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zum Video Parlamentsgeschichte im Comic - Gezeichnete Porträts zeigen Politiker aus Leidenschaft und Überze...

Im Auftrag des Kunstbeirats des Deutschen Bundestages hat der ComiczeichnerSimon Schwartz eine Comicserie über 45 Politiker gezeichnet, die seit vergangener Woche im Foyer des Bundestages zu sehen ist. Es sind Wegbereiter der deutschen Demokratie, angefangen beim Parlament der Frankfurter Paulskirche 1848 bis hin zur Wiedervereinigung 1990.

Weitere Informationen

"Das Parlament. 45 Leben für die Demokratie"
Simon Schwartz, avant-verlag 2019

Ausstellung im Bundestag bis 31. August 2019
Sie kann während der Kunst- und  Architekturführungen im Reichstagsgebäude (www.bundestag.de/besuche/fuehrung) sowie am 17. und 24. April, am 2. und 22. Mai, am 12. und 19. Juni 2019 jeweils um 14 Uhr nach vorheriger Anmeldung in Sonderführungen besucht werden. Anmelden per E-Mail bis zum Montag, der dem gewünschten Besuchstermin vorausgeht (E-Mail: kunstraum@bundestag.de)

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Wo hat unsere Demokratie ihren Ursprung, wie hat sie sich entwickelt? Die Spurensuche führte ihn auch nach Frankfurt: Comiczeichner Simon Schwartz hat außergewöhnliche Politikerbiografien gefunden wie die jener, die 1848 in der Frankfurter Paulskirche den Grundstein für unsere moderne Demokratie gelegt haben.

"Ich glaube nicht, dass die meisten Touristen, oder die meisten Deutschen wissen, welche Bedeutung wirklich dieses Vorparlament, die Nationalversammlung für uns Deutsche haben, denn es ist tatsächlich keine Selbstverständlichkeit, eine parlamentarische Demokratie zu haben. Wenn man sich mit der Geschichte der deutschen Parlamente beschäftigt, dann merkt man, es ist ein dünnes Eis und gerade in so politisch aufgeladenen Zeiten wie heute, merkt man, das Eis ist dünn. Es gibt Leute, die trampeln da massiv drauf rum", sagt Schwartz.

"Dick und faul und nur machtbesessen"?

Von der Paulskirche bis zur Wende. 45 Porträts hat er gezeichnet, aus denen sich nicht nur eine Geschichte des deutschen Parlamentarismus ergibt. Simon Schwartz zeigt Politiker, die auch Brüche aufweisen: "Das Klischee des Politikers heute ist ja, der ist dick und faul und nur machtbesessen. Das glaube ich nicht, ich glaube, dass das oft sehr getriebene Leute sind und das trifft auf die Paulskirchen-Abgeordneten in besonderer Dringlichkeit tatsächlich zu. Getrieben von einer Idee und auch oft sehr zerrissen dabei."

Was trieb sie an, die ehrwürdigen Herren, die 1848 in die Paulskirche einzogen? Sie schufen in der Nationalversammlung erstmals eine Verfassung für Deutschland: "Was sie angetrieben hat, war der Wunsch der Teilhabe und Gestaltung in der Gesellschaft. Der Wunsch, mitzusprechen und quasi das Entscheiden nicht einer kleinen Gruppe zu überlassen, die aufgrund ihres Geburtsrechts über alle anderen bestimmen",so Schwartz.

Die erste deutsche Verfassung gerettet

Es waren Politiker aus Überzeugung und mit Idealen. Darunter zahlreiche Hessen. Wie der 1805 in Frankfurt geborene Friedrich Siegmund Jucho. "Jucho war Notar in Frankfurt, war auch im Vormärz aktiv, war dafür inhaftiert mehrere Jahre und bereitete dann die Wahlen zum Frankfurter Nationalparlament vor und saß dann auch hier als Schriftführer bis zum Ende des Parlaments. Und das Besondere an ihm ist, dass er die erste deutsche Verfassung vor der Zerstörung gerettet hat, weil er der Archivar der Nationalversammlung war", berichtet der Zeichner.

Elisabeth Selbert: Männer und Frauen sind gleichberechtigt

Jucho floh mit der Verfassung nach England, ins Mutterland der modernen Demokratie. Simon Schwartz erzählt keine durchgehende Geschichte, sein Comic ist vielmehr ein Nachschlagewerk, das Lust darauf macht, sich selbst ein Bild von der Entwicklung der Parlamente in Deutschland zu erschließen. Auch davon, welche Rolle dabei Frauen hatten.

"Elisabeth Selbert, eine der Mütter des Grundgesetzes, ist in recht ärmlichen Verhältnissen in Kassel geboren. Sie hat dann mit zwei Kindern Abitur gemacht hat, Jura studiert, ist gegen alle Widerstände, obwohl die Nazis es Frauen verboten hatten, Anwältin geworden, hat Verfolgte vertreten und unterstützt. Später hat sie dann das Grundgesetz mitgeschrieben, hat den Satz verankert: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Und am Schluss hat man ihr einen so schlechten Listenplatz für die erste Bundestagswahl gegeben, dass sie nicht in den Bundestag eingezogen ist", so Schwartz.

Comic vermittelt anderes Politikerbild

Dort wo heute die Volksvertreter debattieren, hängen derzeit die Originale von Simon Schwartz. Der Kunstbeirat des Deutschen Bundestages hatte den Künstler beauftragt, Politik mal anders zu vermitteln: im Comic.

"Das ist genau die Idee, die Schwellenangst zu nehmen vor der Politik und die Fremdheit zu nehmen. Es gibt ja immer wieder die Sage, dass Politik weltfremd und menschendfremd sei und dass Politiker was machen, was kein Mensch versteht. Und das Comic ist in der Lage, das ganz anders zu vermitteln", erklärt Kristina Volke, Kuratorin der Ausstellung.

"Demokratie verteidigen und neu denken"

Der Comicband von Simon Schwartz kommt zur richtigen Zeit, meint der Politwissenschaftler Rainer Forst. Unsere Demokratie sei in der Krise, deshalb sei es so wichtig, jetzt an ihre Anfänge zu erinnern: "Heute sind wir wieder in einer Situation, wo wir sie einerseits verteidigen müssen und andererseits neu denken müssen. Wir müssen sie verteidigen gegen die Versuchung autoritärer Angebote mit jemandem, der die Sache in die Hand nimmt und die Grenzen zumacht und Kontrolle ausübt usw. Und andererseits müssen wir neu über Demokratie nachdenken, weil wir in einer Zeit leben, in der die Globalisierung der Wirtschaft, aber auch viele andere Probleme, die zu lösen sind, nationalstaatlich nicht mehr gelöst werden können", so Frost.

Schily und Fischer im Comicformat?

Ein Verständnis für Demokratie vermitteln – und das auf unterhaltsame Art: Das schafft Simon Schwartz mit seinem Comic. Sein Faible für skurrile Lebensgeschichten hat dazu beigetragen. Fortsetzung nicht ausgeschlossen: "Ich fände jemanden spannend, wie Otto Schily, vom RAF-Anwalt zum Innenminister. Joschka Fischer ist spannend, der auch eine wahnsinnige Biografie hingelegt hat, ich glaube, da gibt es noch einige", sagt Schwartz.

Vielleicht gibt es ja dann irgendwann Schily und Fischer im Comicformat. So wie schon Heinrich von Gagern, der Präsident der Nationalversammlung in Frankfurt. Als Beispiele für Menschen, die ihr Leben in den Dienst der Demokratie gestellt haben.

Bericht: Alex Jakubowski

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 18.04.2019, 22:45 Uhr