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zum Video Zum Weltfrauentag – Fünf Frauen aus Hessen ziehen Bilanz

Am 8. März ist Weltfrauentag. Ist der überhaupt zeitgemäß? In Demokratien herrscht völlige rechtliche Gleichstellung, und die meisten jungen Frauen halten Feminismus für überflüssig.

Und doch gibt es in den Spitzen von Politik und Wirtschaft nach wie vor weniger Frauen als Männer, bekommen männliche Schauspieler mehr Geld für eine Hauptrolle; hinzu kommt, dass es nach wie vor die Frauen sind, die über die Erwerbstätigkeit hinaus den größten Teil der Familien-, und Pflegearbeit leisten. Erfolgreiche Frauen werden oft als weniger "weiblich" angesehen, und sie müssen sich manchmal gegen ein "Quotenfrau"-Image wehren.

"hauptsache kultur" hat über Emanzipation, Schönheitsdruck, Quoten und vorgeprägte Geschlechterrollen mit Frauen aus ganz unterschiedlichen Bereichen gesprochen: Sandra Maravolo, Inhaberin eines Erotikladens, Nina Morgner, Chemieprofessorin an der Frankfurter Goethe-Universität, Martina Ochel, Geschäftsführerin beim weltweit agierenden Pharmakonzern Sanofi, Jessica Purkhardt, Co-Fraktionsvorsitzende der Frankfurter Grünen und Transgender-Aktivistin sowie Jennifer Sieglar, Fernsehmoderatorin und Autorin.

Alle diese Frauen bringen die Gleichberechtigung voran. Doch das ist nicht leicht. "Es ist ja so, dass Frauen zwar auf dem Papier emanzipiert und gleichgestellt sind, das Problem ist aber nur, dass sie dadurch heute eigentlich noch mehr Belastungen haben", sagt Sandra Maravolo.

Trotzdem: Sie erobern bislang männlich dominierte Wissenschaftsbereiche: "Ich habe zum Beispiel während der Postdoczeit eine Chefin gehabt und habe auch gesehen, wie eine Frau, die wirklich sehr weiblich ist, und ganz absolut nicht das typische Alphatier, wie die ein wirklicher Superstar in der Wissenschaft sein kann", erzählt Nina Morgner.

Sie zeigen, dass Frauen erfolgreich sind, aber kämpferisch bleiben müssen: "Es ist ein Problem, dass man als alternder Mann im Fernsehen noch sehr sehr lange zu sehen ist, und als alternde Frau eher nicht", saht Jennifer Sieglar.

Sie führen Hunderte Mitarbeiter und formulieren neue Ziele: "Die neuen Traummaße für Frauen sind nicht mehr 90/60/90, sondern 10/30/60. 10 Prozent Fleiß, 30 Prozent Selbstvermarktung, 60 Prozent Netzwerk", informiert Martina Ochel.

Und sie fordern, nicht in althergebrachten Kategorien zu denken. "Es bräuchte eigentlich ein Selbstbestimmungsgesetz, mit dem Leute einfach durch Selbstauskunft beim Standesamt sagen können, in welchem Geschlecht sie leben wollen", fordert Jessica Purkhardt.

Fünf Frauen aus unterschiedlichen Generationen, viele offene Fragen zum Thema Gleichberechtigung und Rollenbilder. Fangen wir an.

Brauchen wir den Weltfrauentag überhaupt noch?

Morgner: Ob das jetzt wirklich der Entwicklung der Frauen nützt, glaub ich nicht."
Sieglar: "Ich fände es besser, wenn der Frauentag Gleichberechtigungstag heißen würde, weil ich finde, dass es eher darum geht."
Purkhardt: "Es wäre eigentlich wichtiger, statt immer mehr Schubladen aufzumachen und die Leute immer mehr zu diversifizieren, zu sagen wo sind denn die gemeinsamen Probleme in Bezug auf Diskriminierung und Benachteiligung und Intoleranz."
Ochel: "Wir brauchen den Weltfrauentag alleine schon deswegen, weil wir im europäischen Vergleich ein ziemliches Schlusslicht bilden, was Frauen in Führungspositionen angeht, aber auch interessanterweise, was Frauen überhaupt in der Beschäftigung angeht."

Martina Ochel arbeitet seit 20 Jahren in führender Position, ihr unterstehen 500 Mitarbeiter. Gefördert wurde sie von Männern, Chefinnen habe es ja früher noch nicht viele gegeben. Dass nur 22 Prozent der Führungskräfte in Deutschland weiblich sind, habe viele Gründe.

Was also läuft falsch?

Ochel: "Eine Stelle wird ausgeschrieben. Eine Frau sieht die Stelle und checkt, was wird alles gefordert? Eins, zwei, drei, vier. Und schaut: Erfüllt sie die Anforderungen? Wenn sie nicht fast alle Anforderungen erfüllt, wird sie sich nicht auf die Stelle bewerben. Mann guckt auf die Stelle, sieht den Titel der Position, denkt: Die Stelle will ich haben und bewirbt sich."

Morgner: Ich denke schon, dass bei Jungs wird eher gefördert wird, dass sie sich eben einfach mal durchsetzen und sich vielleicht auf dem Spielplatz, wenn sie sich da mal geschlagen haben, dass eher die Anerkennung da ist, wenn sie gewonnen haben. Und bei Mädchen wird eher darauf geachtet, dass sie sich gut benehmen und niedlich und hübsch sind. Und das sind eben nicht die Eigenschaften, die einen hinterher im Beruf nach vorne bringen."

Sieglar: "Es liegt schon auch daran, dass wir nicht so viele Vorbilder hatten, als ich Kind war, fehlten mir dann doch die Vorbilder von Frauen als Chefinnen."

Maravolo: "Es könnte leichter sein für Frauen, wenn die ganzen Umstände tatsächlich auch emanzipiert wären wie: sie können ihre Kinder in die Schule bringen und erst abends abholen, damit sie mehr Freiraum haben, sie würden tatsächlich das gleiche Geld bekommen für die Arbeit, die sie tun, dann würde ich sagen, okay, da sind wir noch ein bisschen näher an die Emanzipation gekommen."

Jennifer Sieglar ist eine emanzipierte Frau. Sie moderiert verschiedene Sendungen, schreibt Bücher und hat 21.000 Abonnenten auf Instagram. Traditionellen Rollenbildern begegnet sie immer wieder.

Spürt sie Schönheitsdruck?

Jennie: "Ich glaube schon, dass man als weibliche Moderatorin auf jeden Fall einer größeren Kritik ausgesetzt ist, also dass wir jetzt Emails bekommen, weil irgendein Mann schlecht angezogen ist, das gibt es so eigentlich so gut wie gar nicht, aber dass wir Emails bekommen, wo Leute sich darüber beschweren, wie die Frau angezogen ist, dass das unpassend sei, dass das hässlich sei, so was gibt es tatsächlich eigentlich nur bei uns weiblichen Moderatorinnen."

Maravolo: "Es ist ja so, dass Frauen heute ganz unglaublich schön, schlank und sexy sein müssen. Und überall rasiert komplett, alle Schamhaare weg, in den Achtzigern muss ich das alles gar nicht machen, und meine ganzen Freundinnen auch nicht, wir waren trotzdem schön, wir waren nicht dünn, und waren trotzdem schön. Und heute rennen sie alle ins Studio und machen sich einen unwahrscheinlichen Stress, weil sie sich sonst nicht mehr leiden können."

Purkhardt: "Junge Frauen werden halt auch geprägt durch die sozialen Netzwerke. Für ein freizügiges, laszives Bikinifoto kriegen sie ganz viele Likes. Und für irgendeine Situation, wo sie gerade dabei fotografiert wurden, wie sie ein Buch lesen, kriegen sie gar keine Rückmeldung. Das macht was mit den Leuten."

Anders sozialisiert wurde Nina Morgner. Sie hat schon als Kind im Keller mit Säure experimentiert. Heute ist sie eine der wenigen Chemieprofessorinnen in Hessen.

Was muss sich also ändern?

Morgner: "Also ich glaube, ein Punkt, der Männern und Frauen und helfen würde, eine gleichberechtigtere Art von Beziehung beruflich wie privat zu führen, ist bessere Kinderbetreuung."

Ochel: "Welcher Vorstandvorsitzende macht sich Gedanken darüber, ob er entweder drei Kinder bekommt oder ob er den Vorstandsvorsitz übernimmt? Jede Frau wird diesen Schritt sich sehr sehr wohl überlegen, weil sie abwägen muss, ob sie dann noch genug Zeit für die Kinder hat. Wir müssen dahin kommen, Männer müssen genauso im Familienmanagement eine Rolle spielen."

Jennie: "Ich denke, es müssten sich zwei Sachen ändern. Erstens müssten die Frauen sich selber ändern. Mehr in die Hand nehmen, selber mehr einfordern, und auch einfach ein bisschen engagierter sein, das glaube ich ist schon auch ein Punkt. Und zweitens müsste sich aber auch, denke ich, in der Gesellschaft was ändern, es ist nicht mehr so eindeutig, dass wir unbedingt eine Emanzipation brauchen oder dass wir unbedingt zum Beispiel eine Quote bräuchten, aber ich glaube, da muss schon auch eine Einsicht von den Männern kommen, dass noch nicht eben alles geschafft ist."

Purkhardt: " Ich finde es ziemlich gut, wenn sich die Leute nicht mehr so viele Gedanken um geschlechtliche Zuordnung machen würden, weil geschlechtliche Zuordnungen erstmals nichts Festes sind. Deswegen würde ich einfach mehr Lockerheit im Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt anraten. Im gesellschaftlichen Sinne, also das heißt im Alltag, aber auch im formalen Sinne, beim Gesetzgeber."

Maravolo: "Liebe Frauen, würde ich sagen, denkt immer auch ein bisschen mehr an Euch selbst. Schaut, was euch gut tut, nicht nur Euren Männern, nicht nur euren Kindern, nehmt Euch Zeit für Euch und denkt an Euch."

Bericht: Grete Götze

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 07.03.2019, 22:45 Uhr