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zum Video In Frankreich verboten - Warum Titandioxid bei uns noch immer erlaubt ist

Zahnpasta

Die Zahnpasta strahlend weiß, Kaugummis sehen aus wie lackiert. Um solche Produkte so hübsch und farbintensiv aussehen zu lassen, braucht es einen besonderen Stoff, der in der Zutatenliste auftaucht: Titandioxid.

Auch in Wandfarben, in Kosmetika, in Sonnencrèmes - Titandioxid ist für die Industrie der Weißmacher schlechthin. In Lebensmitteln taucht der Stoff meistens als Farbstoff E171 auf. In Kosmetika oder Zahnpasta unter der Kennzeichnung CI 77891.

Rolf Buschmann ist Chemiker beim Umweltverband BUND. Er stuft Titandioxid als bedenklichen Stoff ein, weil er in nanokleinen Partikeln auftauchen und so in Zellen eindringen könne: „Bei der Aufnahme von Nahrungsmitteln, die Titandioxid enthalten, gelangt das Titandioxid auch in den Magen-Darm-Trakt. Dort ist möglicherweise Freisetzung von Nanopartikeln vorhanden und in Tierversuchen konnten entzündliche Reaktionen nachgewiesen werden. Untersuchungen, die wir durchgeführt haben, haben zum Beispiel in einem Kaugummiüberzug 8 Prozent Nanopartikel gefunden.“

Kein eindeutiger Fall

Beeinträchtigt Titandioxid die Gesundheit, ist der Stoff sogar gefährlich? Seit Jahren gibt es dazu Schlagzeilen und eine hitzige Debatte. 2017 warnte die europäische Chemikalienbehörde: Wird der Stoff eingeatmet, steht er im Verdacht, Krebs auszulösen. Im vergangenen Monat preschte die französische Regierung vor. 2020 will sie Titandioxid in Lebensmitteln für ein Jahr verbieten. Buschmann meint: „Die Chemikaliengesetzgebung in Europa sagt, ohne Daten kein Markt. Solange wir nicht nachweisen, dass es in Ordnung ist, darf es eigentlich gar nicht vermarktet werden, von daher ist die Entscheidung in Frankreich sicherlich richtig.“

Frankreich hat damit Fakten geschaffen, obwohl der Fall Titandioxid alles andere als eindeutig ist. Mehr als 300 Studien gibt es zu dem Thema schon. Trotzdem hat das Bundesinstitut für Risikobewertung erst vergangene Woche notiert: „Es besteht noch Forschungsbedarf.“

Es wird umgesattelt

Sieglinde Stähle arbeitet beim Verband BLL, der die Lebensmittel-Industrie in Deutschland vertritt. Sie beruft sich auf die Europäische Lebensmittelbehörde. Die kommt bislang zum Ergebnis: Von Titandioxid im Essen geht keine Gefahr aus: „Das Vorsorgeprinzip ist wichtig aber es darf nicht beliebig instrumentalisiert werden. Und das ist die Kritik, die wir haben am Vorgehen Frankreichs.“ Trotzdem ändern jetzt einige Hersteller ihre Rezepte, sas zeigt eine mex-Umfrage unter den 15 großen Süßwaren-Produzenten in Deutschland.

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Kein Titandioxid verwenden laut eigener Angabe Kellogg’s, Bahlsen, Unilever, Ferrero, Danone, Ritter Sport und Intersnack. In den Produkten von Storck, Mars, Haribo, Dr. Oetker, Lindt, Mondelez und Nestlé kann dagegen noch Titandioxid stecken. Allerdings stellen davon fast alle ihre Produktion um. Hersteller Lambertz hat schon komplett umgesattelt.

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Dr. Stähle vom BLL sagt: „Die Hersteller machen das jetzt nicht in der Überzeugung, dass Titandioxid aus gesundheitlichen Gründen ausgetauscht werden muss, sondern sie reagieren jetzt auf diese neuen rechtlichen Rahmenbedingungen, dass für ein Jahr ihre Produkte in Frankreich nicht verkehrsfähig sein sollen.“

Die Lobby ist aktiv

Die Auswirkungen sind enorm, denn viele Konzerne produzieren gleich für den gesamten europäischen Markt. In der Lebensmittel-Industrie scheint die Sache gelaufen, Titandioxid dürfte in Lebensmitteln vor dem Aus stehen. Umso heftiger ist der Streit in der Chemie-Industrie. Titandioxid steckt in Farben und Lacken, Zahnpastas, Sonnencrèmes, Kosmetika. Jährlich 3 Milliarden Euro setzen Europas Hersteller mit dem Weißmacher um, 8.150 Arbeitsplätze sollen daran hängen.

In der EU-Hauptstadt Brüssel konzentriert sich der Streit. Margarida Silva arbeitet hier für eine Organisation, die den Machteinfluss der Unternehmen analysiert, bei Corporate Europe Observatory. Der Druck der Industrie sei bei Titandioxid größer als in der Debatte um das Herbizid Glyphosat: „Ich glaube, es war ein französischer Beamter, der mal einem Lobbytreffen zugestimmt hatte. Als seine Bürotür aufging, standen rund 20 Industrievertreter vor ihm. So was hat es ziemlich oft gegeben.“

Ein einflussreiches Bündnis

Jetzt nach den Europawahlen will die neue EU-Kommission entscheiden, wie sie Titandioxid als Stoff einordnet. Der Hersteller-Verband TDMA zum Beispiel weist Gesundheitsgefahren zurück, gibt 14 Millionen Euro nur für die Lobbyarbeit aus, offiziell für ein wissenschaftliches Programm über 5 Jahre. Margarida Silva sagt: „Wir sprechen hier über die Kosmetik-Branche, über die Hersteller von Sonnencrèmes oder die Farbindustrie. Normalerweise keine großen Player, aber sie verbünden sich und sind so ziemlich einflussreich geworden.“

Rolf Buschmann will die Diskussion nicht auf den Gesundheitsaspekt reduzieren. Manche Lebensmittel-Hersteller müssten sich fragen, warum sie überhaupt noch an dem Stoff festhalten: „Titandioxid hat keinen ernährungsphysiologischen Mehrwert für uns, also von daher ist es nur da, um Produkte schöner, hübscher, glänzender zu machen. Ich glaube, darauf kann man auch verzichten, wenn das Lebensmittel eine gute Qualität hat.“

Im Supermarkt-Regal gibt es auch Süßwaren mit natürlichen Farbstoffen. Manche Hersteller weisen vorne auf der Verpackung darauf hin, Imagegewinn garantiert.

Autor: Daniel Hoh

Hinweis: In einer vorherigen Text-Version ist uns ein Fehler unterlaufen. In den Produkten des Herstellers Storck kann mitunter Titandioxid enthalten sein (zum Beispiel im Produkt "Nimm2 Lolly"), das Unternehmen selber hat sich dazu in seiner Stellungnahme nicht geäußert.