Video

zum Video Streetart aus Gießen – das Künstlerkollektiv "3Steps"

Joachim Pitt und die Zwillingsbrüder Kai und Uwe Krieger kennen sich seit ihrer Schulzeit und machen seit über zwanzig Jahren als Künstlerkollektiv "3Steps" zusammen Streetart. Aber nicht in Berlin oder in einer anderen großen Metropole, ganz bewusst wollen sie ihrer Geburts- und Heimatstadt Gießen die Treue halten.

Weitere Informationen

River Tales Streeatart Festival /
Projekt MaGic Tales
Marburg und Gießen von Mai – Oktober 2019
www.river-tales.de

Ausstellung 'Schlachthof'
ab 27.06.2019 im Schlachthof Gießen
3steps.de

Ende der weiteren Informationen

Gießen kennen viele mit grauen Straßen und tristen Nachkriegsbauten. Aber Gießen ist auch bunt und modern. Gießen von dieser anderen Seite zu zeigen, das ist es, was das Künstlerkollektiv "3Steps" antreibt.

Joachim Pitt und die Zwillinge Uwe und Kai Krieger kennen sich seit der Schulzeit und sind eng befreundet. Seit zwanzig Jahren schon setzen sie sich in ihrer Kunst mit ihrer Heimatstadt auseinander.

"Wir haben uns natürlich auch trotz der vielen hässlichen Ecken in Gießen auch in viele schöne Ecken verliebt – schon recht früh und fühlen uns hier halt, sage ich jetzt mal, sehr wohl und dann bist Du natürlich auch dafür, deiner Region etwas zurückzugeben", sagt Streetart-Künstle Kai Krieger.

Streetart trifft bürgerliches Leben

Mit viel Farbe und auffälligen Bildcollagen wollen sie "ihrem" grauen Gießen nicht nur etwas entgegen setzen, sie wollen auch Identität schaffen. Sie sprühen an freien Wänden, alles legal – überhaupt haben sie neben ihrer Kunst auch noch ein ganz bürgerliches Leben: Kai ist Marketingexperte, Joachim Informatiker und Uwe Unfallchirurg.

Angefangen hat alles vor 21 Jahren in einer Schulprojektwoche; heute erhalten sie Auszeichnungen für ihre Streetart. Trotz Erfolgen wollten sie immer in Hessen bleiben. Getreu Goethes Worten: Warum in die Ferne schweifen, Sieh das Gute liegt so nah:

"Wo Du schaffst, ist letztendlich egal"

"Es ist natürlich so, dass immer auch der Gedanke da war, geht man woanders hin. Geht man nach Berlin oder nach Hamburg, aber letztendlich haben wir die Frage relativ früh selbst beantwortet, weil hier haben wir unsere kompletten Verbindungen, hier haben wir unsere Basis und das hindert uns ja nicht daran, unsere Bilder in die Welt zu tragen und das gelingt uns eigentlich glaube ich relativ gut. Wir haben in New York gemalt, in Venedig gemalt, in Antwerpen, in Zürich. Haben Ausstellungen in ganz Europa mittlerweile. Von daher, wo Du schaffst, ist letztendlich egal, wichtig ist, wo kommt Dein Wort und das ist letztendlich auch die Welt oder Europa", sagt Uwe Krieger.

Streetart als Tourismusmagnet

Gießen bietet vergleichsweise paradiesische Zustände für Sprayer und Streetart Künstler. Hier werden freie Flächen von der Stadt fair verteilt. Während Künstler in Großstädten wie Köln, Hamburg oder Berlin um jeden Zentimeter buhlen müssen. Kunst im öffentlichen Raum ist in Gießen also nicht illegal, sondern im Gegenteil erwünscht! So wie an einer stark befahrenen Ausfallstraße, wo Aufmerksamkeit garantiert ist.

Aber wie funktioniert das: mit Streetart Identität stiften – und auch noch im Auftrag der Stadt? "Es ist schon so, dass man merkt, dass das Ganze ein neuer Tourismusmagnet ist – auch für Menschen, die nach Gießen kommen, aber auch für Menschen, die hier leben. Für Studenten bereichert das die Stadt enorm. Das heißt der Begriff Streetart, also dass wir jetzt einen Streetart Weg, einen Pfad haben, begeistert die Leute schon sehr und so bekommt man nicht selten mal einen Post aus Paris zurück. Ich hätte nie gedacht, dass ich einen meiner Lieblingskünstler aus Paris in Gießen wieder finde und das bereitet uns Freude, aber auch den Menschen die hier leben", so Kai Krieger.

Auch andere Städte in Mittelhessen schmücken sich mit Arbeiten der "3Steps": wie zum Beispiel Wetzlar, wo ihr "Spyglass "zu sehen ist, das mit mehreren hunderttausend Likes im Internet zum viralen Hit wurde.

Tötungsmittel Düsenjäger, Gorch Fock und Schlachthof

Beliebt sind auch die "Berliner Mauerreste" auf dem Bahnhofsvorplatz in Gießen, die sie immer wieder neu in Szene setzen und so zu ganz eigenen Kunstwerken machen. Viele ihrer Werke sind Bildergeschichten. Sie sollen irritieren, Assoziationen wecken, aber auch Bekanntes mit ganz anderen Augen sehen lassen: Ein Düsenjäger fliegt durchs Bild, die Gorch Fock steht hier auf dem Kopf.

"Mit dem Bild, das wir im Hintergrund sehen, haben wir zwei Elemente mit aufgefasst, einmal zum Beispiel den Düsenjäger, der ja eine Errungenschaft der Technik ist, auch irgendwie etwas Faszinierendes hat – auch gerade für Kinder, aber auch für Erwachsene. Aber auf der anderen Seite eben auch gebaut worden ist um Menschen umzubringen. Das zweite Motiv, was sich da verbirgt, ist die Gorch Fock, auch wieder ein Sinnbild für Freiheit, letztendlich aber auch für Ausbildung, aber auch mit Negativschlagzeilen vergesellschaftet – und jetzt kurz vor der Abwrackung, also auch wieder was Faszinierendes, was aber auch Negativschlagzeilen gemacht hat", erklärt Uwe Krieger.

"Ambivalenz", das ist ihr Lieblingsthema, und darum geht es auch in ihrem aktuellen Projekt, einer Ausstellung im Schlachthof Gießen: "Ja, die Kontroverse habe ich jetzt zum Beispiel auch in anderen Ansichten wie hier, wo man den Blick in die alte Halle hat. Zum einen das Imposante, die hohen Räume über drei, vier Stockwerke, wenn man heute durchläuft, einfach sagt 'Wow', aber letztendlich ist das ja die Ankunftshalle für die Tiere, die dann ja kurz davor sind zu sterben oder getötet zu werden", so Uwe Krieger.

Ihre Fotos vom Schlachthof , die sie am Computer bearbeitet haben, drucken sie aus. Dann schneiden sie daraus Schablonen. In stundenlanger Kleinarbeit und mit viel Geduld entstehen so Collagen und Vorlagen für ihre Wandbilder.

Große Herausforderung: gedanklich frei bleiben

So auch auf einer Fläche in der Volksbank Gießen, die inzwischen zu den Auftraggebern von "3Steps" zählt, neben dem Deutschen Roten Kreuz, UNICEF und auch größeren Unternehmen. Aber passt das zusammen? Streetart und Kommerz?

"Als Künstler läuft man immer irgendwann Gefahr, mit dem Antrieb, man möchte auch Werke verkaufen oder davon leben – dass man sich letztendlich anderen Sachen unterwirft. Aber ich glaube, das ist die große Herausforderung für jeden Künstler, dass er gedanklich immer frei bleibt", so Uwe Krieger.

Frei gestalten und einen überraschenden Blick auf Altbekanntes werfen, das konnten sie auf jeden Fall auch an der Lahn, um die sich etliche Mythen und Märchen ranken: "Der Sage nach soll hier unten in der Lahn in einer Stromschnelle eine Sirene gelebt haben, die man auch hier im Bild sieht, und immer wenn die Fischer mit Boot rausgefahren sind, um Fische zu fangen, sind manche der Sirene erlegen und im Wasser ertrunken", erzählt Kai Krieger.

So lange es freie Flächen gibt, werden die "3Steps" an ihrer HeimatStadt festhalten und weitermalen. Vielleicht ist das genau ihr Schlüssel zum Erfolg: kreativ und bodenständig zu sein und Gießen zu einem neuen Gesicht zu verhelfen.

Bericht: Anna Engel

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 18.04.2019, 22:45 Uhr