Viele Menschen verlassen eine gerade eingefahrene S-Bahn im unteren Teil des Hauptbahnhofs in Frankfurt
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Die Zehn-Minuten-Garantie des RMV ist für viele eine Einladung zum Betrug, um sich die Entschädigungszahlung abzugreifen. Der Schaden geht in die Hunderttausende. Der Verkehrsverbund hat reagiert.

In wie vielen Bussen und Bahnen kann ein einzelner RMV-Kunde an einem Tag sitzen, ohne gleichzeitig an mehreren Orten zu sein? Einige Fahrgäste schaffen erstaunlich anmutende Quoten - jedenfalls wenn man die Zahlen zugrunde legt, die manch einer zusammenfantasiert, um sich die Entschädigungszahlung der RMV-Zehn-Minuten-Garantie zu sichern. Denn bei einer Verspätung von mehr als zehn Minuten am Zielort verspricht der RMV, Geld zurückzuerstatten.

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Für Betrüger ist das verlockend: „Zehn beantragte Verspätungsfahrten sind keine Seltenheit“, erzählt RMV-Pressesprecherin Vanessa Rehermann gegenüber mex, dem Wirtschaftsmagazin im hr-fernsehen: „Der Rekord liegt bei 40 beantragten Fahrten von nur einer Person an einem Tag.“ Das ist selbst mit verschiedenen Doppelgängern nur schwer zu schaffen.

Eine Flut von „nicht plausiblen Anträgen“

Der Schaden, der dem RMV durch diese Betrügereien entsteht, ist beträchtlich. Rehermann beziffert ihn seit der Einführung 2017 auf bis zu 250.000 Euro. Allerdings ist der tatsächliche Betrag wohl deutlich höher. Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Dunkelziffer naturgemäß hoch ist. Rund fünf Prozent aller Erstattungsanträge gelten als verdächtig, beim Verkehrsverbund nennt man das „nicht plausible Anträge“.

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Der RMV transportiert an durchschnittlichen Werktagen etwa 2,5 Millionen Fahrgäste. Im Jahr 2018 waren es insgesamt 770 Millionen. Die Tendenz ist seit Jahren steigend, 2017 beförderte der Rhein-Main-Verkehrsverbund noch 754 Millionen.

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Die Zahl der Anträge ist insgesamt riesig. Seit Juni 2017 gibt es die Zehn-Minuten-Garantie, bis Februar 2019 wurden insgesamt 1,5 Millionen Anträge gestellt und 3,6 Millionen Euro Entschädigung gezahlt. Allein im Jahr 2018 waren es 760.000 Anträge und 1,9 Millionen Euro Entschädigung. Die Tendenz ist steigend: Im Jahr 2019 waren es bereits 434.000 Anträge, die zu Zahlungen in Höhe von rund einer Million Euro führten.

Hoher Personalaufwand erforderlich

Zum anderen ist bei der Schadenssumme der Personalaufwand noch nicht einmal enthalten. Er sei durch zusätzliche Prüfungen „extrem erhöht“, wie RMV-Pressesprecherin Vanessa Rehermann unterstreicht. Ein komplexes IT-System, prüfe zunächst einmal automatisch alle Anträge. Wenn es Unstimmigkeiten gebe, müsse ein Mitarbeiter händisch die Plausibilität kontrollieren. Besonders dreist sei es dann, wenn Leute Fahrten beantragen, die parallel an verschiedenen Orten stattfinden. Nicht immer aber sind die potentiellen Betrüger so leicht herauszufischen, wie im Beispiel der 40 täglichen Verspätungsfahrten. 

Aber trotzdem fallen den RMV-Mitarbeitern immer häufiger Unstimmigkeiten auf, wie Rehermann feststellt: „Wir machen auch stichpunktartige Proben bei allen unauffälligen Anträgen. Auch diese Stichproben haben gezeigt, dass wir wesentlich mehr Verdächtige Anträge in den vergangenen Monaten zu verzeichnen haben als vorher.“

Der RMV reagiert

Darunter leiden auch die ehrlichen Antragsteller, die ihre Entschädigung berechtigterweise beantragen. Denn für ehrliche Kunden verlängert sich die Bearbeitungszeit: „Sie müssen länger warten, bis sie ihre Bestätigung kriegen“, sagt die RMV-Pressesprecherin. Deshalb wird der RMV ab dem 31. März die Zahl der möglichen Entschädigungsfälle pro Tag auf drei begrenzen. Außerdem werden sie, wenn sie mit einer Zeitkarte fahren, über die Zehn-Minuten-Garantie maximal ein Drittel des Kaufpreises zurückbekommen. „Die Betrügereien gehen eigentlich ausschließlich von unserem Zeitkarten-Kunden aus“, wie Rehermann weiß. Mit einer Zeitkarte könne man schließlich beliebig viele Fahrten machen.

Drei Verspätungsfahrten pro Tag sind für jeden Pendler immer noch zu viel. Im Rhein-Main-Gebiet kann das aber durchaus passieren, auch wenn man sich nicht per  Doppelgänger vervielfältigt.  

Autoren: Naima Kunze, Thomas Spinnler