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Am Dienstag schließt die Opel-Mutter PSA das Werk in Rüsselsheim. Das teilte das Unternehmen am Montag mit. PSA begründete die Entscheidung damit, dass in den vergangen Tagen ein rasanter Anstieg an Corona-Fällen in der Nähe einiger Produktionssätten beobachtet worden sei. Außerdem gebe es Schwierigkeiten mit den Lieferketten und die Nachfrage am Automobilmarkt sei rückgängig.

Opel war endlich zurück in der Erfolgsspur. Dann kam Corona. Das Werk Rüsselsheim ist seit Dienstag dicht. Mex hat mit Werksmitarbeitern gesprochen: Wie geht es ihnen beim Umbau von Opel und wie sehen sie die Zukunft?

Feierabend bei Opel in Rüsselsheim. Sandro Ricciardi ist seit 33 Jahren Opelaner. Der Meister arbeitet im Prototypenbau, im Entwicklungszentrum. Er baut die ersten Exemplare neuer Modelle zusammen. Dass er noch immer bei Opel arbeitet, ist für ihn gar nicht selbstverständlich: "Es war immer ein Bangen und Hoffen. Wir haben viele Tiefs durchmachen müssen, jedes Mal hat man gedacht, nach dem Tief, dann geht es wieder aufwärts und wird besser. Aber das war immer nur kurzzeitig. Man hat sich dann in Sicherheit gefühlt und dann kam immer wieder eine schlechte Nachricht."

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hessenschau vom 06.02.2020
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Seitdem PSA Opel vor drei Jahren übernommen hat, ist die Zahl der Mitarbeiter um fast 4.000 geschrumpft. Vor der Corona-bedingten Schließung hatte Opel Kurzarbeit angemeldet und die Spätschicht gestrichen. Außerdem sollten etwa 2.000 Opelaner eine Abfindung nehmen und gehen oder zum französischen Autodienstleister Segula wechseln. Der hat einen Teil des PSA-Entwicklungszentrums aufgekauft: "Viele Mitarbeiter hatten dann die Nerven verloren, haben gesagt, ich nehme lieber die Abfindung, was ist, wenn ich bei Segula bin und dann läuft es da drüben auch schief und da gibt's keine Abfindung und die Höhe der Summe ist dann weg von der Abfindung."

Sandro Ricciardi wurde nicht nahegelegt, zu Segula zu wechseln. Er bleibt vorerst Opelaner. Trotzdem ist auch seine Zukunft ungewiss. Weil der Mutterkonzern PSA derzeit auch noch mit Fiat Chrysler fusioniert und damit der nächste Umbau ansteht: "Jetzt geht es den meisten Mitarbeitern auch wieder durch den Kopf, oh, jetzt müssen wir noch mal wieder Federn lassen, weil man braucht ja nicht alles dreimal entwickeln, nicht bei Opel, nicht bei PSA, nicht bei Fiat. Und die haben auch ihre Entwickler und vielleicht wird´s da auch noch ein bisschen schlechter bei uns, da ist ein bisschen Angst vorhanden."

Erfolgreiche Umbau-Strategie

Aber zwischen all dem Hoffen und Bangen gibt es auch gute Nachrichten. Zum ersten Mal seit 1997 haben Sandro Ricciardi und seine verbliebenen Kollegen wieder eine Mitarbeiter-Prämie bekommen. Opel auf der Erfolgsspur. Die Schlagzeilen überschlugen sich in den letzten Wochen: "Opel auf Erfolgskurs", "Opel fährt Milliardengewinne ein", "Opel will Spitzenreiter werden".

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hs
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Und tatsächlich: Die Gewinne stiegen 2019 auf 1,1 Milliarden Euro. Rekord – und ein Plus von knapp 30 Prozent. Den Grund für diesen Erfolg sieht Opel-Geschäftsführer Michael Lohscheller in der Umbau-Strategie: "Wir haben viele Dinge im Unternehmen geändert. Wir haben das Unternehmen wettbewerbsfähig gemacht. Wir haben die Kosten reduziert, aber wir haben viel, viel mehr gemacht. Wir haben auch die Preisdurchsetzung am Markt verbessert, Komplexität reduziert."

Klingt einfach, ist aber höchst komplex und hat seine Schattenseiten: Seit der Übernahme durch PSA 2017 wurden mehrere Tausend Stellen gestrichen. Opel spart sich schlank, sagen Kritiker, auf Kosten seiner Mitarbeiter?

Auf keinen Fall aussitzen

Mex besucht Ihab Ghazi, einem der Opfer der Umbaumaßnahmen. Er war als Industriemechaniker 26 Jahre bei Opel. Seit drei Monaten ist alles aus und vorbei, Opel für ihn nur noch Geschichte. In einer Kiste hebt er alle Erinnerungen auf. Denn Opel war sein Leben, bis plötzlich ein Brief alles veränderte: "Das hieß dann irgendwann mal, wenn ein Brief nach Hause kommt, dann seid ihr alle Kandidaten, die gehen müssen, aber auch nur einige der Kandidaten. Man hat dann die Wahl gehabt, eine Abfindung zu nehmen, zu Segula zu gehen oder die ganze Sache auszusitzen."

Aussitzen wollte Ihab Ghazi nicht. Die Zeit der Ungewissheit war ihm zu lang. Seine Kritik: "Man hätte anders mit den Mitarbeitern umgehen müssen und sagen: Ihr seid betroffen davon, von der Abfindung und ihr seid nicht betroffen davon, statt den ganzen Betrieb lahmlegen komplett und allen Leuten Angst machen."

Erfolgsbilanz mit Wermutstropfen

Auch Ihab Ghazi hatte Angst. Zu Segula wechseln wollte er auch nicht, also nahm er die Abfindung an und suchte sich einen neuen Arbeitgeber. Eine Entscheidung, die ihm schwer fiel, denn er hat gern bei Opel gearbeitet. Und er war stolz darauf, Opelaner zu sein. Trotzdem ist er froh über seinen neuen Job bei einem Logistikunternehmen. Denn er vertraut Opel nicht mehr. Und den Erfolgszahlen schon mal gar nicht. Wenn man zweieinhalb bis 3.000 Leute aus dem Werk rausschmeiße, würden ja enorme Kosten gespart.  

Zurück zu Sandro Ricciardi, der noch bei Opel schafft. Er ist jetzt 53 und möchte bis zur Rente hier bleiben. Seine große Hoffnung für Opel: Dass es noch viele, viele Jahrzehnte überlebt und noch viele Generationen hier Arbeit finden, ihren Lohn bekommen und ihre Familien damit ernähren können.

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Das Mex-Fazit:

Bei Opel blitzt die Erfolgsbilanz mit Wermutstropfen. Denn der Abbau von Arbeitsplätzen geht wohl weiter. Dabei sind die Folgen der Corona-Krise heute noch gar nicht absehbar. Am Montagabend gingen die Mitarbeiter in Zwangspause: Für mindestens zehn Tage.

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Autorin: Katrin Wegner