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zum Video Erste Arbeitswoche - Wieso Zeit plötzlich wichtiger als Geld ist

Freizeitaktivitäten

Zu viel Arbeit: Die Hessen haben zu Jahresbeginn einen klaren Wunsch: Mehr Freizeit. Ist Freizeit die neue Währung auf dem Arbeitsmarkt? mex will wissen: Wollen die Hessen mehr Geld oder mehr Freizeit vom Chef?

mex besucht Jacob Chromy. Der 39jährige berät Unternehmen, Ideen für neue Produkte zu finden. Der Familienvater hat sich bewusst gegen mehr Geld, aber für mehr Freizeit entschieden: „Mir ist wichtig, dass ich grundsätzlich weniger arbeite als Vollzeit – also 28 Stunden, um Zeit zu haben für meine Familie, für meine Tochter, für Projekte und meine Hobbys.“

Chromy verzichtet bewusst auf ein Drittel seines Gehalts. Rund 3.600 Euro Brutto verdienen die Hessen im Schnitt, arbeiten 44 Stunden in der Woche. Wie kann sich Chromy da die Teilzeit leisten? „Meine Ausgaben sind nicht so hoch – klar ich habe die Miete. Aber sonst führe ich ein sparsames Leben. Ich gönn mir keine großen Fernreisen, wenig Konsumgüter. Dementsprechend brauche ich gar nicht so viel Geld.“ Mex hat unter Hessen die Stichprobe gemacht: Ausnahmslos alle Befragten sind einer Meinung: Sie wünschen mehr Freizeit!

Arbeitnehmer brauchen Ausgleich

Marcel Kern, der Arbeitswissenschaftler der Uni Frankfurt weiß: Vor allem Menschen mit Büro-Job im Alter zwischen 25 & 45 Jahren legen immer mehr Wert auf die sogenannte Qualitytime, also mehr Zeit für sich und die Familie: „Ein Grund ist sicherlich: Der Wohlstand ist in Deutschland gestiegen. Der zweite Punkt: Die psychischen Belastungen sind am Arbeitsplatz deutlich gestiegen. Die Arbeit wird immer mehr verdichtet.“

Das bedeutet: Arbeitnehmer brauchen mehr Ausgleich und wünschen sich deshalb mehr Freizeit. Das stellt Arbeitgeber vor Herausforderungen. Teilzeit- oder Gleitzeitmodelle setzen viele Unternehmen bereits um. Sie testen aber auch weitere Lösungsansätze weiß Kern: „Desweiteren gibt es Arbeitsplatzgestaltungs-Maßnahmen, die nicht unmittelbar mit der Zeit zu tun haben, aber die ihnen mehr Freiräume schaffen wie beispielsweise Homeoffice. Und in letzter Zeit verstärkt: Co-Working-Spaces. Dort können sie mit anderen Arbeitnehmern zusammen arbeiten und müssen nicht in die Firma fahren.

Schöne, neue Arbeitswelt in Darmstadt?

"quäntchen + glück" ist eine jungen Digitalagentur in Darmstadt. Geschäftsführer Kersten Riechers lebt moderne Arbeitszeitmodelle, geht bewusst neue Wege. Das Unternehmen bietet den Mitarbeitern – neben klassischen Voll- und Teilzeitmodellen – vor allem außergewöhnliche Lösungen wie zum Beispiel die Urlaubs-Flatrate. Riechers sagt: "Jeder kann so viel Urlaub machen wie er will. Bezahlt. Und es gibt ein Einheitsgehalt. Alle verdienen bei uns exakt dasselbe."

Resultat: Die rund 20 Mitarbeiter sind zufrieden, das Unternehmen wirtschaftet gut. Aber wie kann so ein flexibles, offenes System überhaupt funktionieren? Riechers erklärt: "Ich bin von tiefstem Herzen überzeugt: Ich vertraue den Leuten. Das spiegelt sich dann auch zurück. Und das äußert sich ganz konkret, dass wir Arbeitszeiten nicht kontrollieren. Und dass wir Urlaubszeiten nur in dem Maße kontrollieren, wie es das deutsche Gesetz fordert. Aber ich weiß weder von mir noch von meinen Kollegen, wie viel Urlaub ich letztes Jahr gemacht habe. Und das entspannt extrem im Kopf."

Schöne, neue Arbeitswelt in Darmstadt? Jein, meint Arbeitswissenschaftler Kern. "Ich glaube, es ist ein Modell, das man mit Vorsicht genießen muss. Notwendige Voraussetzung ist Vertrauen. Und Angestellte müssen sich identifizieren mit dem Unternehmen. Ansonsten könnten Sie ganz viel Schindluder treiben und alle Freiheiten ausnutzen für Ihren persönlichen Gewinn. Ich glaube, da herrscht bei Arbeitgebern zu viel Skepsis."

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Das mex-Fazit:

Viele Hessen entscheiden für sich mehr Freizeit. Verzichten dafür auf mehr Geld. Unternehmen müssen auf diesen Trend reagieren – und  Arbeitnehmern unterschiedliche Angebote ermöglichen…

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Autor: Holger Barthel