Dunkle Wolken türmen sich hinter einer Werbefahne des Fleischherstellers Wilke Wurstwaren

Twistetal in Nordhessen: Mit der ländlichen Idylle ist vorerst Schluß. Twistetal macht Schlagzeilen mit einem der größten Lebensmittelskandale seit Jahren. Mex klärt die wichtigsten Fragen rund um den Lebensmittelskandal aus Hessen: der Fall Wilke.

Die Verbraucher sind verunsichert, weil keiner sagen kann, wo die vergammelte Ware von Wilke verarbeitet wurde. Bei eingepackter Wurst kann der Verbraucher tatsächlich selbst herausfinden, ob Wilke in der Wurst steckt: Anhand exakt der Identitäts-Nummer für Wilke. Für Fleischprodukte allgemein wird das aber schwierig, erklärt Mex-Ernährungsexperte Jürgen Stellpflug.

Generell helfen aber die Identitätsnummern kaum weiter. Ein Beispiel: Leberwurst.  Hier führt die Nummer zu einem Unternehmen in Schleswig Holstein. Zur Herkunft des Fleisches aber erfahren wir nichts: „Die Kritik am Identifikationskennzeichen ist, ich weiß nicht, wo das Produkt eigentlich herkommt. wo die Rohstoffe herkommen. Es beschreibt nur den letzten Verarbeitungsschritt, es kann auch nur die Verpackung der Wurst sein“, meint Stellpflug.

Weitere Informationen

Verbraucher-Hotline

Das Verbraucherministeriums richtet ab Mittwoch eine Hotline ein: Unter 06151-126082 werden Fragen zur Wilke-Rückrufaktion beantwortet. Erreichbar ist die Nummer montags bis donnerstags zwischen 8 und 16.30 Uhr sowie freitags zwischen 8 und 15 Uhr.

Ende der weiteren Informationen

Was schon bei verpackter Wurst nicht ausreicht, scheitert bei Lebensmitteln mit verarbeiteter Wurst komplett. Hier gibt es keine durchgängige Kennzeichnung.  Während die Fleisch-Tortellini eine Nummer haben, haben die Hersteller bei   Grünkohl und Salami Pizza darauf verzichtet. Also null Transparenz! 

Zu spät informiert

Stellpflug erklärt: „Das ist eine große Gesetzeslücke, die schon lange hätte geschlossen werden sollen. Dabei wäre es vollkommen einfach. Durch einen QR-Code beispielsweise könnte man alle Informationen zu einem Produkt hinterlegen. Da würde man sowohl erfahren woher stammt das Produkt, wer hat das verarbeitet, wo ist es weiter verarbeitet worden. Und gibt es vielleicht einen Rückruf oder andere Probleme.

Für Wilke ist jetzt diese Auflistung der rund 1.100 betroffenen Wilke-Produkte für alle öffentlich. Immerhin. Fazit: für Verbraucher empfiehlt sich im Zweifel der Einkauf an der Frischetheke. Die Behörden geben ein denkbar schlechtes Bild im Wilke-Skandal ab. Lebensmittelüberwachung ist Ländersache, die Veterinärämter der Landkreise sind für die Kontrolle zuständig. Einheitliche Standards fehlen, die Kontrolle ist oft ein Flickenteppich.

Auf der Internetseite Lebensmittelwarnung.de wird die Öffentlichkeit jetzt informiert. Viel zu spät. Das zuständige Verbraucherschutzministerium wurde im August über den Listerien-Fund in der Wilke-Wurst informiert. Und dann? Nach heutigem Stand passierte im Fall Wilke lange gar nichts. 

„Es ist ein Skandal“

Videobeitrag

Video

zum hessenschau.de Video Ministerin verteidigt Wilke-Vorgehen

Hessenschau vom 08.10.2019
Ende des Videobeitrags

Für die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch ist das Vorgehen der hessischen Behörden ein Skandal. Martin Rücker, Geschäftsführer, sagt: „Es führt zu vielen Fragen. Was ist in diesem Zeitraum eigentlich geschehen, welche Behörde hatte zu welchem Zeitpunkt welche Informationen, gab es bereits sichere Listerien-Nachweise?“

Erst Wochen später schließlich folgt die Schließung der Wilke-Fabrik. Der Druck auf die zuständige Ministerin für Verbraucherschutz Priska Hinz von den Grünen nimmt zu. Jetzt endlich will sie aufklären: „Wir haben vor, Konsequenzen zu ziehen und deswegen ist es auch wichtig, dass wir alles auf den Tische bekommen: Wann welche Meldekette funktioniert hat, wo sie vielleicht nicht funktioniert hat, um dann besser handeln zu können.“

Und Foodwatch geht gegen den Landkreis Waldeck Frankenberg gerichtlich vor.  Denn bis heute steht nicht steht fest, wo überall Lebensmittelhersteller Wilke Wurst verarbeitet haben: „Es ist ein Skandal  und ich frage mich was erlauben die sich in den Amtsstuben, was denken die sich dabei. Sie haben die Information wo die Produkte hingegangen sind, wo sie vielleicht in der Gastronomie verbreitet wurden, dann müssen sie diese Information öffentlich machen.“

Die Wurst-Fabrik Wilke ist Geschichte

Das Unternehmen ist ruiniert, hat Insolvenz angemeldet. Seit den 80er-Jahren  produzierte Wilke Wurst in Berndorf, ein Ortsteil von Twistetal in Waldeck-Frankenberg, der größte Arbeitgeber der Region. Täglich 50 Tonnen Wurst, im Angebot auch Bio.

Nach außen hin ein Vorzeigeunternehmen, hinter den Fabrikmauern aber skandalöse Mängel. Über viele Jahre und offensichtlich mit System, wie ehemalige Mitarbeiter berichten.

Und die Beschäftigten? Die Wurst-Fabrik Wilke ist Geschichte. Das ist sicher. Wie es für sie weiter geht, haben die mehr als 200 Mitarbeiter auch auf einer Betriebsversammlung nicht erfahren. Im 1.650 Einwohner-Ort Berndorf geht die Jobangst um. Michael Ende, Ortsvorsteher Berndorf, sagt: „Da hängen ja immer noch 2 bis 3 Menschen dran, sodass man sagen muss, betroffen sind 6-7.000  Leute die Existenzängste haben müssen. Die gehen jetzt erst mal zum Arbeitsamt.“

Die Behörden und das Unternehmen Wilke – am Ende steht ein Skandal mit möglicherweise mehreren Toten. Der Fall Wilke aus dem nordhessischen Twistetal zeigt einmal mehr: Die Lebensmittelüberwachung hat viele Lücken, die Behörden sind im Fall der Fälle überfordert. Guter Verbraucherschutz sieht anders aus.

Autorin: Barbara Berner