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zum Video Alltäglicher Wahnsinn - wie RMV-Pendler im Stich gelassen werden

Zu volle Züge, Verspätungen, Ausfälle. Auf Hessens Schienen herrscht Dauer-Chaos. Lösungen müssen her, Verbesserungen für die Pendler, doch will das die Bahn überhaupt? MEX will wissen, wie schlimm es wirklich ist und wer die Verantwortung trägt.

MEX einen Tag lang unterwegs auf Hessens Pendelstrecken. Los geht es auf der Strecke Gießen - Frankfurt um 06:30 in Bad Nauheim. Wir treffen Matthias Both, mit ihm wollen wir den Zug um 06:58 nach Frankfurt nehmen. Ein Blick auf das Smartphone durchkreuzt unsere Pläne und verhagelt seine Laune: „Wie man sich so Montags morgens fühlt, wenn man um viertel nach fünf aufsteht, und dann wieder feststellt, dass dann wieder einige Züge ausfallen, dann weiß man schon, die Woche beginnt gut.“

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Mex macht den Pendler-Check

MEX begleitet das Thema Pendeln regelmäßig: Wir begleiten Pendler mit der Bahn, mit dem Auto und per Park and Ride, immer auf einer vergleichbaren Strecke. Wer ist am schnellsten? Und wer zahlt am wenigsten?

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Und das wird immer mehr zur Regel. Immer wieder hat er den RMV angefragt, warum es so oft zu den Ausfällen und Verspätungen kommt. Zu viele Züge für zu wenig Platz schreibt der RMV:

„Bei (…) besonders unpünktlichen Linien ist die Infrastruktursituation ursächlich. (…) Jede Verspätung im Fernverkehr wirkt sich somit auf unser Fahrtenangebot aus.“

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Der Fernverkehr hat also Schuld? Matthias Both sieht das ganz anders: Seit 8 Jahren führt er Protokoll über die Gründe der Verspätungen.

Der nächste Zug fährt überfüllt und mit 9 Minuten Verspätung. Wir treffen den Pendler und IT-Experten Detlef Guski aus Butzbach. Seit 30 Jahren pendelt er und auch er sagt, es werde immer schlimmer. Immer wieder sucht er das Gespräch mit dem RMV: „Ernst genommen fühle ich mich nicht, es kommt dann ein Gutschein für einen ausgedruckten Fahrplan. Für treue Kunden. Was mache ich mit einem ausgedruckten Fahrplan, bitte?“

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MEX erklärt: Pendlerland Hessen

Hessens Pendlerstadt Nummer 1 ist Frankfurt. 362.000 Menschen pendeln jeden Tag mit Auto, Bahn oder Bus in die Mainmetropole. Zum Vergleich: Nach Wiesbaden pendeln täglich über 75.000 Menschen, nach Kassel etwas mehr als 61.000. In Frankfurt sind Pendler in der Mehrheit: 64 Prozent der Arbeitnehmer gehören dazu. Deutschlandweit liegt Frankfurt auf Platz 2 hinter München.

Viele machen es auch umgekehrt, sie wohnen in Frankfurt und arbeiten in einer anderen Stadt. 95.000 Menschen pendeln täglich raus aus Frankfurt. Volle Züge sind die Folge, vor allem zur Rush Hour morgens und am Nachmittag. In Nordhessen nutzen Tag für Tag 193.000 Menschen Busse und Bahnen. Und im Rhein-Main-Verkehrsverbund sind es sogar 2,5 Millionen Menschen.

Weitere Infos zu Pendlern im Rhein-Main-Gebiet finden Sie hier.

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Sinnvoller ist für ihn die RMV-10-Minuten-Garantie. Die gibt es seit einem Jahr und verspricht: Hat der Kunde mehr als 10 Minuten Verspätung, gibt es bis zu 50 Prozent des Fahrpreises zurück – bar auf die Hand. Und das summiert sich. Im ersten Jahr, nämlich von Juni 2017 bis Juni 2018, musste der RMV insgesamt 1,4 Millionen Euro blechen. Obwohl jeder einzelne nur wenige Euro zurück bekommt. Tendenz steigend, denn mit Verspätungen und Ausfällen haben Pendler im gesamten RMV Gebiet zu kämpfen.

Pünktlichkeitsziel? Verfehlt!

MEX besucht im Main Kinzig Kreis die Strecke Friedberg – Hanau. Am Bahnhof Nidderau Ostheim treffen wir Pfarrer Ohly, der sich mehr und mehr in seiner Gemeinde zum Beschwerdeführer beim RMV entwickelt: „Seit April, hat es regelmäßig Zugausfälle gegeben, ich habe jetzt auch meine Gemeinde gebeten, das zu tun, damit die Bahn statistisch ermessen kann, wie viele es trifft.“

Die gleiche Situation in Dietzenbach bei Offenbach. Zusammen mit der Jungen Union kämpft Christoph Mikuschek seit Jahren für bessere Verhältnisse im S-Bahn-Verkehr. Nicht nur er, immer mehr Pendler kämpfen für pünktlichere Züge und bessere Informationen, sie wollen den Zustand nicht einfach hinnehmen.

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Die Pünktlichkeitswerte der S-Bahn der vergangenen 5 Jahre zeigen: Wirklich geholfen hat es nicht. Das selbst gesteckte Pünktlichkeitsziel von 96 Prozent wird Jahr für Jahr verfehlt. Gibt es keine Chance auf baldige Besserung? Nein, sagt der Frankfurter  Verkehrssoziologe Alfred Fuhr: „Die Bahn müsste, um so ein Ballungsgebiet zu erschließen, sehr schnell Strecken ausbauen. Das geht natürlich nicht, von daher kann sie gar nicht so schnell wachsen, wie unsere modernen Lebenswelten sich ändern.“

„Immer die gleichen Ausreden“

In Frankfurt setzt der Feierabendverkehr ein. Wir möchten Ilona C auf ihrem Heimweg begleiten. Sie pendelt täglich vom Odenwald nach Frankfurt und zurück und erlebt so einiges: „Es ist die absolute Ausnahme, mein Mann und ich gucken uns immer entgeistert an, wenn wir in einem pünktlichen Zug sitzen, der dann auch fährt. Das ist absolut die Ausnahme.“ So auch heute: Eigentlich wollten wir den Zug um 16:25 nehmen. Der fällt aber aus. Jetzt warten wir auf den um 17:25. Ebenfalls als pünktlich gemeldet. Nichts passiert. Das Gleis wird immer voller. Information? Fehlanzeige! Ilona C. meint: „Immer die gleichen Ausreden, wegen Zugüberholung, wegen Fahrgasteinstieg, heute Stellwerkprobleme, deswegen fahren im Moment überhaupt keine Züge.“

Auch hier haben wir nachgefragt. Der RMV verweist uns an die Deutsche Bahn. Die Deutsche Bahn schreibt: Zur Odenwald-Strecke müssten Sie Ihre Anfrage bitte an die VIAS senden. Das haben wir gemacht. Und bis heute nichts gehört. Mittlerweile überlegt Ilona sogar, ihr Zuhause aufzugeben: „Also wir sind gerade am überlegen, obwohl wir unser absolutes Traumhaus in unserem Traumort gefunden haben, zu vermieten und nach Frankfurt zu ziehen, weil einfach so viel Lebenszeit draufgeht.“ Mit einem Zugausfall und weiteren 30 Minuten Verspätung erreicht sie schließlich den Odenwald.

Einen Tag lang war Mex unterwegs; an einem ganz gewöhnlichen Pendlertag mit überfüllten Zügen, Verspätungen und Ausfällen. Die schlechte Nachricht zum Schluss: es wird sich so schnell nichts ändern.

Autorin: Anke Heinhaus