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Die Augen sind rot, tränen, die Nase läuft – viele Hessen können den sommerlichen Frühling derzeit nicht richtig genießen. Denn sie leiden unter einer Pollenallergie. Und befinden sich dabei in guter Gesellschaft.

Jeder vierte Deutsche ist betroffen. In 30 Jahren könnte es sogar jeder Zweite sein, fürchten Allergieexperten. Hinter einer Allergie steckt eine wichtige Reaktion unseres Abwehrsystems, die lange einen Evolutionsvorteil bedeutete. Denn die superschnelle Alarmierung und Körperreaktion schützte uns vor lebensbedrohlichen Keimen, Parasiten oder giftigen Substanzen. Nicht zuletzt durch die Klimaerwärmung fliegen Pollen nun beinahe ganzjährig. Immer neue Obst- und Gemüsesorten oder hochentwickelte Lebensmittel enthalten oft Stoffe, die unser Abwehrsystem als fremd identifiziert und mit aller Macht bekämpft. Und in diesem Jahr lässt der Frühling Pollenallergiker besonsers leiden: Die hohen Temperaturen lassen die Pflanzen förmlich in die Höhe sprießen und frühblühende Bäume fast gleichzeitig blühen. Ein Alptraum für Allergiker.

Die Bagatellisierung von Allergien hat Folgen

Wer allergisch ist, fühlt sich krank und ist in seiner Leistungsfähigkeit und Lebensqualität oft erheblich eingeschränkt. Und zwar nicht selten wochenlang. Hinzu kommt, dass in der Gesellschaft und bei Ärzten und Krankenkassen Pollenallergien fast schon als Bagatelle gelten. Das zeigt sich auch daran, dass die Behandlung milder allergischer Symptome durch Antihistaminika von den Gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr bezahlt wird. Experten warnen schon lange vor den weitreichenden Folgen, denn Untersuchungen zeigen, dass Heuschnupfengeplagte eine um 30 Prozent verminderte geistige Leistungsfähigkeit und ein schlechteres Langzeitlernvermögen haben. Noch schlimmer trifft es beispielsweise Kinder mit Allergien. Die Allergiebeschwerden behindern sie beim Lernen. Nicht selten verpassen sie wichtigen Lernstoff. Nur zehn Prozent der Allergiker werden leitliniengerecht behandelt. Der Rest doktert selbst an den Symptomen herum. Obwohl zumindest Ärzte und Kassen wissen, dass aus vermeintlich harmlosen Allergien nicht selten ein oft lebensbedrohliches Asthma werden kann. „Etagenwechsel“ nennen das Allergologen, wenn sich die Allergie von Nase und Augen dann auf die Lunge ausbreitet und dort zu einer Verengung der Bronchien führt. Studien konnten zeigen, dass 40 Prozent der Babys mit Heuschnupfen später Asthma bekommen.

Kaskade von Körperreaktionen

Immer, wenn wir zum ersten Mal eine völlig neue Obstsorte probieren, ein Kleidungsstück aus unbekanntem Material tragen oder eine neue Creme benutzen, muss der Körper schnell einschätzen, ob die neuen Dinge fremd sind oder zum Körper gehören. Also harmlos oder vielleicht lebensgefährlich. Wird die Substanz als „fremd“ erkannt und so als potentiell gefährlich eingestuft, wird das umgehend in den Gedächtniszellen des Immunsystems abgespeichert. Bei diesem ersten Allergen-Kontakt werden zunächst Antikörper (AK) gebildet, meist sind es so genannte Typ-E-Immunglobuline (IgE). Diese IgE-Antikörper sind beim nächsten Kontakt mit dem Allergen sofort zur Stelle und aktivieren ihrerseits die Mastzellen des Immunsystems. Die Mastzellen heften sich an andere Zellen, die dann sofort reagieren: Sie schütten innerhalb von Millisekunden typische Botenstoffe aus, vor allem Histamine. Die verursachen eine erhöhte Durchlässigkeit der Zellwände, eine Weitstellung der Gefäße und eine Bronchienverengung: Die Haut wird rot, ein Ausschlag oder Quaddeln bilden sich, der Betroffene bekommt schlechter Luft, beim Atmen ist ein Pfeifen oder Piepsen hörbar.

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Häufige Allergene

  • Gräser- und Blütenpollen
  • Hausstaubmilben
  • Tierhaare
  • Nahrungsmittel
  • Schimmelpilze
  • Konservierungsmittel oder andere chemische Zusätze
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Allergieneigung wird vererbt

Ist die allergische Reaktion weniger ausgeprägt, kommt es zu Entzündungen an Haut und Schleimhäuten, besonders Augen und Nase, was zu typischen Beschwerden wie Augenjucken und Fließschnupfen führt. Bei Allergikern bilden sich mit jedem Allergen-Kontakt immer mehr Antikörper, wodurch die allergische Reaktion bei jedem Kontakt stärker wird (Allergien vom Soforttyp). Weil bei den Kontaktallergien (Nickel oder Duftstoffe) andere Abwehrzellen des Körpers alarmiert werden, verläuft die Immunreaktion langsamer und gleicht in ihrem Erscheinungsbild eher einer Entzündung. Ob jemand eine Allergie entwickelt, hängt auch von der Vererbung ab. Ist ein Elternteil Allergiker, hat das Kind ein 40prozentiges Allergierisiko. Bei beiden Elternteilen steigt es auf 60 Prozent.

Warum Birkenpollenallergiker auch auf Nüsse reagieren

Ob Pollen oder Obst oder eine Hautcreme… Grundsätzlich reagiert das Abwehrsystem nicht auf die komplette und komplexe Substanz, sondern nur auf einige markante Oberflächenmerkmale. Doch gerade darin können sich viele Substanzen gleichen, deshalb sind Kreuzallergien häufig. So haben Äpfel oder Nüsse ähnliche Strukturmerkmale wie Birkenpollen, weshalb Birkenpollen-Allergiker oft auch Symptome bekommen, wenn sie Nüsse oder Äpfel essen. Ganz ähnlich ist das übrigens auch mit Soja. Hier sollten Birkenpollenallergiker erst mal vorsichtig testen.

Dreck? – als Kind unbedingt!

Zwar checkt unser Abwehrsystem ein Leben lang jeden Kontakt zur Außenwelt, zu keinem Zeitpunkt aber so oft und intensiv wie im Kleinkindalter. Kleinkinder kennen keinen Dreck. Sie testen alles. Und das ist gut so, denn durch den Kontakt zu Erde, Schmutz, Mist oder heimischen Tieren erhält ihr Immunsystem wichtige Informationen. Leider kommen Kinder in heutiger Zeit zu selten in Kontakt zu Parasiten, weshalb dem Immunsystem wichtige Lerngrundlagen fehlen. Experten wissen inzwischen, dass vor allem Würmer für die Entstehung einer kompetenten Immunantwort von großer Bedeutung sind. Dass Kinder heutzutage so „sauber und rein“ aufwachsen, führt zu Schwächen in der Immunkompetenz. Und zu einer größeren Allergieneigung, vermuten Experten. Gestützt wird das beispielsweise durch vergleichende Beobachtungen von Kindern Schweizer Bergbauern mit Gleichaltrigen aus einer Großstadt: Die Großstadtkinder litten deutlich häufiger unter Allergien!

Dem Auslöser auf die Spur kommen

Die Standarduntersuchung für Allergien vom Soforttyp ist der sogenannte „Prick-Test“: Am Unterarm werden Testallergene (Milben, Pollen, Gräser, Tierhaare etc.) als Tropfen auf die Haut aufgetragen, die Haut wird zudem ganz oberflächlich angeritzt. Der Test, also die Allergiereaktion, ist dann positiv, wenn sich innerhalb von 5 - 60 Minuten (im Durchschnitt etwa 20 Minuten) eine rote, leicht erhabene und juckende Hautquaddel zeigt. Vor allem bei Nahrungsmittelallergien sind auch Blutuntersuchungen hilfreich. Hier lassen sich spezielle Antikörper („IgE“) nachweisen. Befürchtet der Arzt eine schwere allergische Reaktion (anaphylaktischer Schock) schon beim einfachen Prick-Test, kann der Allergienachweis auch mit spezifisch markierten Antikörpern im Reagenzglas erfolgen.

Die Behandlung von Allergien

Am besten wäre es natürlich, die allergieauslösende Substanz zu meiden. Das aber klappt bei vielen Allergenen wie beispielsweise auch Pollen nicht. Birkenpollen beispielsweise werden in der Blütezeit milliardenfach freigesetzt. Mit der Luft können sie bis zu 500 Kilometer weit fliegen. Regentage sind für Pollenallergiker eine Wohltat, weil die Pollen an den Regentropfen haften und sich bei Regen sowieso geringer verbreiten. Bei Fließschnupfen und tränenden Augen helfen so genannte Antiallergika. Beispielsweise aus Wirkstoffextrakten der Quitte oder Zitrone, die die Schleimhäute abschwellen lassen. So genannte Mastzellstabilisatoren (bspw. Cromoclycinsäure) verhindern die Freisetzung allergiefördernder Substanzen aus den Mastzellen. Antihistaminika sind Substanzen, die die Wirkung von Histamin, dem Schlüsselbotenstoff des Allergiegeschehens abschwächen oder aufheben, indem sie die Andockstellen des Histamins, die so genannten Histaminrezeptoren blockieren.

Bei leichter Allergie Mittel aus der Apotheke

Die Medikamente verringern zwar die Symptome, können aber die allergieverursachende Fehlprogrammierung des Immunsystems nicht verändern. Und deshalb auch nicht verhindern, dass aus Fließschnupfen und Co. ein handfestes Asthma wird. Ältere Präparate verursachen zudem eine ausgeprägte Müdigkeit, die vor allem für Autofahrer oder beim Bedienen von Maschinen problematisch ist. Etwas wirkungsvoller sind bspw. Nasensprays mit Kortison, weil das Kortison den Allergieprozess reduzieren oder stoppen kann. Auch das gibt es inzwischen schon rezeptfrei in der Apotheke. Bei stärkerer Allergie muss Kortison eingenommen oder gespritzt werden, was vor allem bei häufigerem Einsatz oder gar Dauertherapie zu erheblichen Nebenwirkungen führt: Ödeme, Schwangerschaftsstreifen/Bindegewebsrisse, Wassereinlagerungen im Gewebe, Gewichtszunahme, Bluthochdruck, Begünstigung von Diabetes, Osteoporose und Infekten.

Umerziehung des Abwehrsystems

Alternativ kommt bei vielen Allergien eine so genannte Hyposensibilisierung in Frage. Heißt im Fachjargon auch "spezifische Immuntherapie, SIT". Dadurch soll das Abwehrsystem die falsche Immunreaktion wieder verlernen. Nach einem genauen Schema wird der Allergiker in steigenden Dosen immer wieder kontrolliert dem Allergen ausgesetzt. Das muss oft unter die Haut gespritzt werden, kann aber auch auf die Mundschleimhaut geträufelt oder als Tablette geschluckt werden. Durch den wiederholten Kontakt mit der allergieauslösenden Substanz wird das Immunsystem unempfindlicher gegen das Allergen. Im besten Fall verschwindet die Allergie sogar ganz. In den meisten Fällen werden die Beschwerden aber deutlich geringer. Eine Hyposensibilisierung sollte nur von einem Arzt gemacht werden, der sich mit dieser Behandlungsmethode auskennt und mögliche überschießende Reaktionen ebenfalls rasch behandeln kann. In der Regel sind das Allergologen oder auf die Allergiebehandlung spezialisierte Ärzte. Besteht die Gefahr einer Anaphylaxie, ist oft zumindest zu Therapiebeginn eine stationäre Überwachung unumgänglich.

Alternative Behandlungsmethoden

Weniger aufwändig wäre dagegen ein Pflaster, das langsam und kontrolliert das Allergen an die Haut abgibt. Schweizer Forscher arbeiten daran seit einigen Jahren, andere Wissenschaftler an einer Impfung gegen Heuschnupfen. Über deutlich gemilderte Symptome berichten Pollenallergiker, die einen Nasenfilter benutzen. Der winzige Einsatz für das Nasenloch besteht aus Silikon. Auch alternative Behandlungsformen wie Akupunktur, TCM oder Phytotherapie kommen zum Einsatz und haben das Leiden vieler Allergiker schon erheblich mindern können. Beispielsweise wirken Tabletten mit dem Pflanzenextrakt der Pestwurzpflanze bei Pollenallergikern genauso gut wie ein Antihistaminikum.

Akupunktur bei Pollenallergie

Die Akupunktur ist ein Baustein der Traditionellen Chinesischen Medizin (kurz: TCM). Sie kann Symptome einer Allergie lindern und setzt langfristig die Empfindlichkeit der Nasenschleimhaut herab. Die Akupunkturnadeln setzt der Therapeut an unterschiedlichen Meridianen. Das sind in der chinesischen Medizin Energieleitbahnen, die durch unseren ganzen Körper verlaufen. Jede Nadel stimuliert so unterschiedliche Organe und Körperfunktionen. Sie lösen biochemische Reize aus und sollen dadurch den Körper wieder in Balance bringen, dessen Immunsystem durch die Allergene in Aufruhr geraten ist. Es laufen noch wissenschaftliche Studien, um diese Ergebnisse nachzuweisen, weshalb die Akupunktur bei Allergien bisher noch nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird.

Vorbeugung ist besser als Heilen

Das gilt gerade bei Pollenallergien, denn schon das Einhalten einiger Verhaltenstipps kann eine deutliche Linderung bewirken. Beispielsweise die Wohnung nur zu bestimmten Zeiten lüften, abhängig davon ob Sie in der Stadt oder auf dem Land leben. In ländlichen Gebieten fliegen zwischen 04:00 und 06:00 Uhr die meisten Pollen. Da sollten die Fenster zu bleiben und abends zwischen 19:00 und 24:00 Uhr gelüftet werden. Und für Stadtbewohner ist es genau umgekehrt!

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Weitere Änderungen bei Tagesablauf und Lebensgewohnheiten

  • Haare waschen vor dem Zu-Bett-Gehen
  • Bettwäsche öfters wechseln
  • getragene Kleidung sofort in die Wäsche geben. Jacken und Straßenschuhe draußen (Vorraum, Flur, Keller) aufhängen
  • öfter in der Wohnung Staub wischen, dabei aber selbst eine Schutzmaske tragen
  • Häufiger Staubsaugen. Der Staubsauger muss aber ein geschlossenes System oder einen Pollenfilter haben, der öfters gewechselt wird.
  • glatte Bodenflächen jeden zweiten Tag feucht wischen
  • kein Sport im Freien
  • Urlauben sie während der Heuschnupfenzeit! Am besten am Meer oder in den Bergen. Da nämlich finden sich kaum Pollen.
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Weitere Informationen

Kontaktadressen

Berufsverband Der Deutschen Dermatologen e. V. (BVDD)
Robert-Koch-Platz 7
10115 Berlin
Telefon: 030-24625353
Internet: www.uptoderm.de

Deutscher Allergie- und Asthmabund e. V. (DAAB)
An der Eickesmühle 15-19
41238 Mönchengladbach
Telefon: 02166-6478820
E-Mail: info@daab.de
Internet: www.daab.de

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Internetlinks:

Pollenkalender 2018 zum kostenlosen Download, zur Verfügung gestellt vom Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin

  • www.allergiecheck.de/pollenflug.html

Tagesaktueller Pollenkalender mit Standortbestimmung über Eingabe der eigenen Postleitzahl. Zudem gibt es zusätzliche, interessante Informationen. Seite wird finanziert von einem Pharmaunternehmen, die Inhalte sind jedoch objektiv und weitgehend werbefrei.

Das Netzwerk "Pollentrend" des DAAB, in dem Pollenallergiker ihre Beschwerden und deren Stärke regelmäßig für den eigenen aktuellen Standort melden. Dadurch ergibt sich eine tagesaktuelle Deutschlandkarte, je mehr Heuschnupfenmelder täglich aktiv sind, umso besser und genauer wird die Aussagekraft dieses Netzwerks.

Autorin: Eva Maria Siefert

Sendung: hr-fernsehen, "service: gesundheit", 19.04.2018 18:50 Uhr