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Ist Leiharbeit besser als ihr Image? Gerade in Mangelberufen boomt Leiharbeit, etwa in der Altenpflege. mex hat sich den neuen Trend einmal genauer angesehen.

In nur drei Jahren ist sie um 40 Prozent im Segment Altenpflege gestiegen. Zum Vorteil, zum Beispiel für Katharina Blümler, Leiharbeiterin in einem Seniorenheim im Main-Kinzig-Kreis: „Grad in der Leihfirma ist das top, da kann man einen Monat vorher sagen, da wird es eng, da kann ich nicht, da hätt ich gern frei.“ Festangestellte können sich das oft nicht aussuchen. Insgesamt fehlen 38.000 Pflegekräfte. Deshalb beschäftigen 60 Prozent aller Pflegeeinrichtungen Leiharbeiter, um ihre Personallücken zu füllen. Gut für Katharina Blümler. Sie bekommt 3.600 Euro brutto. Das sind 300 Euro Mehrverdienst als eine festangestellte Pflegerin.

Jahrelang waren Gewerkschaften gegen Leiharbeit, organisierten Demos gegen Missbrauch und Lohn-Dumping. Das schlechte Image wirkt bis heute. Doch gerade in der Pflege hat sich das Verhältnis laut Georg Schulze-Ziehaus von der Gewerkschaft Verdi komplett gedreht: „In der Pflege ist es so, dass die Arbeitsbedingungen für festangestellte Pflegekräfte so schlecht geworden sind, dass es für viele attraktiv wird, sich in die Leiharbeit zu flüchten, weil sie da bessere Arbeitsbedingungen finden.“

Leiharbeit – ein neuer Trend. 1985 gab es nur 42.000 Leiharbeiter, ab 2002 wuchs die Zahl rasant und liegt heute bei 1.040.000 Millionen.

Wachsende Leiharbeit auch unter Lokführern. Hier ist ein lukrativer Markt entstanden, weil 1.500 Lokführer fehlen. Lutz Schönemann ist Lokführer aus Neuruppin in Brandenburg. Er lässt sich lieber verleihen, um immer wieder neue Strecken kennenzulernen: „Gerade diese Flexibilität, die ich hier in dieser Firma vorfinde, von der Freizeitplanung, von der Dienstplanung, von der Freizeitgestaltung, das Mitspracherecht in bestimmten Fragen. Das ist auch ein großer Vorteil, wir wurden von Anfang an mit einbezogen in die Planung.“

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Mehr Freiheiten für Leiharbeiter

Freie Wochenenden und mehr Freizeit: Weil die Personaldecke dünn ist, haben Lokführer in Leihfirmen gute Verhandlungschancen, auch für bessere Bezahlung. Lutz Schönemann bekommt durchschnittlich 4.300 Euro brutto, ein Mehrverdienst von 300 Euro, im Vergleich zu einem Bahnlokführer. Mehr Geld als für Festangestellte. Da läuft was falsch für Claus Weselsky, Chef der Gewerkschaft deutscher Lokführer: „Im Moment ist ein bisschen Goldgräberstimmung, weil man kann für mehr Geld mehr Lokführer verleihen, er ist Mangelware geworden.“ Goldgräberstimmung auch bei Fachkräften, die händeringend gesucht werden. Hinzu kommt, seit einer Gesetzesänderung im April 2017 haben sich die Rechte der Leiharbeiter deutlich verbessert.

So wie bei Schweißer Dirk Knechtel aus Fulda. Er bekommt vom ersten Tag an 15 Euro brutto die Stunde. Das liegt deutlich über dem Tarif der Zeitarbeitsbranche. Und nach neun Monaten muss er laut Gesetz denselben Stundenlohn wie seine festangestellten Kollegen nebenan bekommen. Im Betrieb bleiben darf er aber nur eineinhalb Jahre, danach müsste er fest angestellt werden. Will er aber gar nicht: „Für mich ist die Abwechslung das Schöne. Ich kann in verschiedene Bereiche hinein schnuppern, ich kann nach einer Weile sagen, wenn mir das doch nicht liegt, dann sag ich meinem Chef dann, meldet mich hier ab oder sucht mir was anderes.“

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Marco Goldbach ist Geschäftsführer bei Hubtex in Fulda, da wo Dirk Knechtel arbeitet. Hier besteht 20 Prozent der Belegschaft aus Leiharbeitern, alles Fachkräfte, die dringend gebraucht werden: „Wir haben auch Auftragsspitzen mit engen Lieferzeiten und brauchen dann sehr schnell innerhalb von 3,4 Tagen einen guten Mitarbeiter und von daher ist es gut, dass es mittlerweile auch viele hochqualifizierte Leiharbeitnehmer gibt.

Lieber Leiharbeiter als fest angestellt

Manche dieser hochqualifizierten Leiharbeiter würde Marco Goldbach gern behalten, aber viele wollen gar keine Festanstellung. Denn der neue Leiharbeiter nutzt seine Freiheit und kann jederzeit wieder gehen, um etwas Neues auszuprobieren. Auch Joachim Passenheim, Industriemechaniker, ist gerne Leiharbeiter: „Wir kriegen Tariflohn, kriegen auch den Lohnausgleich, Verpflegungsmehraufwand und das alles unterm Strich gerechnet hab ich manchmal sogar mehr als der Arbeiter, der neben mir steht.

Festangestellt ist Joachim Passenheim bei seinem Verleiher, der Zeitarbeitsfirma Instep in Künzel. Die Zeitarbeitsfirma Instep verleiht Industriefachkräfte und Handwerker. Der Vorteil ihrer Leiharbeiter: Sie können Einfluss nehmen, erzählt der Chef Ingo Graupner: „Prinzipiell haben wir in Deutschland einen Facharbeitermangel. Und ein Mitarbeiter, der zu mir kommt, hat in der Regel das Wissen, dass es so ist und dann sagt der mir schon, wo das Gespräch hinläuft und wo seine Prioritäten sind. Diese Freiheiten hat man bei uns, das heißt, man wird sicher zur Verantwortung gezogen, aber man hat auch das Recht zu widersprechen, man hat auch das Recht zu sagen, ich möchte jetzt diese Geschichte nicht mitmachen, weil einfach hier meine Familie jetzt am Samstag einfach mal vorgeht.“

Leiharbeit im Jahr 2019: Das Image vom ausgebeuteten und entrechteten Zeitarbeiter war gestern.

Autorin: Katrin Wegner