Die Grafiken zeigen Möglichkeiten einer Nachverdichtung im städtischen Wohnungsbau.

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Es gibt zu wenige Wohnungen in Hessen. Doch es ist Platz da, wenn man nur genau hinschaut - zum Beispiel zwischendrin und obendrauf. Auf dem Supermarkt-Grundstück Wohnraum schaffen. Dieses Geschäftsmodell ist der neue Trend.

Die Wohnungsknappheit in Frankfurt bekämpfen ist ein klares Ziel des Frankfurter Planungsdezernenten Mike Josef (SPD). Fünf Jahre lang arbeitete er an einem neuen Bau-Masterplan. Jetzt ist er fertig: „Wir haben, wenn man den Grüngürtel, den Stadtwald und die Kleingärten davon abzieht - und das haben wir gemacht - Potenziale von ungefähr 70.000 Wohnungen ermittelt.“

Doch wie soll das gehen? Frankfurt kann weiter wachsen – nach oben. Deshalb sollen auf schon bestehende Gebäude Wohnungen gebaut werden, zum Beispiel auf Supermärkte: „Supermärkte und Wohnraum, das machen wir auch in den Hochhausentwicklungen, wo wir mittlerweile Büros, Wohnungen, Gastronomie in einem Gebäude haben. Angesichts der knappen Fläche brauchen wir Nutzungen, die wir zusammen denken.“

Supermärkte und Wohnraum verbinden. Was würde das in Frankfurt bringen? Von den 213 Supermärkten im Frankfurter Stadtgebiet, kämen rund 20 dafür in Frage. So könnten bis zu 1200 neue Wohnungen in Frankfurt entstehen.

Jeder würde gewinnen?

Der Architektur-Professor Karsten Tichelmann von der technischen Universität Darmstadt sieht im Aufstocken die Lösung des Wohnproblems: „Die Fläche ist zu kostbar für diese Art von Nutzung und wäre für eine Stadt, die dringend Wohnraum benötigt, die sehr teuren Wohnraum anbietet, eigentlich hervorragend geeignet, um die für Wohnungsbau zu aktivieren.“ Für mex hat Prof. Tichelmann das Wohnraum-Potential auf Supermärkten und Discountern für Darmstadt errechnet, denn günstiger Wohnraum ist knapp.

Betrachtet man nur den Stadtkern, kommt man schon auf 63 Supermärkte. 15 davon sind besonders geeignet für Wohnungsbau. Das ergibt Raum für bis zu 3000 Wohnungen: „Ich brauche keine Infrastruktur mehr bauen, keine neuen Straßen erschließen, ich brauche keine Bodenpreise mehr auf den Mietpreis umzulegen, die kostengünstigsten Flächen liegen auf dem Gebäudebestand.“

Auch bei neuen Bauten setzt Darmstadt künftig auf Wohnungen überm Discounter. Ein Projekt gibt es schon. In Arheilgen will Aldi bald bauen, das spart kostbare Flächen. Michael Kolmer, Amtsleiter im Amt für Stadtentwicklung, sagt: „Es ist eine Win-win-win-Stuation: Es ist ein Win für die Bevölkerung, weil mehr Wohnraum geschaffen wird. Es ist eine Win-Situation für die Stadt, weil wir zu einer besseren, flächeneffizienteren Bodennutzung kommen. Und es rechnet sich natürlich in der Regel auch für die Projektentwickler. Sonst würden die das nicht machen.

Neues Bauland ist unerschwinglich

Doch wie kommt es, dass Supermärkte Wohnungen bauen? Sie wollen sich vergrößern und Städte suchen nach Platz für neue Wohnungen. Bei Eingeschossern liegt der Kompromiss auf der Hand. Der Neubau oder eine größere Filiale wird genehmigt, aber nur mit Wohnungen oben drauf.

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Leben über dem Supermarkt: Eine Lösung für den angespannten Wohnungsmarkt?

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Wohnen überm Supermarkt ist ein zukunftsweisendes Konzept, denn neues Bauland für Wohnraum ist rar und meist unerschwinglich. Die Preise sind in Großstädten in nur 6 Jahren um 44,4 Prozent gestiegen. So mangelt es vor allem an bezahlbaren Wohnungen. Denn gerade die, die für günstige Mieten sorgen, die städtischen Wohnbaugesellschaften, können kaum mehr Grundstücke erwerben, erklärt uns ihr Präsident Axel Gedaschko: „Wenn am Ende des Tages deshalb bei den reinen Baukosten, die für ein Gebäude entstehen schon 20 Prozent für Grund und Boden weg sind, bevor man einmal überhaupt den Spaten in den Boden gestoßen hat, dann ist die Lage deutlich.“

Höchste Zeit, den Raum über Supermärkten in ganz Deutschland zu erschließen. Doch bislang gibt es das nur vereinzelt. Aldi Nord baut unter anderem in Hamburg. Überm Netto wohnt man in Esslingen. Über Aldi Süd z.B. in München und Tübingen.

Zukunft liegt auf den Dächern

In Frankfurt plant Lidl gleich mehrere Bauten dieser Art. Hier an der Mainzer Landstraße soll es bald so aussehen: Größere Verkaufsfläche, Tiefgarage statt Parkplatz und insgesamt 110 Wohnungen. Realisiert mit dem städtischen Wohnungsunternehmen. Gedaschko sagt: „Wir brauchen solche Partnerschaften, weil das Wohnungsunternehmen hätte die Fläche so nie sonst bekommen. Der Discounter hätte wahrscheinlich es schwer gehabt, einfach nur mehr Warenfläche zu haben, wenn er nicht der Stadt auch das Angebot gemacht hätte, auch noch tatsächlich Wohnraum zu schaffen.“

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Prof. Tichelmann ist überzeugt: Die Zukunft der Stadtentwicklung liegt auf den Dächern der Gebäude und nicht in der Ausdehnung der Stadtränder: „Es ist keine Alternative in die Randzonen zu gehen und diesen Donut-Effekt zu erzeugen, das heißt dass die Kreise immer größer um die Kernlagen werden und damit hohe Pendlerströme und Mobilitätsströme erzeugt werden. Die Intelligenz steckt eigentlich da drin zu schauen: Wie viel könne wir nachverdichten?

Auch Mike Josef will nachverdichten, doch alleine auf den Supermärkten: das reicht nicht. Deshalb hat die Stadt noch weitere Ideen: „Wir haben ganz konkret am Römerhof momentan eine mindergenutzte Gewerbefläche, die wir umwidmen und Wohnraum entwickeln. Wir haben ohnehin im letzten Jahr so viel Konversion, also um Widmung von Gewerbeimmobilien in Wohnimmobilien, gehabt wie noch nie zuvor.

Wohnen überm Supermarkt – ein Trend in vielen Städten. Doch um das Wohnungsproblem in Hessen wirklich zu lösen reicht das noch nicht.

Autorin: Katja Sodomann, Naïma Kunze