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zum Video Kaufhaus-Krise - wie Karstadt Kaufhof ums Überleben kämpft

Kaufhof-Filiale in Frankfurt

Warenhäuser wie Karstadt Kaufhof stecken in einer tiefen Krise - und das bereits lange vor Corona. Aber die Pandemie hat die Lage noch verschlimmert. Es droht mittlerweile sogar die Insolvenz.

Ellen Debus arbeitet seit 29 Jahren in der Kaufhof-Filiale in Hanau und leitet dort das Kassenteam. Sie und die übrigen 60 Mitarbeiter bangen um ihren Arbeitsplatz. Im Januar erst hatten sich Kaufhof und Karstadt zusammengeschlossen. Die Warenhäuser gehören zur Signa-Gruppe des österreichischen Investors René Benko. Doch dann kam die Corona-Krise. Der Konzern musste ein Schutzschirmverfahren beantragen, eine Vorstufe zur Insolvenz. Für Ellen Debus und ihre Kollegen heißt das, die erkämpfte Standort- und Beschäftigungsgarantie bis Ende 2024 ist Makulatur.

Die Schieflage bei Kaufhof-Karstadt hat nicht nur mit der Corona-Krise zu tun. Das klassische Warenhaus verliert seit langem an Zugkraft.

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2003 hatten die Kauf- und Warenhäuser in Deutschland noch gut 10 Milliarden Euro umgesetzt. Doch die Geschäfte trübten sich weiter ein. 2018 lag der Umsatz nur noch bei knapp der Hälfte. Der Marktanteil im Einzelhandel sank im gleichen Zeitraum von 3,9 auf 2,4 Prozent.

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In Hanau zeigt sich, wie sich die Vorlieben der Verbraucher geändert haben. 2010 schloss in der Innenstadt die einzige Karstadt-Filiale. Zuvor war der Mutterkonzern Arcandor pleite gegangen. Das Gebäude wurde abgerissen. An gleicher Stelle ist ein modernes Einkaufszentrum mit Gastronomie entstanden, das Forum Hanau. Wer so etwas geboten bekommt, geht seltener ins klassische Kaufhaus.

Doppelstandorte vermeiden?

Veränderte Einkaufsgewohnheiten, der starke Online-Handel oder auch die Billig-Konkurrenz: Prof. Jörg Funder könnte noch viele weitere Gründe aufzählen, warum die Kaufhäuser heute keine Konsumtempel mehr sind. Für die nächsten Monate und Jahre prognostiziert der Handelsexperte von der Hochschule Worms einen Kahlschlag: Von den bundesweit 174 Filialen würden maximal 80 Karstadt- und Kaufhof-Häuser übrig bleiben:"Ich glaube nach wie vor, dass das Warenhaus und insbesondere die gut geführten Häuser, in die in den letzten Jahren auch investiert worden ist, die sich sozusagen modernisiert haben, dass sie durchaus weiter Ankerpunkt sein können in den Städten. Aber die, die sich in den Filialen befinden, in Immobilien befinden, denen sie von außen bereits das Alter ansehen, das wird eher schwierig bleiben."

In Hessen gibt es insgesamt noch 19 Kaufhof- und Karstadt-Filialen, in denen rund 3.000 Menschen arbeiten. Besonders im Fokus sind aktuell jene Städte, in denen es Doppelstandorte gibt. In Fulda sind Kaufhof und Karstadt nur gut 100 Meter auseinander, ähnlich sieht es in der Wiesbadener Innenstadt aus. Auch in Darmstadt gibt es zwei Häuser.

Solche Filialen müssten sich klar voneinander unterscheiden, meint der Experte: "Hat man Doppelstandorte, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass man einen der beiden Standorte schließen müsste, sondern es gibt sehr großes Potential, die einzelnen Häuser möglicherweise auf gewisse Sortimente auszurichten. Das eine stärker textillastig und Wohnen, das andere vielleicht eher hartwarenlastig, da gibt es verschiedene Optionen."

Wer braucht die riesigen Läden?

Schließt dann doch eine Filiale, kann das auch glimpflich ausgehen, zeigt das Beispiel Gießen. Bis 2012 gab es hier noch einen Kaufhof und einen Karstadt. Dann machte der Kaufhof dicht. Die Immobilie wurde verkauft und umgebaut, heute sind darin zwei Modehändler untergebracht. Joachim Haucke hat als Gewerkschaftsvertreter damals mehrere der 70 ehemaligen Kaufhof-Mitarbeiter betreut, für sie neue Jobs gesucht.

Der Handelssekretär Verdi sagt: "Die guten Fachverkäuferinnen hier hatten nicht so die Probleme, die waren hier gern genommen wenn sie bereit waren eben Abstriche bei der Vergütung zu machen, das muss man eben immer mit dazu sagen. Aber alle, die ich in der Betreuung danach noch hatte, die sind relativ schnell untergekommen hier."

Keine Innenstadt ohne Flaggschiff

Ganz anders schätzen er und die Einzelhändler die verbliebene Karstadt-Filiale in Gießen ein. Heinz-Jörg Ebert vom Schuhhaus Darré leitet schräg gegenüber ein Schuhgeschäft in dritter Generation.

Beschäftigte stehen mit schwarzen Luftballons vor der Kasseler Galeria Kaufhof Filiale

Die Innenstadt ohne das Flagschiff vor seiner Tür ist für ihn kaum vorstellbar: "Karstadt selbst ist seit meinem Gedenken, ich bin gebürtiger Gießener, der Magnet schlechthin. Als Karstadt kam, haben viele aufgeatmet, haben gesagt, das wird ein Anziehungspunkt, ein Frequenzbeschaffer für die Gießener Innenstadt und dementsprechend hat Karstadt wesentlich dazu beigetragen, dass sich Gießen so entwickelt hat wie es heute dasteht."

In Gießen arbeiten mehr als 200 Menschen bei Karstadt, die Gesamtfläche der Filiale beträgt 30.000 Quadratmeter. Gingen hier die Lichter aus, stünde ein riesiger Klotz leer. Früher setzten die Kaufhäuser auf immer größere Verkaufsflächen und ein breites Sortiment, um den Kunden alles präsentieren und bieten zu können. Das Schaufenster von damals ist heute das Internet. Wer braucht da noch die riesigen Läden?

Autor: Daniel Hoh