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zum Video Achtung: Skandal! Was darf Musik? Von sexuellen Tabubrüchen und politischen Provokationen

Seit Neuestem posiert die Band Rammstein für ihre neue CD in KZ-Häftlingskleidung. Dürfen die das? Michael Jackson ist ein mutmaßlicher Kinderschänder. Darf man seine Musik noch gut finden? Und Deutschrap strotzt vor rassistischen und frauenfeindlichen Ausfällen. Unsere Gegenwart, aber auch die Geschichte ist voller Skandale um Songtexte und Bandauftritte. Und sie sind immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, sie diffamieren, ärgern, stören, brechen Tabus, irritieren, greifen an.

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Michael Behrendt: Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en
Musik-Sachbuch
Verlag: Theiss/WBG

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Seit dem Echo-Skandal von 2018 um die beiden Gangster-Rapper Kollegah und Farid Bang ist das immer wieder auch Gegenstand der öffentlichen Debatte. Wie funktionieren diese musikalischen Tabubrüche? Wann ist eine Grenze zum "hate song" überschritten. Was macht diese Musik mit uns und wie sollten wir damit umgehen?

Der Musikexperte Michael Behrendt hat darüber ein Buch geschrieben, eine erste Geschichte des Songskandals, in der er die Gründe und Hintergründe der umstrittensten und fragwürdigsten Songs der letzten hundert Jahre beschreibt – und natürlich die aktuellsten Entwicklungen.

Geehrt trotz fragwürdiger Texte

Die Band Rammstein wirbt für ihren neusten Song provozierend in KZ-Häftlingskleidung. Darf die das? Und was ist mit Deutsch-Rappern? Zum Beispiel Kollegah & Farid Bang? "...ich zerficke die Mütter der Rapper vom Ghetto durch...", heißt es in einem ihrer Titel, die sich mit frauenverachtenden Texten aufspielen. Genauso wie Capital Bra, einer der zurzeit erfolgreichsten Rapper Deutschlands: "...du bist 'ne richtige Hurentochter...", singt er.

"Es wird unheimlich viel rausgehauen an fragwürdigen Botschaften und man hört eigentlich gar nicht mehr richtig hin. Insofern denke ich, dass die Moral so ein bisschen überhört wird. Man sollte eigentlich wieder stärker auf die Song-Inhalte eingehen und auch darüber diskutieren, damit auch die Moral ein bisschen gefestigt wird", fordert Michael Behrendt.

Der Frankfurter Musikjournalist hat 70 Songs genauer unter die Lupe genommen und über die Entgleisungen in der Musikgeschichte ein Buch geschrieben: "Provokation! Songs, die für Zündstoff sorgen". Darin auch die Kontroverse um Kollegah & Farid Bang, die trotz ihrer fragwürdigen Texte 2018 mit dem Echo geehrt wurden.

"Es ist doch nur ein Song"

Seitdem wird immer wieder öffentlich gestritten: Was darf Musik? Sind sie mit ihrer Textzeile im Song "0815" zu weit gegangen? Zum Beispiel mit: "...mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen..."

"Diese Zeile von Kollegah Farid Bang mit den Auschwitz-Insassen wäre vor zehn Jahren in dem Song eigentlich auch nicht denkbar gewesen. Aber es ist heute Alltag, klar, man spricht drüber, aber man geht auch drüber weg und sagt oft auch: Ist doch eigentlich, ist doch nur ein Song. Da hat sich meiner Meinung nach aber doch schon das Klima verändert und etwas verschoben", so Behrendt.

"Rammstein wissen ganz genau, was sie machen"

Ein Klima, in dem gezielte historische Anspielungen offenbar kein Tabu mehr  sind. Und Rammstein geht sogar noch einen Schritt weiter, indem sie sich selbst als KZ-Insassen inszenieren. "Deutschland! Mein Herz in Flammen. Will dich lieben und verdammen!", singen sie im Video – ein wilder Ritt durch 2000 Jahre deutsche Geschichte, durchaus kritisch. Doch was bleibt, sind diese provokanten Bilder.

"Meiner Meinung nach wissen Rammstein ganz genau, was sie machen, sie wissen, dass sie anecken. Ich denke aber, dass sie auch das Recht haben, wie andere Filmemacher, Autoren, den Holocaust und KZ-Häftlinge zu thematisieren. Sie zeigen die KZ-Häftlinge als Opfer. Sie zeigen sich als KZ-Häftlinge und nehmen damit die mediale Hinrichtung, die sie erwartet, vorweg. Ich finde das sehr clever. Sie dürfen das machen", befindet Behrendt.

Sexismus, Homophobie, Antisemitismus

Auch wenn sie bewusst verstören. Musik hat eben schon immer das Zeug gehabt zu provozieren. In den 1960er waren es vor allem politische Protestsongs, die für Zündstoff sorgten. Man war für Gleichberechtigung und sexuelle Selbstbestimmung. Man wollte etwas bewegen, auch mit Musik.

Bob Dylan hat das geschafft mit seinem Song "Hurricane". Sein kritisches Lied hat dazu beigetragen, dass der zu Unrecht wegen Mordes verurteilte Boxer "Hurricane" wieder freigesprochen wurde. Ein musikalischer Meilenstein im Kampf gegen den Rassismus. Doch was ist heute daraus geworden?

Behrendt meint: "Die Leute, die damals in den 60ern praktisch für Bewusstseinserweiterung, gesellschaftliche Veränderungen gekämpft haben, die sind heute erwachsen, der Mainstream. Wie provoziere ich die noch, indem ich eben wieder die Uhr zurückdrehe und eben mit nationalistischen Sachen komme, mit Sexismus, mit Homophobie, Antisemitismus. Das ist schon eine Entwicklung zumindest von den 60ern bis heute, die man absolut nachvollziehen kann."

"Mit Rücksichtslosigkeit kommt man sehr weit heute"

Provokateure von heute sind zum Beispiel die Frankfurter Band "Böhse Onkelz", früher mit rechten Liedern auf dem Index, singen sie heute versteckt und schwülstig gegen das System: "... tun was man von uns erwartet, zahlen den Preis für unsere Feigheit", singen sie.

Ob Rock oder Rap: aggressive, gewaltbeladene und rassistische Texte und Videos finden sich inzwischen genreübergreifend. Und Gangster-Rapper Kollegah spielt sogar gezielt mit nationalsozialistischer Symbolik: "... Imperator, Diktator fick’ das Game hardcore...." Und auch Rockbands wie "frei.wild"  kratzen mit ihren zweideutigen Texten am rechten Milieu, gleichzeitig aber bestreiten sie rechts zu sein. Alles nur harmloses Muskelspiel?

"Ich finde schon, dass es ernste Dinge sind vor allem, weil sie sich gegenseitig anschieben mit diesem Rechtspopulismus. Man sieht auch an den Politikern von Trump bis Orbán und Erdoğan, dass man eigentlich offenbar mit Rücksichtslosigkeit sehr weit kommt heute. Wenn dann noch diese Musik kommt, in der dann dauernd gesagt wird: Ich setze mich durch, ich bin der Größte, ich mache euch alle platt, dann habe ich schon manchmal ein bisschen die Angst, dass sich das auch so ein bisschen als Zeitströmungen so festsetzt und dass es eigentlich ganz normal wird, dass man so auch durchs Leben geht", befürchtet Behrendt.

Muss man diesem Trend etwas entgegensetzen, um vor allem junge Leute zu schützen? Und wenn ja, wie soll das gehen? Bringt es was, solche menschenverachtende Songs einfach zu verbieten? "Songs, die irgendwo boykottiert wurden, die haben sich eigentlich umso besser verkauft, deswegen ist schnelles Fazit: Verbote bringen nur dann was, wenn es wirklich um Straftatbestände in Songs geht, da müssen sie eigentlich verboten werden, ansonsten ist es besser darüber zu reden", so Behrendt.

Was Musik darf, das muss die Öffentlichkeit immer wieder neu diskutieren und das auch aushalten. Denn auch Meinungs- und Kunstfreiheit sind ein Gut, das geschützt werden muss.

Bericht: Wero Lisakowski

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 11.04.2019, 22:45 Uhr