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zum Video Der Brexit und die Kultur

Es ist schon ein trauriges Schauspiel, das die Briten gerade aufführen: Brexit ja, aber hart soll er nicht sein, eher mittel, nur was die EU anbietet, das bitte auch nicht! Und wann? Ja, bald natürlich, aber auch nicht zu schnell, und nur so, dass Großbritannien nicht ärmer ist als zuvor und alles wieder so ist, wie es einmal (nie) war.

Schwarzer Tee, frisch aufgebrüht. Um Punkt fünf Uhr am Nachmittag beginnt sie, die "tea time". Eine Zeremonie, weit über die Landesgrenzen von Großbritannien bekannt. "Eine Tasse Tee löst alle Probleme" – sagt der Brite. Mit Blick auf Europa müsste der wohl literweise getrunken werden, um das größte Problem der Nation wegzuspülen: Den Brexit.

Sandra Jakobian hat mitten in Hessen eine britische Insel geschaffen. Hier im "Britmania" treffen deutsche Großbritannien-Liebhaber auf Exil-Briten. Hier wird Tag für Tag der europäische Gedanke gelebt. Doch: der wankt – auch in Wiesbaden. "Wenn die Einfuhr von Waren reglementiert ist und deklariert werden muss und Zölle abgeführt werden müssen und so weiter, lohnt sich das für so ein kleines Unternehmen wie unseres überhaupt nicht mehr. Und über diesen wirtschaftlichen Aspekt hinaus finde ich auch, ich verliere die Lust sozusagen das Ganze noch zu machen, wenn ich sehe, dass die Hälfte von Britannien eigentlich von uns gar nichts möchte", sagt sie.

"Für das Theater ist das tödlich"

Der Brexit wird Auswirkungen haben, auch auf uns in Hessen. Aber nicht nur in der Wirtschaft, auch in der Kultur. Ihre Arbeit würde es mit am meisten treffen: Das "English Theatre" in Frankfurt arbeitet mit britischen Schauspieltruppen, die hier Gastauftritte haben. Das Szenario, vor dem Intendant Daniel Nicolai am meisten graut: Ein ungeregelter Brexit. Der entzöge den Schauspielern inmitten des laufenden Spielbetriebs ihre Arbeitserlaubnis. Die Show würde still stehen.

"Das würde uns wirklich hart treffen. Denn ich sage mal, der ganze Spielbetrieb ist ja überwiegend über Karten finanziert. Und die Leute sind gewöhnt, dass die bei uns, ich sag mal ab September bis Juni, Juli bei uns Programm angeboten kriegen. Und für Theater ist das ganz tödlich, wenn die Engländer sagen: We go dark. Wenn hier auf einmal ein halbes Jahr kein Theater ist, dann ist es auch sehr schnell weg", so Nicolai.

"Es ist eine Schande für alle kreativen Menschen"

Daniel Nicolai hofft auf eine Brexit-Verschiebung und damit auf Zeit, um Regelungen für seine britischen Künstler zu finden – wie für James Groom: "Es ist nicht nur wirtschaftlich eine Schande. Es ist eine Schande für alle kreativen Menschen auf dem gesamten Kontinent, für die, die sich hier treffen und zusammen arbeiten – und sich manchmal auch ineinander verlieben. Hier gibt es Leute, die haben einen britischen oder deutschen Partner, die haben sich hier kennengelernt. Das ist etwas Wundervolles. Und das ist es auch, was Europa stärker macht, zu einem großartigen Ort zum Leben und Arbeiten", sagt der Schauspieler.

Wie geht es weiter mit Pendlern?

So ist es Johanna Heanley passiert. Die Deutsche arbeitet beim "English Theatre" als Stage Managerin und lernte hier ihren heutigen Mann kennen, einen britischen Schauspieler. Sie leben in London, pendeln aber viel zwischen Deutschland und UK. "Wir haben uns kennengelernt da. 2014, da gab's das Wort Brexit noch gar nicht. Also, da hat noch keiner von Brexit gesprochen. Und da sind wir eigentlich davon ausgegangen, wir können einfach zusammen sein, wir können irgendwie mal in England sein, mal in Deutschland sein, wir können frei wählen, wo wir sein wollen. Aber jetzt mit dem Brexit weiß man halt nicht, inwieweit das weiter möglich sein wird mit dem Hin- und Herreisen", sagt sie.

Johanna Heanley wird nach dem Brexit in Großbritannien eine Einwanderin sein und ein Visum brauchen.

Was wird aus den Studenten?

Der Brexit – er boykottiert die Idee eines Europas mit gemeinsamen Werten. Werten, für die man auch in Frankfurt auf die Straße geht. Hier gründete sich 2016 die Bewegung "Pulse of Europe" im Zuge des Brexit-Referendums – eine Initiative für Europa. Viele junge Menschen sind dabei. Sie sind die Zukunft Europas.

Stephanie Porter berät Studierende an der University of Applied Sciences, wenn sie mit Erasmus-Programmen ins Ausland wollen. Der Aufenthalt wird von der EU finanziert. Wie die Kooperation mit Großbritannien künftig aussehen wird, ist noch völlig offen – vor allem bei einem ungeregelten Brexit.

"Aber wie es danach weitergeht, wissen wir nicht"

"Da müssen wir jetzt schauen, wenn es zum No-Deal-Brexit kommt, was passiert dann? Wie werden diese Verträge weiterhin finanziert? Uns wurde zugesichert, dass die Leute, die jetzt gerade in Großbritannien sind, die jetzt sozusagen zum Sommersemester hin ihr Auslandssemester anfangen, dass die noch save sind, dass die jetzt da bleiben können. Aber wie es danach weitergeht, wissen wir nicht", so Porter.

Europaweit ist Großbritannien das drittbeliebteste Zielland. Das Interesse bei ihren Studenten sei trotz Brexit-Debatte weiterhin hoch, erzählt Porter. Das motiviere die Partner-Universitäten in UK: "Wir haben hier so eine Solidarität und wir wollen diese Partnerschaften weiterführen, egal wie. Wir wissen nur noch nicht, auf was für einer Grundlage, wir wissen noch nicht, wie wir das vertraglich regeln können. Aber wir wissen, wir wollen die Zusammenarbeit weiterführen."

Ausweg doppelte Staatsbürgerschaft?

Im Rhein-Main-Gebiet leben und arbeiten viele Briten. Wenn es zum Brexit kommen sollte, würden sie wohl ihr EU-Recht auf Freizügigkeit verlieren. Das träfe auch Simon Bailey. Der britische Sänger arbeitet freiberuflich an der Frankfurter Oper. Er versucht jetzt die doppelte Staatsbürgerschaft zu bekommen. Seit dem Referendum haben doppelt so viele Briten wie sonst den deutschen Pass beantragt.

"Ich arbeite viel in Europa. Ich arbeite auch viel in Großbritannien. Und deshalb wird diese doppelte Staatsangehörigkeit gemacht, ausschließlich aus professionellen Gründen, wenn ich das sagen darf. Obwohl, wie gesagt, ich fühle mich jetzt relativ deutsch, ich fühle mich auch Europa, so european und auch Brite", so Bailey.

Europäisch und britisch. Bei "Britmania" hofft man auch, dass der Laden kultureller Treffpunkt bleiben kann und Großbritannien nicht radikal Goodbye sagt. Abwarten und Tee trinken!

Bericht: Christiane Schwalm

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 21.03.2019, 22:45 Uhr