Künstlicher Schließmuskel
75 bis 90 Prozent der Patienten können nach der Implantation eines künstlichen Schließmuskels ihren Urin wieder halten. Bild © hr

Wer unter Blasenschwäche, im Fachbegriff "Harninkontinenz" leidet, der kann den Urinabgang aus der Blase nicht mehr willentlich kontrollieren. Kommt es bereits bei geringer Belastung zum starken Urinverlust, bietet der künstliche Schließmuskel die beste Behandlungsmöglichkeit.

Inkontinenz – noch immer ein Tabu

Einmal herzlich gelacht, gehustet oder geniest und schon ist es passiert: Bei vielen Betroffenen gehen dann nur ein paar Tröpfchen Urin ab. Diese Form der Inkontinenz lässt sich mit speziellen Vorlagen oder Einlagen noch unbemerkt abfangen. Doch bei vielen der rund fünf Millionen Patienten mit Inkontinenz entleert sich die Blase dann fast vollständig, und das lässt sich meist nicht verbergen. Die Folge: Die Betroffenen ziehen sich immer mehr zurück, meiden Sport, Spaziergänge oder den gemütlichen Abend mit Freunden. Wer unter Blasenschwäche, im Fachbegriff „Harninkontinenz“ leidet, der kann den Urinabgang aus der Blase nicht mehr willentlich kontrollieren. Häufig wird die Erkrankung als Frauenleiden abgetan, doch rund ein Drittel der Betroffenen sind Männer.

Unterschiede bei der Inkontinenz

Ob Mann oder Frau, eine erhebliche Inkontinenz führt zu einer starken Beeinträchtigung der Lebensqualität, weil man über die Erkrankung kaum reden kann und will, und die Betroffenen sich immer mehr aus dem sozialen Leben zurückziehen. Ärzte unterscheiden verschiedene Formen der Harninkontinenz. Bei einer Dranginkontinenz (auch Syndrom der überaktiven Blase) ziehen sich die Muskeln der Blasenwand grundlos zusammen. Das führt zu einem unerträglichen Harndrang und zu unwillkürlichem, meist schwallartigem Abgang von Urin. Dagegen kommt es zur so genannten Belastungsinkontinenz (auch Stressinkontinenz) durch eine Schwächung bzw. eine Schädigung des Schließmuskels am Ausgang der Blase. Bei Frauen ist das häufig nach Geburten, nach Gebärmutterentfernung und durch die Gewebeerschlaffung als Folge des Östrogenmangels nach den Wechseljahren der Fall. Schon geringe körperliche Belastungen führen zu ungewolltem Harnverlust.

Dauerhafte Inkontinenz nach Prostataentfernung möglich

Bei Männern dagegen ist die Inkontinenz eine gefürchtete Nebenwirkung nach der radikalen Prostataentfernung, beispielsweise bei der Behandlung von Prostatakrebs. Da die Vorsteherdrüse einen wesentlichen Anteil am Schließmechanismus der Blase hat, kommt es bei fast jedem Betroffenen nach der Operation meist vorübergehend zur Blaseninkontinenz. Der Urin kann direkt nach der OP nicht gehalten werden. Deshalb werden die Patienten bereits im Krankenhaus und vor allem in der anschließenden Reha in Übungen zur Beckenbodengymnastik unterwiesen, so dass die Patienten wieder kontinent sind. Allerdings ist der Beckenboden ebenso ermüdbar wie die Muskeln in Armen und Beinen, deshalb kann die Blasenschließfunktion auch noch Wochen und Monate später nach größeren Belastungen oder am Abend eingeschränkt sein. Selten bleibt eine dauerhafte, starke Inkontinenz. Das hängt sehr vom individuellen Befund und den Erfahrungen des Operateurs ab.

Weitere Ursachen für eine Blaseninkontinenz:

  • Harnwegsinfektionen/Blasenentzündungen
  • Tumore der Blase und/oder der ableitenden Harnwege
  • Bandscheibenvorfälle
  • Krankheiten des zentralen Nervensystems wie Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Demenzerkrankungen, Hirntumore oder als Folge eines Schlaganfalles
  • Blasensteine, Steine in den ableitenden Harnwegen
  • Medikamente wie Diuretika, Antidepressiva und Neuroleptika, ebenso Alkohol

Drei Schweregrade

  • Grad 1- Tritt bei starker Belastung auf, wenig Urinverlust. Hier wird zunächst konservativ behandelt, indem durch gezielte Übungen der Beckenboden und der Schließmuskel trainiert werden.
  • Grad 2- Tritt bereits bei mittlerer Belastung auf, dabei deutlicher Urinverlust. Die Therapie beinhaltet ein gezieltes Beckenbodentraining, dazu kommen Medikamente aus der Gruppe der Antidepressiva mit einem Wirkstoff, der den Tonus (die Spannung) des Schließmuskels steigert.
  • Grad 3 - Tritt schon bei geringfügiger Belastung oder sogar spontan ohne Anstrengung auf. Starker Urinverlust, hier hilft letztlich nur eine Operation.

Künstlicher Schließmuskel schafft ein neues Lebensgefühl

Es gibt verschiedene OP-Verfahren, um eine Blaseninkontinenz zu beheben oder zumindest maßgeblich zu bessern. (OP-Verfahren bei Grad 2 siehe unten). Kommt es bereits bei geringer Belastung zum starken Urinverlust (Grad 3), bietet der künstliche Schließmuskel die beste Behandlungsmöglichkeit. Bereits seit 1980 werden solche Operationen durchgeführt. Inzwischen sind die künstlichen Systeme immer besser in ihrer Funktion und Verträglichkeit. Gleiches gilt für die Erfolgsrate, denn 75 bis 90 Prozent der Patienten können nach der Implantation eines künstlichen Schließmuskels ihren Urin wieder halten. Das System kann bei Frauen wie Männern eingepflanzt werden und besteht aus drei Komponenten:

  1. einer Manschette um die Harnröhre, die mit Wasser oder Kontrastmittel befüllt werden kann.
  2. einem Reservoir im Unterbauch, in das die Flüssigkeit aus der Manschette bei der Blasenentleerung zurückfließt
  3. einer Pumpe im Hodensack, die zur Blasenentleerung per Hand betätigt werden muss

Und so funktioniert´s

Alle drei Bestandteile sind durch ein Schlauchsystem miteinander verbunden. Die meiste Zeit liegt die flüssigkeitsgefüllte Manschette um den Blasenhals und verschließt so die Blase. Soll die geleert werden, drückt der Patient auf die Pumpe im Hodensack (bei Frauen wird sie in die Schamlippen eingepflanzt). Dadurch wird die Flüssigkeit von der Manschette in das Reservoir verschoben, der Blasenverschluss öffnet sich und die Blase kann entleert werden. Danach wird die Manschette wieder automatisch mit Flüssigkeit gefüllt und hält für Stunden dicht. Die Operation ist sowohl in Vollnarkose als auch Teilnarkose möglich und dauert rund eine Stunde. Bei Männern wird ein Schnitt am Hodensack gemacht, bei Frauen einer im Unterbauch. Direkt nach der OP ist noch etwas Geduld gefragt, denn das System ist erst nach etwa sechs Wochen eingeheilt und wird dann erst durch den Urologen aktiviert.

Geringe OP-Risiken

Da der Schließmuskel aus Kunststoff ist, ist die am meisten gefürchtete Komplikation eine Infektion während oder kurz nach dem Eingriff. Sorgfältige Hygiene sollte das Risiko minimieren. Die Infektionsraten liegen Klinikabhängig bei 2 - 10 Prozent. Und natürlich hält das System nicht ewig. Der Verschlussdruck kann im Laufe der Jahre geringer werden. Der Durchmesser der Harnröhre kann sich verkleinern, dann schließt die Manschette nicht mehr so gut. Meist aber halten die Systeme länger als zehn Jahre. Bei Bedarf können sie durch eine erneute Operation ersetzt werden. Damit alles gut und möglichst ohne Komplikationen abläuft, sollten sich die Betroffenen an ein Zentrum wenden, in dem regelmäßig solche Eingriffe gemacht werden (Kontinenz- und Beckenbodenzentrum). Denn mit der Erfahrung werden Komplikationen seltener und die Patienten sind in der Regel zufriedener. Deshalb im Bekanntenkreis umhören, sich Rat und Hilfe bei Selbsthilfegruppen einholen und den Urologen fragen, wo er / sie sich in einem solchen Fall operieren ließe.

Weitere Informationen

Links

Selbsthilfeverein (ehrenamtlich), an den sich nach eigenen Aussagen jährlich rund eine Million Bundesbürger mit ihren Fragen wenden. Ziel ist es, aktiv zur Verbesserung der Lebensumstände von Betroffenen beizutragen. Neben aktuellen Infos und Tipps sind die Adressen der bundesweiten Kontinenz- und Beckenbodenzentren aufgelistet. Kernstück ist ein Forum, in dem sich Betroffene untereinander austauschen können:

  • www.inkontinenz-selbsthilfe.com/


Auch auf den Webseiten der Deutschen Kontinenzgesellschaft können Betroffene und Interessierte nach Ärztlichen Beratungsstellen, Kontinenz- und Beckenbodenzentren sowie nach Rehakliniken suchen:

  • www.kontinenz-gesellschaft.de/Patienten.4.0.html


Infos zum Thema und vor allem den verschiedenen Systemen zu Kontinenzerhaltung bzw. Wiedergewinnung auf den Internetseiten des Wirtschaftsverbandes BVMed - Bundesverband Medizintechnologie e.V.:

  • www.bvmed.de/de/versorgung/krankenhaus/inkontinenz-mann-frau/harninkontinenz-mann/mann-harn-kuenstlicher-blasenschliessmuskel


Privat geführte Seite eines Betroffenen zum Thema Prostatakrebs, der hier seine selbst zusammengetragenen Informationen zusammenstellt. Die Infos sind auf dem neuesten Stand, gut verständlich auch für medizinisches Laien; kann Interessierten zur Meinungsbildung dienen:

  • http://prostatakrebs-tipps.de/
Ende der weiteren Informationen
Weitere Informationen

Selbsthilfegruppe zur Inkontinenz in Hessen:

Wiesbaden:
Treffen jeden 2. Mittwoch im Monat, 15:30 Uhr
St. Josefs-Hospital, Saal 7, 7. Stock
Beethovenstr. 20
65187 Wiesbaden
Ltg: Sabine Kubath, c/o Gemeinschaftspraxis Dres. Weidenfeld/Heseding
Langenbeckplatz 2
65189 Wiesbaden

Mittelhessen:
Inkontinenz Selbsthilfe e.V.
Kirchgasse 9
35305 Grünberg–Harbach
Kontakt über Telefon: 06401 225351

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Autorin: Eva Maria Siefert

Sendung: hr-fernsehen, "service: gesundheit", 23.11.2017, 18.50 Uhr