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zum Video Waechtersbacher Keramik – eine Initiative will das alte Fabrikgelände kulturell wiederbeleben

Im östlichen Main-Kinzig-Kreis steht die einst größte Steingut-Fabrik Deutschlands. In Millionen Haushalten finden sich Henkeltassen oder Designer-Vasen von "Waechtersbach". Einige Objekte sind im New Yorker "MoMa" ausgestellt. Dann kam 2011 die Insolvenz für die Steingut-Manufaktur, die zu Spitzenzeiten 1.000 Menschen beschäftigte.

Weitere Informationen

Kunstprojekt "Schwarz-Weiss-Ware"
Performance und Ausstellung
17. März, 11 Uhr in der ehemaligen Glasurmühlenhalle der Waechtersbacher Keramik in Schlierbach, Fabrikstraße, 63636 Brachttal

Weitere Veranstaltungen sind geplant, u.a. eine Ausstellung zu Bauhaus ab Mai – mehr Informationen unter: industriekultur-steingut.org

Kontaktadressen:

Industriekultur Steingut e.V.

Erster Vorsitzender Pascal Heß
Tannenweg 3
63636 Brachttal
Telefon: 06054-908544
E-Mail vorstand@industriekultur-steingut.org
und: P.hess@industriekultur-steingut.org
Infos unter: industriekultur-steingut.org

Lindenhof Keramik-Museum von Klaus-Dietrich und Marlies Keßler
Lindenstraße 2
63636 Brachttal-Streitberg
Telefon: 06954-6714
E-Mail: Kessler.streitberg@t-online.de
Infos unter: www.lindenhof-museum.de

Geöffnet jeden ersten Sonntag im Monat
von 14-17 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung
Eintritt frei

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Seit 50 Jahren sammelt das Ehepaar Keßler Waechtersbacher Keramik. Mehrere tausend Einzelstücke sind so zusammengekommen: vom Gebrauchsgeschirr bis zu hochwertigen Kunstobjekten: Ein Riesenschatz, für den sie ihre Hofreite am Rande des Vogelsbergs umgebaut und beinahe jeden Platz belegt haben.

Das Ehepaar Kessler dazu: "Das ist eine Passion, eine Leidenschaft und wir hängen an diesen Dingen schon sehr, aber wir sind inzwischen in einem Alter, wo wir drüber nachdenken müssen und wir möchten gerne, dass die Sachen zusammenbleiben und wir möchten gerne, dass sie dort wieder in der Umgebung heimisch werden, wo sie mal produziert worden sind."

Sie wollen ihren Schatz stiften, für ein Museum auf dem stillgelegten Fabrikgelände. Aber ihr Traum könnte platzen. Denn die Gemeinde hat kein Geld. Private Investoren haben das Gelände inzwischen gekauft. 2011 ging das Unternehmen "Waechtersbacher Keramik" insolvent, vor allem wegen der Billigkonkurrenz aus Asien.

In 40 Länder wurde "Waechtersbacher Keramik" einmal exportiert

Jetzt sind viele Gebäude bereits vermietet. Anderen droht der Verfall; und das alte Werksmuseum wird schon rückgebaut und bald abgerissen.

Das Museumsprojekt will der Kunsthistoriker Pascal Heß vorantreiben und sucht nach einem geeigneten Gebäudeteil. Sein Verein "Industriekultur Steingut" möchte das historische Fabrikgelände erhalten: "Das erstaunliche ist, das ist eine der frühen Anlagen auf dem Kontinent. Und Sie müssen sich vorstellen, als man die gebaut, gibt es noch nicht einmal Fabrikarchitektur. Weil man nicht weiß, wie man eine Fabrik bauen soll, baut man englische Landhausarchitektur. Das heißt das ist so ein toller Zeitenwandel, der sichtbar wird und der sich bis heute ununterbrochen erhalten hat: Sie sehen Mitte 19. Jahrhundert, dann die erste große Industriearchitektur, Anfang 20. Jahrhundert, Flugbetondecken, alles das, was diese Fabrik, Architektur oder Industrialiserung in Europa und Deutschland ausmacht, ist hier auf einem Platz sichtbar.", so Pascal Heß.

In 40 Länder wurde "Waechtersbacher Keramik" einmal exportiert. Eine erfolgreiche Firmengeschichte, an die der Verein um Pascal Heß nun erinnern will, mit einem modern gestalteten Museum: am besten hier im ältesten Gebäude, wo die Ware lagerte, bevor man sie in alle Welt versandte. Der Kunsthistoriker dazu: "Das hat eine enorme architektonische und atmosphärische Qualität, es steht unter Denkmalschutz und es ist im Kern der Fabrik und wir möchten gerne, dass ein Museum, das die Industriegeschichte erzählt, also nicht nur die einzelnen Objekte oder die Produktion, das sich das im Kern der Fabrik bewegt in einem Gebäude, das gleichzeitig selbst die Geschichte der Fabrik erzählt."

Unbezahlbar

Die Idee vom Industriedenkmal. Für den Verein aber unbezahlbar. Mindestens eine Million Euro würde allein der Umbau kosten. Um Unterstützer für ihre Kulturinitiative zu finden und auch die Bevölkerung dafür zu begeistern, hat sich Britta Schäfer-Clarke eine Kunstperformance ausgedacht. "Scherben" nennt sie die, in der sie den Zusammenbruch der Firma erzählt und ermutigen will, Neues zu wagen. Die Künstlerin dazu: "Es geht darum, was macht man mit so einem Erbe. Lassen wir das alles verfallen, oder kann daraus etwas entstehen, was kulturell für unsere Region eine Art Impuls sein kann, um daraus weiter etwas zu entwickeln."

Jetzt wirkt alles so, als hätte jemand die Zeit angehalten. In einigen Lagern und Hallen befinden sich immer noch Reste einer laufenden Produktion. Das bewegt Britta Schäfer-Clark immer wieder: "Auf der einen Seite denkt man, da kommt jetzt bestimmt gleich jemand und schmeißt die Maschinen an und auf der anderen Seite ist es ganz offensichtlich, nein es ist hier Schluss. Da ist ein Schlussstrich gezogen worden. Der gesellschaftliche Wandel, hat dazu geführt, dass in der heutigen Zeit hier oben auf dem Lande so eine Art von Produktion nicht mehr gewinnbringend ist und ganz häufig habe ich das Gefühl, dass wir wirklich hier oben abgehängt werden, dass wir zu reinen Schlafdörfern verkommen. Das tut weh, das ist sehr traurig."

Nicht nur ein Museum, auch kulturelle Veranstaltungen auf dem Gelände können die Region beleben, davon ist Britta Schäfer-Clarke überzeugt. Wenn das nicht erkannt werde: "…bleibe nur noch ein Scherbenhaufen. Die neuen Inhaber wollen jedenfalls nicht mehr lange warten. Sie brauchen Einnahmen durch neue Mieter, haben eigene Pläne."

Immerhin gibt es schon Anstrengungen der umliegenden Gemeinden und des Kreises. Eine Machbarkeitsstudie wurde finanziert, auch ein touristisches Konzept ist in Planung. Nur was nützt das, wenn kein Geld für die fachgerechte Sanierung der alten Gebäude da ist. Es wäre schade, wenn die kleine verbliebene Werksproduktion und der Verkauf von Dekoartikeln, Henkeltassen und Geschirr das einzige wären, was an das einst so erfolgreiche Unternehmen erinnern würde.

Und es wäre eine verpasste Chance, die einmalige Privatsammlung des Ehepaars Keßler nicht an einem so würdigen Ort zu präsentieren.

Bericht: Juliane Hipp

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 14.03.2019, 22:45 Uhr