zwei Projektionen. Ein singender Mann. Eine verstummte Frau, die um ihre Stimme ringt. "Was ich auch im Vorfeld gar nicht wusste, dass Frauen auch in der Öffentlichkeit nicht singen dürfen. Und darum geht diese Arbeit. Und als ich diese Installation das erste Mal gesehen habe, da sind mir wirklich die Tränen gekommen", sagt Wagner K.

"Dieses Kostüm spaltet die ganze Welt der Frauen"

Die Mode spiegelt sich in kritischen Kunstwerken- aber ist das genug? Manche Exponate erzählen tatsächlich vom Leben mit Schleier. Auch ein Twitter-Video. Es zeigt den Protest Vida Movahedis, die erste Frau, die 2017 in Teheran öffentlich ihr Kopftuch abzieht.

Emel Zeynelabidin, Kommunikationsmanagerin, hat drei Jahrzehnte streng nach religiösen Vorschriften gelebt. Dann legte sie den Hijab ab: "Es ist auch ein moralisches Statement, was Anstand und Würde angeht, und im Grunde spaltet dieses Kostüm die ganze Welt der Frauen. Dieses Kostüm teilt die Frauen ein in die Bedeckten und Verhüllten, sprich Anständigen und Würdevollen. Und diejenigen, die es eben nicht sind. "

Das thematisiert die Ausstellung nicht. Aber sie fordert heraus, sich differenziert mit unserem Bild vom Islam auseinanderzusetzen. "Dafür sind diese Räume da, dem Ganzen erstmal, wenn es denn um ein Phänomen geht, und um das geht es ja, nämlich ein Modephänomen, dem eine Plattform zu geben  und gleichzeitig natürlich die Diskussion darüber zulassen", so Wagner K..

Die Debatte ist eröffnet! Das hat die Ausstellung auch jetzt schon erreicht! Auch schon jetzt - zu ihrer Eröffnung.   

Autorin: Simone Jung

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 04.04.2019, 22:45 Uhr