Schülerdemonstration

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Den 15. März 2019 rufen Schüler- und Studentenorganisationen zum bisher größten Streiktag im Rahmen der "Fridays for Future" aus. Seit im August 2018 die heute 16-jährige Schwedin Greta Thunberg die europäischen Regierungen mit Plakaten und kurzen Ansprachen an die Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens erinnerte, schlossen sich Zehntausende junger Leute den freitäglichen Protesten an.

Mit mächtig Tempo, mit Euphorie und mit Optimismus. ziehen Kinder und Jugendliche für eine bessere Welt durch die Straßen von Frankfurt. Luca Peters ist 18 und damit alt genug, einen solchen Demonstrationszug zu beantragen: "Wir gehen für unsere Zukunft auf die Straße. Wir gehen für die Zukunft der Menschheit auf die Straße. So einfach ist das."

Macht was gegen die Klimakatastrophe – Die Aufforderung geht an die Regierenden, an die Mächtigen der Welt. Tut was! Helena Marschall ist 16 und arbeitet in der Organisation mit: "Das ist ne coole Stimmung, sowas gab‘s noch nie. Nächste Woche wird in 72 Ländern gestreikt, in 800 Städten. So ne Jugendbewegung, so ne basisdemokratische Jugendbewegung gab es noch nie."

Star ohne Allüren

Angefangen hatte es vergangenen August mit diesem 15-jährigen, stillen Mädchen aus Schweden, Greta Thunberg. Heute ist sie ein Star, ohne Allüren. Ins Ausland reist sie nur mit dem Zug, wegen der Öko-Bilanz. In Katowice hält Greta eine vielbeachtete Rede: "Im Jahr 2078 werde ich meinen 75. Geburtstag feiern. Vielleicht habe ich Kinder und sie werden den Tag mit mir verbringen. Vielleicht fragen sie mich nach euch, warum ihr nichts gemacht habt, als noch Zeit zum Handeln war. Ihr sagt, ihr liebt eure Kinder mehr als alles andere – und doch raubt ihr ihnen die Zukunft."

Greta hat eine Welle ausgelöst. Seit Dezember sind auch die Frankfurter Schüler im freitäglichen Schulstreik. In der Protestbewegung entdecken Soziologen ein völlig neues Phänomen. Die jungen Menschen klagen nicht an, sondern sie klagen etwas ein: Zukunft. Prof. Ferdinand Sutterlüty vom Institut für Sozialforschung dazu: "Ich möchte aber in Frage stellen, ob es sich dabei um eine klassische Jugendbewegung handelt, zumal man bei dieser Bewegung beobachten kann, so eine Art Umkehrung der Generationenrollen. Es ist so, als würden diese jungen Menschen die Rollen von Erwachsenen einnehmen, denen man normalerweise nachsagt, sie wären verantwortungsbewusst, würden in die Zukunft hineindenken, nicht in den Tag hineinleben. Jetzt ist es genau umgekehrt: Diese jungen Leute weisen Erwachsene darauf hin, dass sie sich verhalten sozusagen wie Jugendliche, die nur an das Heute denken, nur an den Genuss von heute."

Es ist so vieles anders bei diesem Jugendaufstand. Er hat keine "Null-Bock"- und "No-Future"-Attitüden wie die Bewegungen in den achtziger Jahren. Im Gegenteil. Die Demos und die Streiks heute sind auch keine Rebellion gegen das Establishment. Das Establishment soll sogar mit ins Boot geholt werden. Es wird in die Pflicht genommen. Auffällig auch, fünfzig Jahre nach der 68er Rebellion stehen nicht mehr die Männer in der ersten Reihe.

"...eine recht feminine Bewegung"

Prof. Ferdinand Sutterlüty dazu: "Diese früheren Machogesten, die man bei manchen sozialen Bewegungen festgestellt hat, so eine männliche Rhetorik, eine Kampfesrhetorik, als würde man fast in den Krieg ziehen das findet man hier überhaupt gar nicht. Insofern kann man schon sagen das ist eine recht feminine Bewegung." Feminin heißt hier bestimmt nicht weniger entschlossen. Es kommt auch Beifall von der Politik. So viel junges, politisches Engagement findet auch der hessische Kultusminister Alexander Lorz klasse, weniger gut allerdings, dass die jungen Menschen freitags nicht mehr zur Schule gehen: "Die Auflehnung, das Spiel mit dem Regelbruch, das gehört zum Erwachsenwerden bis zu einem gewissen Grad dazu. Das war früher so, das ist heute so, das wird auch immer so sein. Allerdings, meine Damen und Herren, zu diesem Spiel mit dem Regelbruch und damit zum Erwachsenwerden gehört auch die Bereitschaft, die Konsequenzen zu tragen, die das eigene Verhalten hat."

"Zunächst sind die Reaktionen häufig sehr paternalistisch aus der Politik als bräuchte diese Bewegung den Segen von anderen, um überhaupt als legitim gelten zu können. Eine Gefahr besteht auch darin, dass man sich auf Nebenschauplätze konzentriert, wie verhält es sich mit der Schulpflicht und so weiter – und ich finde, dass diese Jugendlichen es verdient haben, dass man auch auf ihre sachlichen Argumente hört.", sagt Prof. Sutterlüty.

Nehmt die Jugend ernst!

Die viel bedauerte Politikverdrossenheit scheint bei den Jugendlichen gerade mal Pause zu machen und die Politiker scheinen sogar ein wenig stolz auf diese so kämpferische Jugend zu sein. Das Wohlwollen der Politik ist den jungen Menschen allerdings zu wenig. Demonstrantin Helena Marschall dazu: "Das perfekte Beispiel, Angela Merkel hat letzte Woche in ihrem Podcast erzählt, wie super sie uns findet und wie toll es ist, dass Jugendliche um ihre Zukunft kämpfen und hat sich bei uns eingeschleimt. Dabei ist sie genau die Person, die wir mit dem ganzen ansprechen, sie ist ja die verantwortliche Person. Sprüche sind super, aber wie wollen Taten sehen, konkrete Politik, die durchsetzt, was wir fordern."

Die Bewegung bekommt Rückenwind. Wissenschaftler haben eine Petition gestartet, mit der sie die Forderungen der Jugendlichen an die Politik unterstützen. Die Scientists for Future, die Wissenschaftler für die Zukunft, haben 12tausend Unterschriften gesammelt.

Bericht: Ulrich Zimpelmann

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 14.03.2019, 22:45 Uhr