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zum Video Kita-Öffnung – Woran Eltern und Erzieher*Innen derzeit verzweifeln

Bobby-Cars, andere Spielautos und Gefährte für Kinder liegen angeschlossen vor einer Kita.

Nach neun langen Wochen zwischen Spielen, kochen und Home Office: Die hessischen Kitas öffnen wieder - aber längst nicht für alle. Das Problem sind unklare Vorgaben der Politik, die Erzieher, Eltern und Bürgermeister ratlos zurück lassen. Mex zeigt das Chaos rund um die Kinder-Betreuung.

Jana Scholz aus Niederdorfelden ist Industriekauffrau und müsste eigentlich jeden Tag nach Hanau zur Arbeit pendeln. Stattdessen sitzt sie seit neun Wochen Home Office. Das heißt nicht nur arbeiten, sondern auch 24 Stunden die 5-jährige Marie und ihre 3-jährige Schwester Emma betreuen: "Die Nerven werden schon dünner das merkt man, arbeiten, Videokonferenzen, Kochen, Haushalt und ständig die Kinder bespaßen… die Kinder werden immer unausgeglichener."

Ihr Mann ist Informatiker, ebenfalls im Home Office. So wie ihnen geht es nahezu allen Familien in Hessen. Eine Folge: in der Lockdown Phase sind so viele Arbeitnehmer krank gemeldet wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Was Jana Scholz am meisten ärgert, ist, dass die Kinder bei den ersten Lockerungen scheinbar vergessen wurden: "Da ging es viel darum, wann kann ich wieder zum Friseur, wann spielt die Bundeliga wieder, kriegt die Automobilindustrie mal wieder irgendein Paket. Gerade über die Kindergarten-Kinder wurde nicht geredet, da hat man schon gemerkt, dass die keine große Lobby haben in Deutschland."

Empfehlungen, keine Vorgaben

Im Kindergarten von Marie und Emma, die KITA 100 Morgenwald in Niederdorfelden, sind aktuell 9 Kinder in der Not Betreuung, ab 2. Juni soll eigentlich wieder mehr los sein. Annika Huwe kann allerdings eine Woche vor dem geplanten Start wenig darüber sagen, wie es weiter geht. Was fehlt, sind klare Vorgaben. Stattdessen gibt es jede Menge Empfehlungen: "Empfehlungen sind für mich keine festen Bestandteile, die ich einzuhalten habe, so nach dem Motto, wenn Du es nicht kannst, dann mache es halt irgendwie anders. Letztendlich wissen wir nach so vielen Wochen genauso wenig wie vorher."

So wenig wie vorher weiß auch Bürgermeister Klaus Büttner (SPD). Drei Kindergärten gibt es in Niederdorfelden, 150 Kinder warten darauf, dass diese endlich wieder öffnen. Nur wann? "Wir haben keinen Plan von der Landesregierung, das ist auch sehr schwierig für uns als Kommune vor Ort, das ganze zu lösen. Ich verstehe das Ganze nicht, was da gerade läuft. Natürlich ist die Automobilbranche und der Tourismus und das alles wichtig, aber erstmal müssen die Eltern ja wieder arbeiten können. Was nutzt es denn, wenn die Eltern alle zuhause sitzen und wir keine Produktivität haben?"

Und das sind die Vorgaben der Landesregierung für den eingeschränkten Regelbetrieb in Hessens Kindertagsstätten:

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Es gibt keine Öffnung für alle Kinder. Einen Anspruch haben Kinder, deren Eltern in System relevanten Berufen arbeiten,auf Empfehlung des Jungendamts kommen oder wenn ein besonderer Förderbedarf besteht.

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"Gute Besserung - Liebe Glück" steht an einem Kita-Fenster in Kassel.

Das bedeutet, völlig normale Familien fallen durch den Rost. Tatsächlich kann die Zahl der Kinder, die eine Chance auf einen Platz haben, von Kindergarten zu Kindergarten stark variieren. Entscheidend ist die Anzahl der Kinder in der Notgruppe, die Größe der Einrichtung, und die Anzahl der verfügbaren Erzieher.

Wem gerecht werden?

In Limburg in der Kita St. Hildegard gibt es viel Platz. Die Leiter Stephanie Ludwig und Daniel Koch lassen darüber hinaus noch einen großen Außenbereich anlegen, um alles für eine mögliche Öffnung zu entzerren. Obwohl sie mit 20 Kindern schon eine große Notgruppe haben, hätten sie noch Kapazitäten für weitere Kinder. Dennoch können sie keinem Kind einen baldigen Platz in ihrer Einrichtung versprechen.

Ludwig sagt: "Da habe ich einfach Gewissensbisse, wem werde ich denn gerecht? Woher will ich denn entscheiden, diese Familie hat den größeren Notstand? Ich finde, dann kommt es zu einer Ungleichheit bei den Familien, und das möchte ich nicht. Ich denke, dass es bis auf weiteres bei den Systemrelevanten bleibt und früestens ab dem 1.8. wieder weiter geht."

Ihr Stellvertreter Koch wirft dem Land vor, den Kindertagesstätten den schwarzen Peter zuzuschieben: "Das ist ganz schön hinterlistig von der Landesregierung einfach zu sagen, liebe Eltern wir haben dafür gesorgt, dass geöffnet wird und dann quasi den Kitas vorzuwerfen, wieso bekommt ihr das denn nicht hin?

Eine klare Richtung

Ganz anders macht es Kai Korn in den Kindergärten der Fröbel Gruppe: Er hat die wenigen Vorgaben aus Wiesbaden genommen und ist selbst in die Offensive gegangen. Für die zwei Krippen und zwei Kindergärten mitten in Frankfurt hat er je nach Größe individuelle Pläne entwickelt, um möglichst vielen Kindern bald wieder einen Platz zu bieten. Korn sagt: "Wir haben für uns die Verantwortung übernommen, wo wir das Gefühl hatten, dass die jemand anders die nicht übernimmt. Wir haben uns zusammen gesetzt und sehr lange überlegt, welches Kind wird wann wieder aufgenommen und eingewöhnt, was steht an pädagogischem Konzept hinten dran? Das ist nicht wahllos."

Das bedeutet: Kinder, die in welcher Form auch immer, besonders gefördert werden müssen, haben Vorrang, während andere Kinder noch warten müssen. Eine Empfehlung, die so auch die Regierung den Einrichtungen mit auf dem Weg gegeben hat, aber längst nicht alle umsetzen wollen. Ludwig meint: "Das ist nicht realisierbar, das geht nicht, dann kommen Neidfaktoren auf, und auch Streitigkeiten, es ist ja jeder sehr dünn angehaucht im Moment, und jeder ist ja sensibel. Deshalb möchte ich das nicht. Wenn, dann muss eine klare Richtung von der Landesregierung kommen: Okay, jedes Kind darf bis zu den Sommerferien 5 Stunden kommen, damit könnten wir arbeiten."

Huwe sagt: "Das kann ich als Leitung nicht nach Gutdünken entscheiden, wem ich das jetzt mehr gönnen würde oder wer es meiner Meinung nach mehr braucht, oder wer braucht es weniger. Das werden wir auf keinen Fall machen, wir werden allen Kindern die gleichen Stunden zur Verfügung stellen."

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Das Mex-FAZIT:

Noch ist ungewiss, wann und für wen die Kitas wieder öffnen. Fakt ist: der Druck von Familien, Arbeitnehmern und Arbeitgebern wird immer größer.

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Autorin: Anke Heinhaus