Gemüse im Supermarkt

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Der Boom geht immer weiter: Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln wächst jedes Jahr, zuletzt um gut 10 Prozent. Öko ist bei den Hessen in. Jetzt verbündet sich Lidl mit Bioland. MEX zeigt, wie Öko-Lebensmittel immer mehr zur Massenware werden.

MEX ist unterwegs in Twistetal im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Reinhard Nagel gehört zu den Bio-Pionieren in Hessen, er hat schon Anfang der 90er Jahre mit der Öko-Landwirtschaft angefangen. Damals ist er von seinem Umfeld noch belächelt worden: „Mittlerweile haben wir hier, ich weiß nicht, 30-40 Kollegen, die jetzt die letzte Zeit umgestellt, die letzten 10 Jahre umgestellt haben, das nimmt kein Ende.“

Und das gilt inzwischen für ganz Deutschland, der Bio-Boom hält an. Im vergangenen Jahr wurden hierzulande erstmals mehr als 10 Milliarden Euro mit Bio-Lebensmitteln umgesetzt. Allein in Hessen sind fast 15 Prozent der Anbauflächen auf Öko umgestellt. Reinhard Nagel zeigt uns am Beispiel seines Dinkels-Getreides, was Bio-Ackerbau ausmacht: Unkraut wie Klee bleibt auf dem Feld, natürlich: „Wenn sie hier eine konventionelle Fläche hätten, dann würden diese kleinen Beikräuter, die wir hier überall sehen, die wären nicht da, definitiv nicht. Und hier ist halt alles da.“

Zwischen den Dinkel-Pflanzen bleibt beim Bioland-Bauern mehr Platz. Der Ertrag pro Quadratmeter ist daher nur etwa ein Drittel im Vergleich zu konventionellem Anbau. Und doch: Auch Bio ist nicht gleich Bio. Anhand der Siegel kann man Unterschiede erkennen. Bei den Discountern gibt es bislang fast ausschließlich das Euro-Bio-Siegel. Die Unterschiede zu Bioland sind zum Teil deutlich.

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Beim EU-Bio-Siegel dürfen Tiertransporte bis zu 8 Stunden dauern. Bei Bioland sind es maximal 4 Stunden und 200 km. Hier dürfen bis zu 580 Masthühner pro Hektar gehalten werden, dort nur 280. Mit dem EU-Bio sind Tier- und Knochenmehl als Dünger erlaubt, bei Bioland verboten.

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Bitte nicht zu teuer!

Bioland ist streng. Viele sagen: Das gute Bio. Öko-Bauer Reinhard Nagel sieht die neue Kooperation zwischen Lidl und Bioland deshalb auch positiv. Und er glaubt nicht, dass der Discounter einen großen Preisdruck ausüben wird: „Ich glaube nicht, dass der Lidl uns die Pistole auf die Brust setzt und sagt, ihr müsst zu den Konditionen arbeiten, das müssen wir nicht. Dafür haben wir dann auch andere Schienen. Ich glaube eher, dass Lidl sich abgrenzen will mit einem hochwertigen Produkt.“

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Lidl startet sein Angebot jetzt im November. Zuerst soll es Äpfel und Kräuter in Bioland-Qualität geben, später folgen Milch und Joghurt. Wie kommt das bei den Verbrauchern an? In unseren Umfragen zeigt sich schnell: die Unterschiede zwischen den einzelnen Bio-Siegeln sind schwer zu erkennen.

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Ein saftiges Steak - genau so lecker für den Wolf wie die Fleischabfälle.

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Hinzu kommt: Bei Lidl-Kunden steht häufig der Preis im Vordergrund. Das zeigt sich auch in der aktuellen Werbekampagne, die der Discounter fährt. Das Image des Billigheimers wird hier weiter gepflegt. Wenn Bio, dann darf es gerade für die Lidl-Kunden nicht zu teuer sein. Passt das also überhaupt zusammen: Ein Billigheimer, der künftig auch das gute, strenge Bio anbietet?

Klassische Biohändler könnten verlieren

Shyda Valizade ist Handels- und Marketingexpertin an der Hochschule Darmstadt. Für sie macht der Schritt des Discounters Sinn. Denn Bio boomt noch immer: „Bio ist ein Wachstumsmarkt, rund 10 Prozent  pro Jahr, und damit erhofft sich Lidl zum einen neue Zielgruppen zu gewinnen. Und zum anderen auch vielleicht für die Bestandskunden eine Sortimentserweiterung anzubieten.“ Als Verlierer der Lidl-Strategie sieht sie die klassischen kleinen Bio-Händler. Die dürften weiter unter Druck geraten, mit weitreichenden Folgen: „Es könnte natürlich auch mittelfristig dazu kommen, dass die Preise derart verwässern, dass Endverbraucher Vertrauen dann letztendlich verlieren in solche Produkte.“

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Koch René Müller (links), Bio-Metzger Martin Theisinger (Mitte) und Bio-Landwirt Stefan Itter.

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Wie stark Lidl jetzt die angestammten Öko-Anbieter bedroht, zeigt sich hier: MEX bei Mario Blandamura. Er betreibt in Linsengericht im Main-Kinzig-Kreis einen Bio-Markt und ist schon seit mehr als 20 Jahren im Geschäft. Wegen der aggressiven Preispolitik, die Lidl mit Bio bisher gezeigt hat, sorgt er sich um seine Existenz: „Ich sehe das als große Gefahr und wir müssen hoffen, dass wir in 20 Jahren diesen Inhabergeführten Bioladen noch haben, es kann sein, dass wir komplett verschwinden werden.“

Bio heißt hier für viele Stammkunden noch eine kleinbäuerliche Welt, mit Familienbetrieben, die für die Menschen aus der Region produzieren. Ganz im Kontrast zu einem Massenanbieter wie Lidl. Blandamuras Urteil: „Für mich ist diese Zusammenarbeit Lidl mit Bioland eine reine Marketingstrategie.“

Marketing-Gag oder Durchbruch fürs gute Bio: Lidl wird den Markt kräftig durcheinander wirbeln. Verbraucher wollen Öko zum bezahlbaren Preis. Und so wird die einstige Nische immer mehr zum Massenmarkt.

Autor: Daniel Hoh