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Frischfleisch bei Supermärkten und Discountern hat seit dieser Woche ein neues Tierwohl-Label. Doch wer steckt hinter dem Label? Eine Initiative, die sich Tierwohl nennt. Klingt erst einmal gut, oder?

Wir fahren zur Initiative Tierwohl. Die Geschäftsstelle sitzt in Bonn. Dort erklärt uns Geschäftsführer Alexander Hinrichs die Ziele seiner Organisation: „Unser Ansatz ist der, dass wir möglichst viele Tierhalter mit möglichst vielen Tieren mitnehmen möchten, gewinnen möchten für unsere Initiative Tierwohl und Schritt für Schritt ein Weiterentwicklungsprozess eben auch anstoßen möchten.“ Möglichst viele Tiere sollen also ein besseres Leben haben. Doch wer genau verspricht das eigentlich? Finanziert wird die  Initiative Tierwohl von Lidl, Aldi und Co, also den großen Handelsketten. Die Fleischindustrie ist als Gesellschafter eingebunden. Kann das wirklich mehr Tierwohl bedeuten?

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Das schauen wir uns genauer an. Stufe 1 ist die gesetzlich geregelte Massentierhaltung. Stufe 2 entspricht den Kriterien der Initiative Tierwohl. Das soll der neue Standard werden. Zum Beispiel bei Masthühnern, sagt Hinrichs: „Hier ist es so, dass sie verpflichtend mindestens zehn Prozent mehr Platz haben müssen und auch organisches Beschäftigungsmaterial. Hier ist es wichtig, dass das Stallklima regelmäßig geprüft wird und auch das Trinkwasser regelmäßig überprüft wird.“  

10 Prozent mehr Platz. Wie viele Hühner dürfen dann also auf einem Quadratmeter gehalten werden?  Also auf der Größe dieses Umzugskartons? In der Massentierhaltung gilt ein Standard, der 26 Tiere pro Quadratmeter erlaubt. Tierwohl heißt es, wenn pro Quadratmeter nur noch 23 Hühner gehalten werden.

Ist das Label Augenwischerei?

mex bei Verbraucherschützerin Wiebke Franz von der Verbraucherzentrale. Für sie ist das Tierwohl-Label der Industrie Augenwischerei. Denn von den wirklich guten Stufen 3 und 4, die in Richtung Bio gehen, gibt es kaum etwas im Angebot. Eine echte Wahl hat der Verbraucher also nicht: „Wenn der Handel ein vierstufiges System anbietet, sollte er auch alle vier Stufen zur Verfügung stellen. Wir haben in unserem Marktcheck festgestellt, dass er hauptsächlich Stufe eins und zwei findet ganz vereinzelt nur drei und vier musste man wirklich nach suchen und das bietet dem Verbraucher nicht die freie Wahl das Einkaufs.“

Mit vier Stufen werben, aber nur zwei anbieten. Das grenzt an Verbrauchertäuschung. Denn die Haltungsbedingungen werden erst ab Stufe 3 spürbar besser: Frischluftzugang und Futter ohne Gentechnik. Und in Stufe 4 gibt es Zugang zum Außengelände und teilweise Biostandard. 

Doch beim Schweinefleisch wird selbst von Tierwohl-Stufe 2 auf lange Sicht nichts angeboten. Denn es ist nicht möglich, genug Schweine nach Tierwohl-Kriterium für die Supermarktregale großzuziehen. Laut Gesetz benötigen die etwa 100 Kilo schweren Mastschweine einen dreiviertel Quadratmeter Platz pro Tier. Und wie viel Platz ist das dann in Tierwohl-Stufe 2? 10 Prozent mehr Platz. Die Tierwohl-Gesamtfläche: 0,83 Quadratmeter pro Tier.

Die heile Welt der Selbstzertifizierung

Die Initiative der Industrie redet sich diese marginale Verbesserung schön. Hinrichs sagt: „Es ist ja auch so, dass die meisten Tiere in Deutschland nicht in Einzelboxen gehalten werden wie Pferde beispielsweise, sondern dass sie eben in Gruppen gehalten werden und für jedes Tier dann zehn Prozent oder mindestens zehn Prozent mehr Platz in der Summe ist. Das ist dann schon ein spürbarer Effekt für die Tiere.“

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Doch Verbraucherschützerin Wiebke Franz widerspricht. Stufe 2 heißt zwar Tierwohl, ist aber weit davon entfernt: „Um artgerechtes Verhalten ausüben zu können, sollten sie auch Zugang zum Freien haben und da zum Beispiel im Dreck wühlen können. Sie brauchen Beschäftigungsmittel, sie müssen mal sprinten können und hochspringen. Das machen Schweine gerne, sie sind sehr agile Tiere.“  

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Das mex-Fazit:

Wo seit dieser Woche Tierwohl draufsteht, ist kein Tierwohl drin. Kein Wunder, wenn sich die Branche selbst zertifiziert. Höchste Zeit für ein von der Fleisch-Industrie unabhängiges Label.

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Bericht: Christian Lang