Nervenfasern

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zum Video Guillain-Barré-Syndrom

Nichts fürchten wir mehr als die Kontrolle zu verlieren. Kontrolle über die Worte, die aus unserem Mund sprudeln, oder - und oft noch schlimmer - die Kontrolle über die Bewegungen unseres Körpers. Aus dem völligen Wohlbefinden heraus verspürt man Rücken- und Gliederschmerzen, Arme, Beine, ja sogar innere Organe und die Atmung gehorchen dem eigenen Willen nicht mehr.

Ursache ist eine so genannte Polyradikulitis, eine Entzündung der Nervenwurzeln, die im Rückenmark entspringen und deren vorderer Nervenabschnitte. Die Krankheit kann in jedem Lebensalter auftreten, ist aber insgesamt selten. Pro Jahr erkranken bei uns etwa 1,2 bis 2,3 von 100.000 Personen, wobei Männer etwas häufiger betroffen sind als Frauen.

Entzündung ohne Keimnachweis

Anders als bei anderen uns bekannten Entzündungen ist das Guillain-Barré-Syndrom nicht direkt durch Viren, Pilze oder Bakterien verursacht. Möglicherweise aber sind Keime indirekt bei der Entstehung beteiligt, denn das GBS tritt in vielen Fällen nach vorausgegangenen, meist banalen Infektionen auf, beispielsweise nach Infektionen der oberen Atemwege oder Magen-Darm-Infektionen. Dann könnte sich Folgendes abspielen: das körpereigene Immunsystem bekämpft zunächst (erfolgreich) die Erreger dieser eigentlich harmlosen Infektionen. Da deren Oberflächenstruktur aber anscheinend der von Nervenzellen ähnelt, kommt es zu fatalen Verwechslungen. Denn nun schädigen die körpereigenen Immunzellen insbesondere die isolierenden Hüllzellen der peripheren Nerven, aber auch Nervenzellen im Rückenmark.

Überschießende Immunreaktion

Dadurch können weder Empfindungen wie Kälte, Wärme, Berührung etc. über das Rückenmark ans Gehirn weiter geleitet werden, ebenso jedoch auch kein Bewegungsimpuls vom Gehirn an den Muskel. Die Mediziner sind sich weitgehend einig, dass das Guillain-Barré-Syndrom zu den Autoimmunkrankheiten gehört, auch wenn man beim genauen Entstehungsmechanismus noch im Dunkeln tappt. Damit ähnelt die Krankheit vielen rheumatischen Erkrankungen, aber auch Krankheiten wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa oder der Hashimoto-Schilddrüsenentzündung. In seltenen Fällen kann das GBS auch nach einer Impfung auftreten. Auch hier vermutlich als Folge einer Verwechslung im Immunsystem. Dieses geringe Risiko nach einer Impfung möglicherweise an GBS zu erkranken, sollte aber niemanden davon abhalten, eine nötige Impfung wahrzunehmen. Inzwischen haben große Studien gezeigt, dass ein GBS bei einem von einer Million geimpften Personen auftritt, das Risiko somit etwa 1:1 Million beträgt. Für nahezu alle Infektionskrankheiten, gegen die geimpft wird, liegt das Erkrankungsrisiko wesentlich höher.

Rekonvaleszens dauert oft lange

Sehr oft und klassisch äußert sich das GBS als aufsteigende Lähmung, die symmetrisch an den Beinen beginnt und dann über den Rumpf und die Arme auch die Atemmuskulatur betreffen kann. Weil der Betroffene dann nicht mehr atmen kann, ist eine künstliche Beatmung manchmal sogar über Wochen nötig. Besonders zu Beginn kann die Empfindung in den betroffenen Körperabschnitten gestört sein. Die Patienten klagen über Taubheit, Kribbeln oder Schmerzen, Gesichtsnervenausfälle mit Lähmungen, Doppelbildern oder Hörstörungen sind häufig. Auch innere Organe und das vegetative Nervensystem sind betroffen. Dadurch kommt es zu Blutdruckschwankungen, Herzrhythmusstörungen, starkem Schwitzen und Inkontinenz von Blase und Darm. Meist erreichen die Symptome nach etwa ein bis vier Wochen ihr Maximum und bilden sich dann über Wochen bis Monate wieder zurück. Nicht immer erholen sich die Betroffenen vollständig, bei jedem Fünften bleiben Einschränkungen zurück, die Sterblichkeit liegt bei fünf Prozent.

Wer ist der Übeltäter?

Verschiedene Viren und Bakterien könnten an der Entstehung eines GBS beteiligt sein, darunter das Epstein-Barr-Virus, das Cytomegalievirus oder das Varizella-Zoster-Virus und Campylobacter jejuni. Campylobacter-Bakterien zählen zu den häufigsten Erregern bakterieller Magen-Darm-Infektionen. Sie kommen sehr häufig in Hähnchenfleisch vor.

Infektion mit Campylobacter vermeiden

Um die Übertragung der Bakterien zu vermeiden, sollte man diese Regeln beachten:

  • Insbesondere Hähnchenfleisch getrennt von anderen Lebensmitteln aufbewahren und zubereiten.
  • Damit die Keime nicht auf andere Lebensmittel gelangen, sollte man nicht mit bloßen Händen, die vorher am Geflügel waren, Kräuter abzupfen oder Salat zubereiten.
  • bei der Arbeit in der Küche regelmäßig die Hände waschen
  • Arbeitsflächen und Geschirr nach einem Kontakt mit rohem Fleisch heiß abspülen und reinigen. Falls möglich, bei mindestens 60 Grad in der Spülmaschine. Am besten getrennte Küchenutensilien für rohe und gegarte Lebensmittel benutzen.
  • Abtauwasser von gefrorenem Geflügel und anderen Fleischsorten direkt entsorgen.
  • Vor allem Geflügelfleisch immer gut durchbraten, denn leichtes Anbraten genügt nicht, um den Erreger abzutöten.
  • Spüllappen und Küchenhandtücher nach jeder Fleischzubereitung heiß auswaschen oder austauschen

Neue Therapien bessern Prognose

Je früher jedoch die Diagnose gestellt wird und der Patient in eine Schwerpunktklinik mit entsprechender Erfahrung kommt, umso größer ist die Aussicht auf Heilung. Neben intensivmedizinischen Maßnahmen zur Verhinderung von Infektionen und Thrombosen sowie frühzeitiger Krankengymnastik hat sich vor allem die Behandlung mit Immunglobulinen bewährt. Sie sind ein Gemisch aus Antikörpern, die aus dem Blut von Tausenden von Spendern gewonnen werden und können das gestörte Immunsystem wieder ins Gleichgewicht bringen. Als weitere Behandlung kommt die Plasmapherese (Blutwäsche) in Frage, mit der die zerstörerischen Bestandteile des Immunsystems aus dem Blut gewaschen werden. Ganz wichtig ist eine spezielle neurologische Rehabilitation, in der die Patienten ihre Muskelfunktionen zurück gewinnen und langsam wieder den Weg zurück in ihr Alltagsleben finden können

Selbsthilfe

Weitere Informationen

Kontakt

Bundesverband Deutsche Guillain-Barré-Syndrom-Vereinigung e. V.
De-Smit-Sraße 8
07545 Gera
Vertreten durch: Peter Schmeißer
Tel.: 0365 55 20 19 90
Fax: 0365 55 20 19 95
E-Mail: kontakt@gbs-shg.de

Deutsche GBS CIDP Initiative e. V.
Oboensteig 4
13127 Berlin
Tel.: 030 47 59 95 47
Fax: 030 47 59 95 48
E-Mail: info@gbs-selbsthilfe.de

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Weitere Informationen

Link

Die deutsche GBS CIDP Initiative e. V. ist ein Selbsthilfeangebot für entzündliche Neuropathien, Guillain-Barré-Syndrom (GBS) und Varianten. Über den oben genannten Link lassen sich auch für Laien gut verständliche Broschüren über die Erkrankung selbst, die Behandlung, die Reha-Möglichkeiten und zudem ein Ratgeber für Angehörige und Freunde herunter laden.

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Sendung: hr-fernsehen, "service: gesundheit", 07.02.2019 18:50 Uhr