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zum Video Frag Glaeske – Wenn Ersatzteile für das Hüftgelenk fehlen

Viele Millionen Menschen haben künstliche Gelenke in ihrem Körper. Doch auch diese Gelenke nutzen sich mit der Zeit ab. Und was, wenn dann die Ersatzteile nicht mehr verfügbar sind? Wir fragen nach beim Gesundheitsexperten Gerd Glaeske.

Das Auto reparieren, einzelne Teile austauschen, das ist kein Problem. Ganz anders in der Medizin. Kein Kunstgelenk hält ewig, und immer wieder kommt es zu Engpässen bei Ersatzteilen. Die Erfahrung hat auch Sabine Girke gemacht. Ganze 24 Jahre hielt ihre künstliche Hüfte, doch dann musste sie erneuert werden: „Das ging dann richtig so ins Bein, auch bis zum Knie hin, der Schmerz, und das ist natürlich ziemlich unangenehm. Wenn, wenn ich aufstehe und will loslaufen und merk gleich, ich sacke sofort weg, ja? Also, ich bin auch manchmal sogar hingefallen.“

Entweder das Ersatzteil tauschen oder die alte Hüftprothese komplett entfernen und eine neue einbauen. Aber dabei geht auch immer Knochen zu Bruch. Prof. Dr. Karl-Dieter Heller, Orthopäde sagt: „Bei Frau Girke war es so, dass die Pfanne sehr fest war. Sie war unbeschädigt und fest. Das einzige, was verschlissen war, war das Polyethylen-Inlay. Die Pfanne an sich war nahezu unauffällig. Deswegen wäre es eine Schande gewesen, wenn man diese Pfanne hätte ausbauen müssen.“ Ein typischer Fall. Ein einfaches Ersatzteil würde reichen, ist aber nicht mehr verfügbar.

Die notwendigen Teile gibt es nicht mehr

Die Prothesen die vor 20 / 25 Jahren auf den Markt kamen hatten eine für damalige Verhältnisse hohe Qualität, doch jetzt ist es an der Zeit sie auszutauschen. Prof. Dr. Carsten Perka, Orthopäde, sagt: „Es ist ein Problem, was uns sicherlich die nächsten zehn Jahre begegnen wird, weil wir da die Prothesen alle zu operieren haben oder zu re-operieren haben, die eben in diesem Zeitraum eingebaut wurden, als diese unglaubliche Vielfalt auf dem Markt vorhanden war.“

Die Vielfalt von damals ist heute das Problem. Viele Hersteller sind pleite gegangen oder haben die Produktion eingestellt. Kein Arzt kommt mehr an die notwendigen Teile, egal wie renommiert er ist. Anders als in der Autoindustrie ist niemand verpflichtet Ersatzteile vorzuhalten. Weder Hersteller noch Krankenhäuser. Eine Gesetzeslücke. Bleibt noch der Versuch, das notwendige Teil auf Bestellung produzieren zu lassen – eine Sonderanfertigung.

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ndr: Hüftprothese - wenn das Ersatzteil fehlt

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Perka sagt: „Sonderanfertigungen haben Vorteil und Nachteile. Der Vorteil ist: Wenn alles intakt ist, ist es natürlich die ideale Variante, die schon mal getestet wurde und für die es auch entsprechende Testergebnisse gibt. Der Nachteil von Sonderanfertigungen ist zweifellos, dass wir oftmals eine Wartezeit haben von 4 bis 12 Wochen. Das ist nicht in jedem Fall akzeptabel. Oftmals haben die Patienten recht starke Schmerzen.“

Ärzte kommen in Bedrängnis, Patienten sind überfordert

Sonderanfertigungen sind außerdem zehnmal so teuer wie regulär verfügbare Ersatzteile. Das übersteigt das Budget der Fallpauschale, die die Krankenkassen zahlen. Für die Klinik ein Minusgeschäft. Prof. Heller führt aus: „Trotzdem darf in einem solchen Fall natürlich die Ökonomie nicht überwiegen. Wir sehen aber einen Trend, dass gewisse Selektionen in bestimmten Kliniken vorgenommen werden, denn wenn Sie jetzt solche Operationen allzu häufig haben und weniger kostendeckende Operationen, dann müssen Sie auch mal sagen „Das können wir uns jetzt nicht mehr leisten.“

Ärzte kommen in Bedrängnis, Patienten sind überfordert. Alles nur, weil es keine Regelung für Ersatzteile gibt. Heller meint: „Ich würde mir einfach wünschen, dass die Firmen langfristiger diese Inlays zur Verfügung stellen müssen. Wenn ich sehe, wenn ich ein Porzellan bei Rosenthal kaufe, dann hab ich eine Garantie von 30 Jahren, dass ich meine Tasse nachkaufen kann. Das würd ich mir bei einer Prothese auch wünschen, dass man zumindest bei Bedarf, wenn auch gegen ein erhöhtes Entgelt, dieses Inlay nachbestellen kann.“ Dabei hat der Gesetzesgeber die Vorschriften für Gelenkprothesen bereits drastisch verschärft. Nur an Ersatzteile hat dabei niemand gedacht. Sabine Girke trägt nun eine Kompromisslösung in der Hüfte. Ein falsches Ersatzteil, das passend gemacht wurde. Eine Garantie, dass es lange hält hat sie allerdings nicht.

Im Videobeitrag erklärt uns der Gesundheitsexperte Gerd Glaeske, was der Gesetzgeber tun könnte.