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Ist er wirklich 103 Jahre alt geworden? Oder doch nur 89? So genau weiß man das nicht. Für damalige Zeiten hat Tizian jedenfalls ein biblisches Alter erreicht und er überlebte auch seine stärksten Rivalen. Er wurde die zentrale Figur in der venezianischen Kunstszene des 16. Jahrhunderts, der "Maler der Farben und des Lichts".

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"Tizian und die Renaissance in Venedig"
Städel Frankfurt
13.2. – 26. Mai 2019

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Venedig - für viele noch immer ein Sehnsuchtsort, trotz Touristen-Massen und überteuerter Preise. La "Serenissima", die Glänzende, Adlige, wie die Lagunenstadt genannt wird, ist im 15. und 16. Jahrhundert eine See- und Wirtschaftsmacht und Zentrum virtuoser Kunst.

Die Stoffe! Das Schimmernde! Diese einzigartige Lage zwischen Land und Wasser. Die Farben, all das findet sich in der venezianischen Malerei jener Epoche wieder. Das Städel lässt jetzt "Tizian und die Renaissance in Venedig" wieder aufleben in einer Ausstellung. Mit über 100 Meisterwerken von Tizian und seinen Zeitgenossen.

"Diese Werke, die wir hier sehen, sind fast alle Publikumslieblinge in ihren jeweiligen Sammlungen, davon trennt sich keiner gerne, da müssen wir alles an Verhandlungsgeschick aufbieten, was wir so zur Verfügung haben", sagt Bastian Eclercy , Kurator der Ausstellung.

"Künstlerisches Programmbild des frühen Tizian"

Er hat geschickt verhandelt und hochkarätige Werke der venezianischen Malerei versammelt. Allein 20 Arbeiten von Tizian. So viele waren in Deutschland in einer Schau noch nie zu sehen. Eine der Starleihgaben aus der National Gallery in London: Tizians "Noli me tangere" – „Berühre mich nicht“ ! Meisterhaft die vier weißen Stoffe von unterschiedlichem Gewicht und Transparenz. Es ist seine Interpretation des Ausspruchs Jesu nach dessen Auferstehung, als er Maria Magdalena begegnet. Das Werk enstand um 1514, "...was man so als eine Art künstlerisches Programmbild des frühen Tizian verstehen kann, wo er alles zeigt, was in seiner jungen Künstlernatur drinsteckt", so der Kurator.

Berühmt für den Farbauftrag

Werke wie das "Bildnis des jungen Mannes" offenbaren früh sein Talent. Geboren in Norditalien kommt Tizian mit neun Jahren nach Venedig, an die Werkstatt des Malers Giovanni Bellini. Venedig ist zu dieser Zeit eine Handelsmetropole. Einflüsse unterschiedlichster Kulturen aus der ganzen Welt kommen hier zusammen. Das bringt auch Innovation in die Malerei. Die Venezianer entwickeln neue Techniken im Umgang mit Farbe und Licht - und werden dafür gerühmt. "Was für die Venezianer insgesamt charakteristisch ist, aber für Tizian auch im Besonderem, ist die Form des Farbauftrags. Er belässt den Pinselstrich, zumindest ab einer gewissen Phase sichtbar", so Eclercy.

Und das ist neu. Denn während andere Maler noch mit porzellanhaft glatten Oberflächen arbeiten, belässt Tizian die Spur seines Malens bestehen. Erkennbar nur aus der Nähe. Ein malerischer Coup, besonders deutlich im "Bildnis des Alfonso d'Avalos".: " Wenn Sie das aus der Ferne betrachten, haben Sie die Illusion einer spiegelnden Rüstung, die sich wölbt. Und je näher Sie rangehen, desto mehr löst sich das auf in Pinselstriche und Tupfer regelrecht auf. Und das beherrschte Tizian wahrscheinlich wie kein anderer!",beschreibt Eclercy.

Jedem sein eigener Farbenhändler

Gemalt, als könne man die Rüstung anfassen. Auch das weiße Unterhemd des jungen Mannes: man möchte es berühren. Tizian hat den plissierten Stoff mit seinem Pinselstrich regelrecht geformt. Stoffe und Farben spielen in Venedig damals ohnehin auch wirtschaftlich eine große Rolle: Die Stadt ist Zentrum der Textil- und Glasindustrie. Beide Wirtschaftszweige benötigen Farbpigmente. Und davon profitieren auch die venezianischen Maler. Denn sie können die besten Farben vor Ort kaufen.

"Es gibt nämlich dort den eigenen Beruf des Farbenhändlers, in Florenz etwa kaufen die Maler ihre Pigmente beim Apotheker, und in Venedig ist das eine eigene Profession, erklärt Eclercy. Den Farbenhändler seines Vertrauens hat Tizian sogar im Bild verewigt. Die Farben vom Farbkasten greift er in der Darstellung des Himmels in der linken Ecke wieder auf.

Berühmteste Fabe: "Tizianrot"

Eine Farbe ist bis heute mit dem Renaissancemaler eng verbunden. Ein rötlicher Ton, den er für die Darstellung der gebleichten Haare der Venezianerinnen verwendet hat. Das sogenannte "Tizianrot". "Ich weiß selbst nicht, wann er das erste Mal auftaucht, dieser Begriff. Meine persönliche Theorie ist, das sei eine Erfindung der Haarfärbeindustrie, aber das kann ich leider nicht belegen", sagt der Kurator.

Auch Zeitgenossen wie Bordone malten Frauen typischerweise mit rotblonden Haaren. Wer waren diese sogenannten Belle Donne? Waren es Kurtisanen, die es damals in Venedig so zahlreich gab? Oder edle Bräute? Bis heute ist unklar, waren es reale Frauen oder doch nur Idealbilder weiblicher Schönheit.

Konkurrenz stirbt weg

Anders bei den Männern: Diese können realen Personen oft zugeordnet werden. Tizians "Der Doge" von Venedig zum Beispiel, Staatsoberhaupt der Republik. Sein Brokatmantel: ein Statussymbol. Jeder, der was auf sich hielt, ließ sich damals porträtieren. Venedigs Maler buhlen um Aufträge. Der Markt ist klein und umkämpft. Aber Einer kann sich durchsetzen: Tizian. Das hängt auch damit zusammen, dass viele seiner Rivalen abtreten.

"Der große Giorgione stirbt früh. Der alte Bellini stirbt dann in diesen Jahren, und Sebastiano del Piombo, ein anderer Mitbewerber, geht von Venedig nach Rom, und so ist gewissermaßen auch die Bühne frei für Tizian", so Eclercy.

"Eine besonders kühne Malerei"

Und diese Bühne besetzt er eine lange Zeit, bis er 1576 stirbt - an der Pest. Laut Sterbeeintrag soll Tizian 103 Jahre alt geworden sein, heute geht man von weniger aus. Im hohen Alter ändert er seine Malweise: grobe Pinselzüge, dunklere Farben. Bilder, die abstrakt und dramatisch wirken. Auch das ist Tizian.

"Eine besonders kühne Malerei. Eine besonders freie Malerei, die man im 20. Jahrhundert geschätzt hat. Mit der Zeit der Moderne hat man sich mit dem späten Tizian besonders begeistert", beschreibt Eclercy. Tizian, ein Jahrhundert-Maler, der seine Zeitgenossen und viele nachfolgende Generationen von Malern geprägt hat. Jetzt wird sein Werk im Städel gefeiert.

Bericht: Wero Lisakowski

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 14.02.2019, 22:45 Uhr