Ein großer Treck und die große Flucht in den Westen: 1945 war Norddeutschland Ziel für Tausende von Flüchtlingen. Der Film dokumentiert viele ergreifende Fluchtgeschichten. Die Menschen besaßen nicht mehr als ein paar Kleidungsstücke aus abgewetztem Stoff, ein paar ausgetretene Schuhe, einen Koffer mit dem Allernotwendigsten. Mit dieser kargen Ausrüstung machten sie sich auf den Weg.

Unter ihnen befand sich auch Christel Bethke. Zusammen mit ihrem Bruder Hans und ihrer Mutter flüchtete sie Anfang 1945 vor den heranrückenden russischen Truppen. Schneidend kalt war es in jenen Januartagen, es herrschten Temperaturen von fast minus 25 Grad Celsius. Bereits nach wenigen Kilometern wurde die Familie getrennt. Während die damals 14-jährige Christel und ihre Mutter von einem Lastwagen mitgenommen wurden, versuchte ihr 16-jähriger Bruder, mit dem Fahrrad durchzukommen. Den vereinbarten Treffpunkt, das nächste Dorf, erreichte er nie. Erst sehr viel später erfuhr Christel Bethke, dass ihr Bruder von russischen Soldaten erschossen wurde. Traumatische Erlebnisse, über die die Betroffenen oft jahrzehntelang nicht oder nur wenig sprachen. Denn das Leben musste weitergehen. Doch wie war das damals, als allein nach Schleswig-Holstein über eine Million Flüchtlinge strömten und damit die Bevölkerungszahl des Landes nahezu verdoppelten? Wie lebte es sich in Barackenlagern und Wellblechhütten? Wie wurden die Fremden zwischen Flensburg und Osnabrück aufgenommen? Welches waren die Probleme bei der Versorgung, der Unterbringung? Wie konnte es in den Hungerjahren der Nachkriegszeit überhaupt gelingen, Millionen von Menschen zu integrieren? Was damals keiner für möglich gehalten hatte, funktionierte! Auch wenn den Flüchtlingen mancherorts mit Ablehnung begegnet wurde, ihre Arbeitskraft wurde bald gebraucht. In der Schule und in Vereinen lernte man sich kennen. Es wurde geheiratet, Kinder wurden geboren. Aus Fremden wurden Neubürger. Christel Bethke fand im niedersächsischen Oldenburg eine neue Heimat und ein kleines Glück: Sie heiratete, bekam zwei Kinder. Aber noch immer verfolgen sie Albträume. Vor allem ein Gedanke beschäftigt sie: Was wäre aus ihrem Bruder Hans geworden, wenn er die Flucht überlebt hätte?

Ein Film von Kati Grünig und Manfred Uhlig