Ein Laserstrahl ist im Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum auf eine thermoplastische Maske gerichtet.

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In Deutschland hört in jeder Minute ein Mensch die Diagnose: "Sie haben Krebs". Diese Nachricht stürzt Betroffene und Angehörige zunächst in tiefe Verzweiflung, weil Krebs noch immer mit Unheilbarkeit in Verbindung gebracht wird. Das aber stimmt so längst nicht mehr, seit Jahren ist die Krebssterblichkeit in Deutschland rückläufig, weil es immer bessere Früherkennungsmethoden und bessere Therapien gibt.

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Ein Laserstrahl ist im Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum auf eine thermoplastische Maske gerichtet.

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Selbst wenn eine Heilung nicht möglich ist, gibt es Behandlungen, durch die der bösartige Tumor oft über Jahre in Schach gehalten wird. Sogar auch dann noch, wenn der Krebs schon gestreut hat, Tochterabsiedlungen, so genannte Metastasen, gebildet hat. Vielleicht waren solche Erfolge der Anlass, dass sich der derzeitige Gesundheitsminister Jens Spahn vor einiger Zeit weit aus dem Fenster lehnte, indem er mutmaßte, dass Krebs in zehn bis zwanzig Jahren besiegt sein könnte.

Auch ohne Heilung länger leben

Krebs ist eine Erkrankung, die das Leben der Menschen schon immer begleitet. Krebsmetastasen finden sich in den Knochen von Mumien, die über 1500 Jahre vor Christus einbalsamiert wurden. Kein Wunder also, dass die renommierten Krebsforscher allesamt Jens Spahn widersprachen. Und zwar mit der Anmerkung, dass tatsächlich in der Erforschung der Krebsentstehung und vor allem in der Behandlung in den vergangenen Jahren Riesenfortschritte gemacht wurden. Auch wenn Heilung oft nicht möglich ist, können den Betroffenen jetzt oft Jahre geschenkt werden.

Vielfältige Ursachen lassen Zellen entarten

Brustkrebszelle
Brustkrebszelle Bild © picture alliance / dpa

Möglich wird das, weil Krebsforscher immer tiefere Einblicke in die molekularen Abläufe in das Wachstum von Zellen gewinnen. Und wie sie miteinander konkurrieren, sich gegenseitig fördern oder hemmen. Krebs entsteht, wenn sich Zellen unkontrolliert teilen. Grund hierfür sind meist Schäden am Erbmaterial, aber auch Fehler beim Ablesen der Erbinformation. Begünstigt werden diese Veränderungen durch schädigende Einflüsse von außen, beispielsweise Zigarettenrauch, radioaktive Strahlen, Umweltgifte und vieles mehr. Auch Krankheitserreger wie Viren können solche Erbgutveränderungen verursachen, manchmal werden auch Erbgutveränderungen von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Kommen zur ererbten Neigung dann auslösende Umstände hinzu, kann Krebs entstehen. Sehr oft lässt sich der auslösende Faktor nicht genau herausfinden. Im Laufe des Lebens kommen wir mit immer mehr schädigenden Einflüssen in Kontakt, die Zellen selbst altern, Fehler beim Ablesen der Erbinformation während der Zellteilung kommen vor. Irgendwann entsteht daraus eine veränderte Zelle, die sich gegen die anderen durchsetzt, schneller wächst, besser an Nährstoffe kommt, eigene Blutgefäße bilden kann. Und ihre Vorteile an die Tochterzellen abgibt.

Was unterscheidet Krebszellen von gesunden Zellen?

Es gibt einige Schlüsselfunktionen, in denen sich gesunde von entarteten Zellen unterscheiden:

  • Krebszellen sind unabhängig von äußeren Wachstumssignalen, sie wachsen auch ohne äußere Anregung (unkontrollierbares Wachstum).
  • Das Wachstum solcher Zellen kann nicht durch Steuerungsbefehle des Körpers gehemmt werden (keine Steuerung).
  • Gesunde Zellen können sich nur für eine begrenzte Anzahl teilen. Bei jeder Teilung verkürzt sich die Erbinformation in den Chromosomen, die deshalb vom Ende her immer kürzer werden. Sind sie schließlich zu kurz, kann die Zelle sich nicht mehr teilen und stirbt. Krebszellen haben diesen Mechanismus nicht.
  • Krebszellen haben auch nicht den Mechanismus der Apoptose, dem so genannten programmierten Zelltod. Sind Zellen defekt, können sie sozusagen Selbstmord begehen, infolge eines komplizierten Regelmechanismus sterben sie ab. Dieses Programm, das den Zellverbund und damit den Organismus schützt, haben Krebszellen nicht. Sie reagieren auf die Zelltod-Signale nicht mehr.
  • Im gesunden Organismus ist die Zahl und Menge der Blutgefäße sehr konstant. Tumorzellen aber können die Bildung neuer Blutgefäße anregen (s.g. Angioneogenese). Sie können beispielsweise selbst den Botenstoff VEGF (engl: vascular endothelial growth factor) bilden und so den Grundstock für die ausreichende Ernährung und das weitere Wachstum des Tumors legen.
  • Gesunde Zellen mit Ausnahme von Blutzellen verlassen in der Regel ihren festen Standort im Körper nicht. Anders Krebszellen: Sie können zerstörerisch ins umgebende Gewebe einwachsen, aber auch über den Blut- oder Lymphweg in andere Organe und Gewebeverbände einwachsen. Sie metastasieren.

Der Plan steckt in den Genen

Wir spüren davon gar nichts, aber jeder Vorgang in unserem Körper geschieht nach einem ausgeklügelten Plan. Ein übergeordnetes Zentrum steuert den Prozess, sendet Botenstoffe, die den Vorgang antreiben oder andere hemmen, selbst Zeitpunkt und Ablauf der Zellteilung steht für jede Zelle fest. Es gibt Regeln, wann eine Zelle "kaputt" ist, sich nicht mehr teilen darf und aussortiert wird, für viele Prozesse ist schon Jahre vorher klar, wann etwas an- oder abgeschaltet werden soll. Der Bauplan hierfür steht im Erbmaterial der Zellen. Hier steht auch, wie Botenstoffe und Eiweiße gebaut werden sollen, damit sie ihre Aufgaben erfüllen. Erst allmählich entschlüsselt die Forschung diesen großen Plan und findet so auch neue Ansatzpunkte, um Tumore aufzuspüren und ihr Wachstum und ihre Ausbreitung zu stoppen. Die Waffen gegen den Krebs werden so immer feiner, die Behandlung wird mehr auf den einzelnen Patienten zugeschnitten. Weil der Tumor ein bestimmtes genetisches Muster hat, passt die eine Therapie, die aber dem nächsten Patienten mit gleicher Tumorart überhaupt nicht hilft.

Früher: Schnellwachsendes töten

Gegen Krebs helfen Operation, Strahlen- oder Chemotherapie, und bei letzterem fallen einem meist die Haare aus, man nimmt viel Gewicht ab und leidet häufig unter Erbrechen, Durchfall und Müdigkeit. Das etwa ist der Wissensstand derjenigen, die bisher kaum Berührung mit Krebs hatten. Vor mehr als 30 Jahren erging es tatsächlich den meisten Krebspatienten so, auch deshalb, weil das chemotherapeutische Arsenal teilweise aus dem Giftschrank der chemischen Kriegsführung stammte und in der Medizin über Jahre verbessert und verfeinert wurde. Die auch heute noch in vielen Fällen wirksamen und notwendigen Chemotherapeutika griffen vor allem schnell wachsende Zellen an – wie Haarwurzeln, die Zellen des Verdauungs- und Blutsystems und eben Krebszellen. Weil der Angriff jedoch nur wenig zielgerichtet ist, haben die Patienten oft viele Nebenwirkungen.

Target Therapies – Zielgerichtete Therapien

Labor zur Herstellung von Krebsmedikamenten
Labor zur Herstellung von Krebsmedikamenten Bild © picture-alliance/dpa

Dank der neuen molekularbiologischen Erkenntnisse ist es einerseits möglich, die Abläufe in der Zelle genauer zu analysieren und zu bestimmen. Botenstoffe und Bindungsstellen wurden so identifiziert, ebenso Signalwege in der Zelle. Wenn man dies alles kennt, können je nach Notwendigkeit zielgerichtete Substanzen entwickelt werden, die den Botenstoff blockieren oder seinen natürlichen Abbau hemmen. Oder sie hemmen oder fördern seine Bindung an eine andere Zelle. Realität ist das längst bei der Antikörpertherapie, mit der Wachstumsrezeptoren blockiert werden und die Zelle gleichzeitig für ganz bestimmte Zellen des Immunsystems markiert wird. Einer der ältesten identifizierten Signalwege ist der mTOR-Pfad (bekannt seit 1994). Dabei handelt es sich um einen Eiweißstoff, der unter anderem das Zell- und Gefäßwachstum fördert. Nun gibt es Medikamente, die eben diesen Signalweg hemmen, weshalb der Krebs förmlich verhungert. Statt den halben Körper zu vergiften, gelingt es bei immer mehr Krebsarten, zielgerichtete Therapien zu entwickeln, durch die der Tumor am weiteren Wachstum oder der Verbreitung gehindert wird und die Patienten trotz Krebs lange überleben können.

Individualisierung über Tumorgenetik

Gerne wird bei diesen Therapieformen über eine individualisierte Behandlung gesprochen. So ganz stimmt das nicht, denn der individualisierte Part der Behandlung ist, eine Probe des Tumors zu gewinnen und hieraus die Erbinformation des Tumors zu bestimmen. Und wenn dann bereits ein Arzneimittel existiert, das gegen einen Rezeptor oder einen Signalweg dieser mutierten Krebszelle wirkt, kann das Mittel eingesetzt werden. Es kann die Masse des Tumors ebenso wie Metastasen verkleinern, den Krebs aushungern, bestenfalls bis er kaum mehr nachweisbar ist. Wird jedoch der Wirkstoff abgesetzt, dann fängt der Krebs meist wieder an zu wachsen und sich auszubreiten. Mithilfe der neuen Therapien verhält sich der Krebs dieses Patienten dann etwa so wie sein Bluthochdruck: mit den Arzneimitteln wird er in Schach gehalten, geheilt ist man aber lebenslang nicht. Die Nebenwirkungen sind relativ gering, meist sind es Hautreaktionen, Muskelschmerzen, Durchfälle, Leber- und Lungenveränderungen. Entscheidend ist dafür immer, wie sehr diese Blockade eines Signalweges auch in anderen, gesunden Zellen wirkt.

Sendung: hr-fernsehen, "service: gesundheit", 14.02.2019, 18:50 Uhr