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zum Video Unerwünschte Nebenwirkungen: Fluorchinolon-Antibiotika

Norfloxacin, Moxifloxacin, Ciprofloxacin oder Levofloxacin: Antibiotika mit der Silbe "flox" im Namen können gefährlich sein. Nicht nur Risse und Entzündungen an Sehnen oder Kribbeln und Taubheit können als seltene Nebenwirkungen auftreten: Auch Blutgefäße können durch diese Antibiotika angegriffen werden.

Die Gefäßwände werden instabil. Im schlimmsten Fall reißen sie und können zu einer inneren Verblutung führen. Die gefährlichen Nebenwirkungen können schon nach der Einnahme von wenigen Tabletten auftreten, manchmal sogar erst Monate nach dem Absetzen des Medikaments. Und sie verschwinden unter Umständen nie wieder.

Wirksame Waffe bei lebensgefährlichen Infektionen

1928 entdeckte der britische Bakterienforscher Alexander Flemming das Penicillin. Seitdem konnten hunderte Millionen Menschen, die unter schweren bakteriellen Infekten litten, gerettet werden. Die Liste der verschiedenen Antibiotika wurden vor allem in den 1950er und 1960er Jahren, immer länger. 1983 kam ein gänzlich Neues hinzu: Norfloxacin gehörte zur Gruppe der Fluorchinolone. Im Laufe der Jahre kamen mit Ciprofloxacin, Moxifloxacin und Levofloxacin weitere Arzneimittel der gleichen Wirkstoffklasse hinzu. Sie wirkten gut und lang im Körper und schienen gut verträglich – obwohl bereits in den 1990er Jahren etliche neu entwickelte Fluorchinolone gar nicht erst zugelassen wurden oder wieder vom Markt genommen wurden. Weil sie Leber und Nierenversagen verursachten, unter der Einnahme die Haut gegen Sonnenlicht extrem empfindlich wurde, der Zuckerstoffwechsel außer Kontrolle geriet, ernsthafte Nebenwirkungen am zentralen Nervensystem beobachtet wurden. Prinzipiell ist das nicht ungewöhnlich für ein lebensrettendes Medikament, zumal die Nebenwirkungen selten auftraten.

Zu oft bei banalen Infekten

Allerdings werden Fluorchinolone bei uns inzwischen wegen ihrer geringen Kosten und der breiten Wirkung längst auch bei eigentlich harmlosen Infekten immer häufiger verordnet. Erst dadurch wurde über die seltenen Nebenwirkungen häufiger berichtet, wurden sie offensichtlich: Es kann in seltenen Fällen zu Sehnenrissen, Nervenschmerzen oder Angstzuständen kommen, die Nebenwirkungen können sogar nach dem Absetzen des Medikaments monatelang oder auf Dauer bleiben. Und nicht nur das: Neue Studien zeigen, dass Betroffene nach der Einnahme von Fluorchinolonen ein erhöhtes Risiko haben, ein zu erleiden.

Nebenwirkungen, die schon nach wenigen Tabletten auftreten können:

  • Kribbeln im Gesicht und in den Händen
  • Taubheitserscheinungen, Schmerzen und Risse im Bereich der Sehnen
  • Muskelschmerzen
  • Angstzustände und Panikattacken
  • Leberschäden
  • Erweiterung vor allem großer Blutgefäße (Aneurysmabildung)

Gefahr für Riss der Aorta steigt

Ein Aortenaneurysma ist eine spindel- oder sackförmige Erweiterung der Hauptschlagader (Aorta), die in allen Abschnitten der Ader entstehen kann. Reißt die geschwächte Gefäßwand ein, kann der Betroffene in kürzester Zeit innerlich verbluten. In einigen Fällen können Fluorchinolone die Gefäßwand so verändern, dass eine Gefäßaussackung entsteht und im schlimmsten Fall einreißt. Die Wände der Hauptschlagadern haben eine ähnliche Struktur wie die Achillessehne. Wer nach Einnahme von Fluorchinolonen Beschwerden mit der Achillessehne hat, könnte auch Probleme mit der Aorta bekommen. In welchem Umfang das Risiko steigt, hängt von der Dauer der Antibiotika-Therapie ab. Nach einer 14-tägigen Anwendung eines Fluorchinolons stieg das Risiko einer Studie zufolge fast um das Dreifache. Wer ein Fluorchinolon einnehmen muss, sollte seinen Arzt darauf ansprechen, ob es sinnvoll ist, eine Ultraschalluntersuchung der Bauchaorta durchzuführen.

Umdenken nur langsam

In den USA stehen diese seltenen, aber massiven Nebenwirkungen fett gedruckt in den Beipackzetteln. Das hat die Arzneimittelüberwachungsbehörde FDA bereits 2016 angeordnet. In Europa ist die Anwendung dieser Mittel seit 2008 beschränkt. Deutliche Warnungen der europäischen Zulassungsbehörde EMA sowie der nationalen Zulassungsbehörden (bspw. das Bfarm in Deutschland) gibt es erst seit Mitte 2018. Fluorchinolone werden vor allem bei Lungen- und Harnwegsinfekten verordnet. Bei schwerkranken Patienten im Krankenhaus können sie manchmal die rettende Alternative sein. Oft und zu oft aber werden sie bei uns vor allem von den niedergelassenen Haus- und Fachärzten noch bei Patienten verordnet, die gar nicht so schwer krank sind oder bei denen andere, weniger nebenwirkungsreiche Antibiotika ebenfalls wirksam sind. Seit 1988 sind weit mehr als eine halbe Milliarde Menschen weltweit mit Fluorchinolonen behandelt worden. Nur bei wenigen traten o. g. Nebenwirkungen auf. Die aber waren teilweise so schwerwiegend, dass die Patienten bis heute unter den Folgen leiden.

Weiterführende Links:

Informationen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (bfarm) zu Fluorchinolonen. Inbegriffen ist auch ein Informationsteil, der sich speziell an Patienten richtet.

Internetforum von Betroffenen und gleichzeitig einer Interessenvertretung der Geschädigten, das im September 2016 gegründet wurde. Ziel ist es, einerseits fundierte Informationen zum Thema öffentlich zu machen, andererseits soll damit eine Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige geschaffen werden, die einen Erfahrungsaustausch ermöglicht.

Informative Seite rund um das Thema Antibiotika. Basis ist ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Verbundprojekt RAI (Rationale Antibiotikagabe durch Information und Kommunikation) im Rahmen von Infectcontrol2020. Wissen und Daten wurden von verschiedenen Instituten und Einrichtungen der Unis in Berlin und Jena geliefert, in der Hauptsache wird über Antibiotikaresistenz und deren Entstehung aufgeklärt.

Infoblatt für Patienten zum Thema Antibiotika und deren Einnahme, herausgegeben vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Bundesärztekammer (BÄK)

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Autorin: Eva Maria Siefert

Sendung: hr-fernsehen, "service: gesundheit", 07.03.2019 18:50 Uhr