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zum hessenschau.de Video Wie DAX-Unternehmen an Schulen werben

Ein Mädchen meldet sich im Unterricht in einer Grundschule in Eltville

Stellen sie sich vor, Unterrichtsstunden würden finanziert von Allianz, Henkel, Deutsche Post und anderen Großkonzernen. Was absurd klingt, ist längst Realität. Mex zeigt Beispiele. Wir wollen wissen: Wie gehen Schulleiter, Lehrer und Eltern damit um?

Was Kinder in Schulen zu lernen haben, wird immer mehr von Unternehmen diktiert. Wir sind an der Goethe-Universität in Frankfurt bei  Prof. Tim Engartner. Er bildet zukünftige Lehrer aus und hat gerade eine Studie zum Thema Lobbyismus an Schulen verfasst. Sein Ergebnis: 20  der größten Konzerne  in Deutschland  nehmen Einfluss auf Lerninhalte an Schulen: „Sie versuchen, dem Unterricht ihren Stempel aufzudrücken. Besonders gravierende krasse Beispiele von lobbyistisch motivierter Einflussnahme sind etwa die Materialien von BMW. Das sollen dann die Schülerinnen und Schüler Augen, Nase und Mund zeichnen um das BMW Gesicht fertig zu stellen, also die Frontschürze eines BMW Fahrzeugs.“ Die kreative Tour durch die BMW-Welt: Nach der Veröffentlichung der kritischen Studie ist die Seite nicht mehr aufrufbar.

Ein anderes Beispiel ist die Forscherwelt von Henkel, Unterrichtsmaterial für die  Grundschüler der 3. und 4. Klasse, Sachkundeunterricht. Das Thema ist Klebstoff selber herstellen. Und Henkel zeigt auch gleich Lehrern und Schülern die Lösung: den richtigen Kleber aus ihrer Produktpalette. 

Henkel auf Nachfrage gegenüber Mex:

„Es ist uns wichtig zu betonen, dass es sich bei der Forscherwelt nicht um ein Sponsoring-Format handelt. 

Und 

„ Diese Arbeitsschritte sind universell und von Produkten unabhängig.“

Nach der Mex- Anfrage wurden diese  Produktinformation übrigens entfernt.

Engartner erklärt: „Nicht immer kommen die Botschaften so dramatisch daher, wie man es vermuten würde. Oftmals ist subtil, was da an Werbebotschaften ausgesondert wird.“

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„Was sind die Interessen dahinter?“

Stetig wachsenden Einfluss der Industrie auf Bildung - wie geht damit eine Schule um? Wir sind in Bad Hersfeld in der Gesamtschule Obersberg mit 3500 Schülern. Dass Konzerne immer mehr in den Schulalltag eingreifen geht auch Schulleiterin Kerstin Glende oft zu weit. Deshalb nimmt sie die Lehrer in die Pflicht: „Wir müssen den Kindern vermitteln, genau hinzuschauen. Was sind die Interessen von denen, die diese Informationen eingestellt haben? Was steckt dahinter? Und sich dieses objektive Urteil bilden, das ist, glaube ich, eine wichtige Kompetenz, die einen Teilbereich des Bildungsauftrags ausmacht.“

Was die Schulleiterin meint, zeigt uns Jens Rathcke der Physiklehrer. Ein Buch,  herausgegeben von der Lobby der Kernenergie: „In diesen Heften wird die Kernenergie umfassend und fachlich korrekt dargestellt. Allerdings wird die natürliche Strahlung stark in den Vordergrund gehoben, sodass es scheint, als ob die künstliche Kernenergie ja gar nicht so gefährlich sei.“

Klassenzimmer

Er kritisiert diese Darstellung, in der die Belastung von Lebensmittel so gefährlich beschrieben wird, wie ein Kernkraftwerk. Der Lehrer sagt, an dieser Stelle fehle dem Heft die Objektivität: „Und deshalb würde ich diese Hefte nie ungefiltert an die Schüler herausgeben, sondern nur gezielt Information für den Unterricht verwenden.“

„Informationsangebot für interessierte Schüler“  

Vor allem die Energie und Technologie Konzerne  wie Siemens, RWE und Eon mischen beim Lobbyismus im Klassenzimmer mit. Zu Eons bunter Broschüre der Energiewelt schreibt uns das Unternehmen:

„Die Broschüre stellt somit ein Informationsangebot für interessierte Kinder. Jugendliche und Lehrer dar, nicht mehr, und nicht weniger.“

Etwa  800.000 kostenlose Lehrmaterialien  gibt es inzwischen im Netz.

Ein weiteres  Beispiel ist der Darmstädter Pharmariese Merck, der inzwischen mit 70 Partnerschulen im Rhein-Main Gebiet zusammenarbeitet. Geht das Eltern nicht zu weit? Das fragen wir den hessischen Landesschulelternbeirat Korhan Ekinci. Sein Urteil ist klar: „Schule braucht Material. Schule braucht Personal. All das bereitzustellen ist Aufgabe der Politik, der öffentlichen Hand, des Landes, des Schulträgers. Und es muss alles so reibungslos funktionieren, dass Schulen es nicht nötig haben sollten, auf das Sponsoring von Unternehmen zurückzugreifen. Unternehmen sponsern nicht aus Gemeinnützigkeit, Unternehmen sponsern aus handfesten Gründen. Und diese handfesten Gründe wollen wir nicht in Schulen haben.“

Schulen, die erst nach Jahren saniert werden, fehlende Lernmaterialien – es gibt Gründe, warum es Konzerne so leicht haben. Dabei gibt es klare Regeln.

Ein Zitat des hessischen Kultusministeriums:

„… dass es nicht zulässig ist, wenn ein Unternehmen Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellt, mit dem vorwiegend dieses Unternehmen vorgestellt wird, z.B. bezüglich der Firmengeschichte oder des aktuellen Geschäftsfeldes der Firma.“

„Einschätzen und abwägen“

Zurück zur Gesamtschule Obersberg. Der stellvertretend Schulleiter Arne Stückradt  zeigt uns die neueste Errungenschaft, finanziert von einem Saft- und Honighersteller: Die Bienenkiste. Schulleiterin Glende sagt: „Ich stelle es ja nicht hin und sage, wir müssen alle Valensina trinken. Sondern ich freue mich einfach darüber, dass es offensichtlich Firmen gibt, die sowas unterstützt haben, die dafür gesorgt haben, dass wir so ein Koffer bekommen mit dem tollen Unterrichtsmaterialien.“

So sieht Sponsoring-Alltag in vielen hessischen Schulen aus. Die Sportklasse lernt Scooter- und Waveboard-Fahren. Mit finanzieller Unterstützung der AOK. Und das neue Fach Gesundheit wurde von der Techniker Krankenkasse unterstützt.

Stückradt fasst zusammen: „Das ist prinzipiell eine Chance, mit Unternehmen zusammenzuarbeiten. Punktuell, wenn es zum Nutzen der Schule und zum Nutzen der Schüler ist. Es ist ein Risiko damit verbunden, das ist richtig. Aber das muss ich eben an einschätzen und abwägenden.“

Finanzierungslücken und Lehrer die wahllos auf Lernmaterial zurück greifen werden dazu führen, dass Konzerne weiterhin Schule machen. Und doch gibt es Unterschiede zwischen Einflussnahme und Unterstützung.

Autor: Barbara Berner