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zum Video Buchungsfalle – wenn der Ticketkauf zum Desaster wird

Blaue Leuchtröhrer mit Schriftzug "Tickets" an Backsteinmauer

Sommerzeit ist Konzertzeit. Um ihre Stars live zu sehen, greifen die Hessen auch mal tiefer in die Tasche. Mex zeigt mit welchen Maschen unseriöse Anbieter vorgehen und warum es so schwer ist, ihnen das Handwerk zu legen.

Dubiose Onlineticketportale nutzen die Lust auf Live-Events aus. Die Ticketfalle nicht nur bei Konzerten, auch bei Sportevents: Karten für 220 statt 25 Euro. Los geht es an der Wiesbadener Brita-Arena. Der SV Wehen Wiesbaden ist gerade in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Anfang August wartet im DFB-Pokal dann sogar der Bundesligist 1. FC Köln.

Tickets sind auf dem freien Markt zum Zeitpunkt unserer Recherchen noch gar nicht verfügbar, doch im Internet findet man schon Karten. Wer nicht genau hinschaut, der landet bei „Viagogo“. Die Internetseite wirkt völlig normal.

Doch Vorsicht! Verbraucherschützer Kai-Oliver Kruske warnt vor Viagogo. Denn das ist kein offizieller Ticketverkäufer. Hier werden Karten angeboten, die andere Kunden bei offiziellen Verkaufsstellen erworben haben und über Viagogo weiterverkaufen: „Viagogo selbst verkauft Tickets nicht, sondern bietet nur eine Plattform, um Verkäufer und Käufer zusammenzubringen. Das ist mit Risiken verbunden.“ Wir zeigen mit welchen Tricks Viagogo arbeitet.

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Masche 1: Der Preis

Wir treffen das Ehepaar Scharr-Haag. Sie haben Tickets für das DFB-Pokalspiel Wehen Wiesbaden gegen den 1.FC Köln gekauft – über Viagogo. Ein offizielles Ticket kostet rund 25 Euro. Der Viagogo-Preis: 220 Euro. Das Ehepaar erzählt, der Preis sei angezeigt worden, aber sei es ihnen letztendlich wert gewesen, um die Karten überhaupt zu kriegen.  

Wir klären das Ehepaar auf, dass die Karten eigentlich noch gar nicht verfügbar sind und sie das 9-fache des Preises bezahlt haben. Diese Preise sind kein Einzelfall. Wir sind an der Alten Oper in Frankfurt. Die Karten für das Konzert von Star-Pianist Ludovico Einaudi im Oktober sind längst ausverkauft. Offizieller Preis: 109 Euro. Bei Viagogo gibt es noch vergleichbare Tickets für 315 Euro.

Die Verbraucherzentrale hat herausgefunden, dass Karten auf Viagogo im Durchschnitt knapp 3-mal so teuer sind wie das Originalticket – bei besonders beliebten Veranstaltungen sogar 8-mal so teuer. Konkrete Fragen zu den zu überhöhten Preisen beantwortet Viagogo auf Mex-Anfrage nicht.

Masche 2: Zahlungsgebühr

Der bisher angezeigte Preis bleibt bis zum letzten Schritt der Buchung gleich – bei Ludovico Einaudi 31 Euro pro Ticket. Erst kurz vor dem Abschluss der Buchung, wenn man angibt, ob man mit Kreditkarte oder Paypal zahlen will, erscheint plötzlich eine zusätzliche Gebühr: nochmal 110 Euro mehr pro Ticket. Wir treffen den Wiesbadener Anwalt für Verbraucherrecht Joachim Cäsar-Preller.

Seit zwei Jahren kämpft er gegen die Maschen von Viagogo – rund 220 Fälle bearbeitet er aktuell: „Das allergrößte Problem von allen ist, dass die versteckten Nebenkosten die Leute wirklich mehr als überfordern. Man sieht beim Kauf eigentlich gar nicht so genau, was das Ganze am Ende kostet. Dann wird bestellt und dann kommt das dicke Ende drei, viermal so hoch wie der eigentliche Kartenpreis.“

Masche 3: Stress

Während des Buchungsvorgangs, tauchen immer wieder Hinweise wie diese auf: „12 Bereiche sind bereits ausverkauft“, „Weniger als 1 Prozent der Karten sind noch übrig“. Und die lösen beim Käufer vor allem eines aus: Stress.

Sind die gewünschten Tickets ausgewählt, ploppt sofort ein sechs Minuten Countdown auf. Wenn der abgelaufen ist, drohen die Tickets teurer zu werden oder vergriffen zu sein. Welche Bedeutung dieser Countdown hat, erfährt man, wenn man ihn ablaufen lässt: gar keine. Der Zähler lässt sich immer wieder verlängern. Kai-Oliver Kruske von der Verbraucherzentrale hält das für dubios: „Die Verfügbarkeitsanzeigen sind vielfältig und in nahezu jedem Schritt des Bestellvorgangs eingebunden. Wir wissen nicht, ob die immer zutreffend sind. Unseres Erachtens sind die viel zu zahlreich. Deswegen lassen sich davon nicht zu sehr unter Druck setzen.“

Viagogo begründet den Countdown auf Anfrage so: „Viagogo möchte es jedem ermöglichen, Zugang zu den aufgelisteten Tickets zu erhalten, weshalb Käufer eine zeitliche Begrenzung haben."

Der Rechtsweg ist lang und beschwerlich

Die Mandanten die zu Anwalt Joachim Cäsar-Preller kommen, haben häufig dieselben Probleme: Tickets, die nie geliefert werden, personalisierte Karten, mit denen sie nicht in die Veranstaltungen kommen oder völlig überteuerte Preise. Dagegen wollen sie sich wehren. Einfach ist es nicht gegen Viagogo vorzugehen: „Es gibt kaum einen Fall, wo Viagogo sich mal verteidigt, im Klageverfahren. Es kommt also dann zu einem rechtskräftigen Urteil in Deutschland. Dann geht es in die Schweiz, Viagogo hat seinen Hauptsitz in Genf. Dann müssen wir das Ganze ins Französische bringen, rechtskonform machen, mit der Schweiz und den Gerichtsvollzieher auf den  Weg schicken. Das dauert lange.“

Die Kosten für solche Verfahren sind hoch. Bis zu 500 Euro um etwa 500 Euro für die Konzertkarten zurückzubekommen. Das lohnt sich nur mit einer Rechtschutzversicherung.

Zurück zum Fußballclub SV Wehen Wiesbaden. Wir treffen Geschäftsführer Thomas Pröckl. Auch der Verein hat kaum Chancen sich dagegen zu wehren, dass seine Tickets bei Viagogo landen: „Nach meinen Kenntnissen kann man lediglich Namenstickets verkaufen. Das wäre natürlich mit einem erheblichen Aufwand verbunden, weil dann müsste man jeden bei der Kontrolle auch nach dem Namen fragen und sich einen Ausweis vorzeigen lassen.“

Künstler wie Ed Sheeran wehren sich jetzt gegen Viagogo und auch Internetgigant Google hat diesen Monat angekündigt künftig keine Werbung mehr für das dubiose Portal zu schalten.  So landen in Zukunft immerhin weniger Hessen auf der Seite von Viagogo.

Autor: Naïma Kunze