Giftstoffe im Grundwasser, Feinstaub in der Luft, Chemie auf den Äckern – Umweltproblemen ist man täglich ausgesetzt. Ist die Situation wirklich so dramatisch? hr-Reporterin Nina Schmidt verschafft einen Überblick.

9 – Pflanzen als Luftstaubsauger
8 - Was bringt die Umweltzone?
7 -  Schiffsabgase: Die unterschätzte Gefahr
6 – Reifenabrieb: Gift fürs Wasser
5 – Wasserpflanzen als Giftschlucker
4 - Überfischung
3 – Gift auf dem Kartoffelacker
2 – Der Wald als Klimaanlage
1 – Städte im dramatischen Klimawandel

Klares Wasser, grüne Wiesen, saubere Luft – wer wünscht sich das nicht? Doch die Realität sieht leider oft anders aus. Umweltprobleme wohin man schaut: Giftstoffe im Grundwasser, Feinstaub in der Luft, Chemie auf den Äckern. Diese Umwelt-Gifte können nicht nur Tieren und Pflanzen schaden, sondern auch uns krank machen. Wie dramatisch ist die Lage? Und vor allem: Wie können wir uns davor schützen – oder die Entstehung von Schadstoffen vermeiden?

9 – Pflanzen als Luftstaubsauger

Saubere Luft
Kopfschmerzen, Probleme beim Konzentrieren, Schwindel: In Innenräumen herrscht häufig schlechte Luft. Die Ursache: Sauerstoffmangel oder gar Wohnraumgifte. Für Abhilfe können da Zimmerpflanzen sorgen, sagen Forscher der University‘s School of Psychology in Cardiff. Sie untersuchten erstmals, wie stark Pflanzen die Raumluft und damit die Arbeitsleistung beeinflussen. Ort der Studie: zwei Bürogebäude in London und im niederländischen Zwolle. Über acht Wochen im Vergleich: die gewohnt funktionalen und pflanzenlosen Arbeitsräume – und Büros, die extra begrünt wurden. Und zwar mit einer Mischung aus über 60 gängigen Zimmerpflanzen. Jeder Mitarbeiter in den begrünten Büros sollte mindestens zwei Pflanzen im Blick haben. Doch wie können die das Raumklima beeinflussen?

Sauerstoffspender
Pflanzen geben durch Transpirieren viel Wasser ab. Wichtig vor allem im Winter, wenn die Büroheizung für zu trockene Luft sorgt. Außerdem  produzieren Pflanzen Sauerstoff mit Hilfe der sogenannten Photosynthese.  Dafür brauchen sie verschiedene Bausteine: Den grünen Farbstoff Chlorophyll, der hauptsächlich in den Blättern vorhanden ist. Licht, welches das Chlorophyll in chemische Energie umwandeln kann. Wasser aus dem Boden und Kohlendioxyd aus der Luft, das über die Blätter aufgenommen wird. Über eine chemische Reaktion verändert das Chlorophyll mithilfe des Lichts das Wasser und CO2. Dabei entsteht Glucose, also Traubenzucker, den die Pflanze zum Wachsen braucht.  Und – quasi als Abfallprodukt – Sauerstoff. Den gibt die Pflanze an ihre Umwelt ab. Jedenfalls tagsüber.

Bogenhanf für die Nacht
Nachts dagegen verbrauchen die meisten Pflanzen Sauerstoff und geben Kohlendioxid ab, was die Luft stickig macht. Doch es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel den Bogenhanf. Er nimmt, nachts wenn wir schlafen, CO2 auf. Und das macht ihn zu einem fabelhaften Genossen im Schlafzimmer.

Efeutute gegen Wohnraumgifte
Manche Zimmerpflanzen können sogar noch mehr: Die Efeutute zum Beispiel filtert Wohngifte aus der Luft, die aus Teppichen, Elektrogeräten und Möbeln ausdünsten können. Über ihre Blätter kann sie verschiedene Gase aufnehmen, neben Co2 auch Giftstoffe wie Benzol oder das krebserregende Formaldehyd. Die Pflanze zerlegt die Gase direkt in den Blättern und wandelt sie in ungiftige Nährstoffe um. Oder sie transportiert sie in ihre Wurzeln, wo sie den dort lebenden Mikroorganismen, sogenannten Wurzelmikroben, als Nahrung dienen. 

Auch Chrysanthemen oder der Baumfreund, besser bekannt als Philodendron, sind sehr gute Luftstaubsauger und können die Konzentration von Schadstoffen in Wohnräumen verringern.

Gutes "Betriebsklima"
Wie stark Pflanzen auf unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit wirken, haben die britischen Forscher eindrücklich in ihrer Studie nachgewiesen. Nach acht Wochen mussten die Studienteilnehmer Fragen zu ihrem Büroalltag beantworten und verschiedene Aufgaben lösen. Das Ergebnis: Die Mitarbeiter fühlten sich in den grünen Büros nicht nur wohler, sie waren auch in den Tests schneller, ohne gleichzeitig mehr Fehler zu machen. Ihre  Produktivität  lag um 15 Prozent höher als bei den Mitarbeitern in den pflanzenfreien Räumen.  

Fazit: Grünpflanzen können die Luft zwar nicht komplett reinigen. Aber je mehr Pflanzen, desto besser das "Betriebsklima" und umso wohler fühlen wir uns. Das gilt natürlich auch für die eigenen vier Wände. Forscher empfehlen grob gerechnet zwei Pflanzen pro Raum. Wenn Sie empfindlich gegen bestimmte Pflanzen sind, sollten Sie vorsichtshalber einen Allergietest machen lassen.

8 - Was bringt die Umweltzone?

Pro und Contra
In unseren Citys herrscht häufig dicke Luft. Städte wie Frankfurt  setzen deshalb auf die Umweltzone. Seit 2012 sind grüne Plakette und Rußpartikel-Filter Pflicht. Doch wird die Luft dadurch wirklich sauberer? Forscher des Dresdner Fraunhofer-Instituts bezweifeln das. Professor Matthias Klingner ist überzeugt, dass die Feinstaubproblematik mit Umweltzonen nicht zu lösen ist. Seine Analysen zeigen: Je wärmer die Tage, desto mehr Feinstaub wird in der Stadt gemessen - obwohl der Autoverkehr gleich bleibt. Daraus schließt Matthias Klingner, dass die Feinstaubbelastung durch den Verkehr so gut wie nicht beeinflusst wird.

Alfred Wiedensohler vom Leibnitz-Institut für Troposphärenforschung hingegen ist ein Befürworter der Umweltzone. Er sagt: Auch wenn der Verkehr nicht der Hauptverursacher des Feinstaubes ist, ist er doch verantwortlich für die besonders schädlichen Ruß-Anteile. Deshalb haben nach seiner Überzeugung die Umweltzonen unter gesundheitlichem Aspekt viel gebracht. Seine Messungen belegen: Im Mittel ist durch die Umweltzone der Rußanteil um 50% gesenkt worden und damit die Gefährlichkeit des Feinstaubs.

Großer Handlungsbedarf
In Frankfurt zeigt sich sogar, dass nicht nur der Rußanteil sinkt. Seit Einführung der Umweltzone ging hier auch die Feinstaubbelastung insgesamt stetig zurück. Ein anderes Problem hingegen ist aber auch in Frankfurt noch nicht gelöst: die hohe Stickstoffdioxidbelastung. Sie liegt noch immer deutlich über dem erlaubten Grenzwert der EU. Der Jahresmittelwert hat sich seit Einführung der grünen Plakette kaum verbessert. Seit Bekanntwerden des Dieselskandals ist nun auch klar, warum das so ist. Der Großteil der Dieselfahrzeuge stößt im Normalbetrieb deutlich mehr Stickoxide aus als in den Prüfstandtests, in denen eine Schummel-Software niedrige Werte vorgaukelte.

In Frankfurt versucht man jetzt auf vielerlei Art, die Stickstoffdioxid-Belastung zu reduzieren. Mit attraktiverem Nahverkehr, dem Ausbau der Radwege und mit Elektroautos für die kommunale Flotte will Frankfurt Akzente setzen.

City-Verbot für "Stinker?"
Genug ist das aber noch nicht. Experten sehen nur eine echte Alternative: Die Verbannung von älteren Dieselfahrzeugen aus den Innenstädten. Ihr Vorschlag: die Einführung einer Blauen Plakette – nur für Diesel-PKW mit neuester Technologie. Faktisch wäre dann ein Großteil aller Dieselautos aus den Umweltzonen verbannt.

7 -  Schiffsabgase: Die unterschätzte Gefahr

Dicke Luft  herrscht aber nicht nur in Städten, sondern auch da, wo wir es gar nicht vermuten: auf Flüssen und Meeren. Aus den Schornsteinen von Kreuzfahrt- und Containerschiffen quillt ein extrem gesundheitsschädliches Gemisch aus Schwefeldioxid, Stickoxiden und Ruß. Das verpestet nicht nur die Luft an Küsten, sondern auch weit im Landesinneren.  

Dicke Luft durch Schweröl
Dr. Volker Matthias und Dr. Andreas Weigelt vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht messen regelmäßig die Schadstoffbelastung am Hamburger Elbufer. Jedes vorbeifahrende Schiff bringt die empfindlichen Instrumente der Messstation an die Anschlagsgrenze. Und das, obwohl Schiffe auf dem Weg zum Hamburger Hafen seit 2015 nur noch vergleichsweise sauberen Treibstoff verbrennen dürfen. Maximal 0,1 Prozent Schwefel darf der enthalten. Klingt sauber, ist aber immer noch 100 mal mehr als in normalem Auto-Diesel. Zu regelrechten Dreckschleudern werden die Ozeanriesen dann aber auf hoher See. Denn da dürfen sie den billigsten und giftigsten Kraftstoff verbrennen, den es überhaupt nur gibt: Schweröl. Die zähflüssige Masse enthält hohe Anteile an Schwefel, Asche und Schwermetallen. Beim Verbrennen gelangt all das in unsere Atmosphäre.

Selbst Deutschlands Mitte ist betroffen
Die Schiffsabgase ziehen aber nicht nur weit landeinwärts. Sie werden dort sogar noch gefährlicher. Denn Stickoxide aus den Schiffsdieseln reagieren mit Luftschadstoffen aus der Landwirtschaft und zusammen befördern sie die Feinstaubbildung.

Feinstaub, der sich zusätzlich zum Ruß aus den Schiffsschloten bildet, und der nicht nur in Küstennähe die Luft verpestet, sondern der bis 500 Kilometer landeinwärts nachweisbar ist. Der Nordseebereich kann so vom Ärmelkanal beeinflusst werden oder Mitteldeutschland von der Nordseeküste. Abhilfe könnten Katalysatoren oder eine andere Antriebstechnologie, wie zum Beispiel Flüssiggas, schaffen. Diese Maßnahmen könnten erheblich zur Reduktion von Stickoxiden beitragen.

Alternative LNG
Solches Flüssiggas benutzt zum Beispiel das Fährschiff "MS Helgoland".  Als erster deutscher Seeschiff-Neubau überhaupt wird sie mit Flüssiggas angetrieben, dem sogenannten LNG. Das durch extreme Abkühlung verflüssigte Erdgas wird vor der Verbrennung langsam erwärmt und dann direkt in die Antriebsmotoren eingespritzt. 

Im Vergleich zu herkömmlichen Kraftstoffen reduziert der LNG-Antrieb den  Stickoxid-Ausstoß um rund 80 Prozent, die Feinstaubemissionen sinken praktisch auf null. Schwarze Abgasfahne adé! Einmal pro Woche muss die Fähre Treibstoff bunkern. Die vergleichsweise kleine Menge Tiefkühl-Gas lässt sich noch per Tankwagen liefern. Eine flächendeckende Infrastruktur zur Betankung von Großschiffen aber müsste erst aufgebaut werden.

Auch Passagiere reisen gefährlich
Übrigens: Die Abgase sind nicht nur für die Anrainer eine Riesenbelastung, sondern auch für die Menschen auf den Schiffen selbst. Ein Kamerateam hat auf einem Kreuzfahrtschiff Luftproben entnommen und die Qualität messen lassen. Das erschreckende Ergebnis: Die Belastung mit Ruß und anderen Feinstaubpartikeln war dort vier bis zehn Mal so groß wie auf einer stark befahrenen Großstadtkreuzung!

6 – Reifenabrieb: Gift fürs Wasser

Sauberes Wasser
Von Giftstoffen in Gewässern haben wir schon oft gehört. Aber eine Schadstoffquelle hat bisher kaum einer im Blick: das Auto. Denn in Reifen, Bremsbelägen und Kupplungen steckt ein Chemie-Cocktail, der bei jeder Fahrt freigesetzt wird. Und nicht nur in die Luft, sondern auch ins Wasser gelangt. Insgesamt verlieren Autoreifen in Deutschland jedes Jahr geschätzt über 100.000 Tonnen giftiges „Gummimehl“. Und dieser Gift-Mix hat es in sich: Cadmium, Blei, Kupfer, Weichmacher, Stabilisatoren, Zink. Allein an Zink gelangen jährlich 1600 Tonnen in die Umwelt. Bisher ist nur wenig dazu bekannt, wie gefährlich es ist, wenn diese Abriebe in unsere  Gewässer gelangen.

Abrieb schadet Wasserwelt
Der größte Teil der Abriebe landet am Straßenrand. Doch Luft und Regen spülen den Straßenstaub auch in angrenzende Gewässer. Inklusive Schadstoffe. So werden etwa in einigen Abschnitten der Wupper die Grenzwerte für Zink und Kupfer regelmäßig überschritten. Das bedeutet: Wasserorganismen können Schaden nehmen. Aber auch die Abriebpartikel selbst sind eine Gefahr. Sie bilden nämlich den Großteil der Mikropartikel, die in den Gewässern schwimmen. Ein ernstzunehmendes Problem, da sie zum Beispiel in den Organismus von Fischen gelangen können. Sind die Schadstoffe in den Abrieben also eine bislang unterschätzte Gefahr?  Bei den zuständigen Behörden sah man bisher keinen Handlungsbedarf.

Hersteller geben Entwarnung
Und was sagt die Reifenindustrie? Continental, einer der Global Player am Markt forscht an alternativen Rezepturen – auch an umweltfreundlicheren. Aber ist der derzeitige Abrieb ein Risiko? Continental und zehn weitere, weltweit führende Reifenhersteller haben hierzu Untersuchungen in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: die Reifen- Abriebspartikel hätten nach heutigem Kenntnisstand keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt.

Es bleiben Zweifel
Das Umweltbundesamt weist aber ausdrücklich auf Gefahren  für Umwelt und Gesundheit hin. Das Problem: Es gibt bisher kaum unabhängige Studien zu den Folgen des Reifenabriebs. Erst sie könnten wirklich Klarheit schaffen.

Unser Tipp: Um den Reifenabrieb zu reduzieren, kann jeder Autofahrer etwas tun: Vorausschauend fahren. Also nicht zu stark bremsen und nur moderat beschleunigen. Das verhindert Abrieb und spart nebenbei auch noch Sprit!

5 – Wasserpflanzen als Giftschlucker

Weltweit sind immer mehr Gewässer mit Schadstoffen, Medikamenten und Giften belastet. Die Wasserverschmutzung gilt als eines der größten Probleme der Menschheit. Prof. Stephan Pflugmacher vom Berliner Institut für Ökotoxikologie und seine Kollegen fanden nun heraus:  Wasserpflanzen können Dreckwasser in Trinkwasser verwandeln! Für ihre Versuche sammelten die Wissenschaftler Pflanzen unter anderem in einem extrem verschmutzten Stausee in Brasilien. Im Labor testeten sie dann, welche dieser Pflanzen welchen Giftstoff effektiv entfernen kann.

Pflanze baut Gift um
Denn: Gelangen in einem verschmutzten Gewässer Giftstoffe über Blätter und Stiele in die Pflanze, versucht diese sich gegen den Fremdstoff zu wehren. Dazu mobilisiert sie pflanzeneigene Proteine und Enzyme. Diese heften sich an die Schadstoffe und verändern deren biochemische Eigenschaften. Das Gift wird dadurch für die Pflanze nutzbar. Als Bau- und Nährstoff kann es in die Zellwände eingebaut werden. Das Ergebnis: die Pflanze wächst. Soweit die Theorie.

Aber schaffen es die Pflanzen auch tatsächlich extrem vergiftetes Wasser zu reinigen? Ja! In der massenspektrometrischen Analyse konnten die Berliner Forscher nachweisen, dassPflanzen wie Hornkraut, Wasserpest und Tausendblatt verschiedene Schadstoffe vollständig eliminieren können.

Wirkung nicht nur im Labor
Doch klappt das, was im Labor so gut funktioniert, auch in der freien Natur? Ein großangelegter Versuch am Itaparica-Stausee in Brasilien hat es bewiesen. Das 180 Quadratkilometer große Gewässer war durch die Abwässer zahlreicher Fischfarmen extrem verseucht - mit Medikamenten, giftigen Bakterien und anderen Schadstoffen. Die von den Forschern ausgewählten Wasserpflanzen kamen in große Becken, in die das giftige Abwasser der Fischfarmen hinein geleitet wurde. Und tatsächlich: Innerhalb von nur drei Tagen war das Wasser wieder sauber. Durch mehrere solcher Anlagen ist die Wasserqualität heute im gesamten See wieder gut.

Pflanzen-Recycling
Doch was passiert dann mit den schadstoffbelasteten Pflanzen. Eigentlich sind sie Sondermüll. Aber Prof. Pflugmacher hat auch für dieses Problem eine Idee: sie können zum  Mikromining genutzt werden, zum Beispiel wenn sie Schwermetalle aufgenommen haben. So könnte man Kupfer aus ihnen wieder herausholen und als Rohstoff verwenden. Oder die Pflanzen werden in eine Bioethanol-Anlage eingespeist und somit Kraftstoff aus ihnen gewonnen.  

Das nächste Projekt der Berliner Wissenschaftler ist auch schon fertig - zumindest als Modell: Eine mobile „Grüne Leber“. In einem umgebauten LKW sollen verschiedene Wasserpflanzen schnell und günstig Wasser entgiften. 500 Liter sauberes Trinkwasser pro Tag könnten so gewonnen werden. Und damit überall auf der Welt Menschen die Lebensgrundlage sichern.

4 - Überfischung

Gifte im Wasser schaden natürlich auch den Fischen. Die Bedrohung der Fischbestände hat aber größtenteils eine andere Ursache: die weltweite Überfischung. Mittlerweile ist jede fünfte Art vom Aussterben bedroht.

Beispiel: Blauflossenthunfisch. Noch gibt es sie. Doch wenn sie zum Laichen vom Atlantik ins Mittelmeer ziehen, warten schon die Fischfangschiffe auf die bestandsgefährdeten Tiere. In großen Transport-Käfigen wird ein Teil von ihnen zu Mastanlagen geschleppt. Dort werden sie mit Fischresten fett gefüttert, danach geschlachtet. Das Problem: Bislang konnte kaum überprüft werden, wie viel Kilo Fisch sich tatsächlich in den Mastbecken befand.

Mit Kamera auf "Fischjagd"
Marvin Seguna von der Fischereiaufsicht will das ändern. Mit einer sogenannten Stereoskopkamera taucht er zu den Fischen herunter. Mit dieser neuen Wunderwaffe der EU lässt sich genau dokumentieren, wie viele Neuankömmlinge vom Transportkäfig in den Mastkäfig schwimmen und wie groß die Tiere sind. Das ist überlebenswichtig für den Blauflossenthunfisch. Denn trotz der Fangquoten und EU-Kontrollen gab es eine Lücke im System: Immer wieder landete viel zu viel Fisch in den Mastbecken. Die wildlebenden Bestände brachen zusammen.

Zu viel Fisch gefangen
Nach dem Tauchgang wertet Marvin Seguna im Kontrollraum die Videos aus und vermisst exakt jeden einzelnen Fisch: Mit einem Mausklick können Sie die Markierungen setzen, die Software berechnet dann die Entfernung zwischen Kamera und Fisch und daraus lässt sich das exakte Gewicht des Tieres berechnen.“, erklärt er. Eine Sisyphusarbeit. In der von ihm überprüften Farm sind 67 Tonnen Fisch zu viel im Becken. Das heißt: 526 Thunfische müssen freigelassen werden. Wieder kommt die Stereoskop-Kamera zum Einsatz. Diesmal, um die Zahl der Thunfische zu bestimmen, die freigelassen werden. Am Bildschirm verfolgen die Kontrolleure jedes einzelne Tier. Der Schwarm im Wert von fast 1,2 Millionen Euro darf in die Freiheit schwimmen. 

Wie steht es um andere Fische?
Und wie sieht die Situation bei anderen Speisefischen aus? Etwa beim Hering? Der beliebteste Speisefisch der Deutschen war bis vor wenigen Jahren ebenfalls stark überfischt. Doch strikte Fangquoten der EU haben zumindest zu einer Erholung der Bestände geführt. Heute ist das Problem eher der Beifang, der wieder ins Meer geworfen wird. Denn ein Fischer darf nur den Fisch anlanden, für den er eine Fangerlaubnis hat – und so gehen all die andern Fische oft wieder über Bord. Schlimmer noch: Beim sogenannten High Grading wird sogar eigentlich einwandfreier Hering weggeworfen, um Ladekapazität  für besonders große und rentable Heringe zu haben.

Deshalb gelten seit Anfang 2015 strengere Regeln, damit der Beifang nicht mehr einfach so entsorgt werden kann. Aber wie will man überprüfen, was auf hoher See tatsächlich passiert? 

Kontrolle durch Videoüberwachung
Die Lösung sollen auch hier Kameras bringen, die auf Deck und über der Schlachtmaschine installiert sind. Rund 400 deutsche Schiffe sollen mit diesen Kameras ausgerüstet werden, kleine Kutter genauso wie Hochseetrawler. So ließe sich weitgehend überwachen, was an Bord mit dem gefangenen Fisch passiert. Das Problem dabei: Bislang ist nicht geklärt, wer die Videos überhaupt auswerten soll. Tausende Stunden an Bildmaterial fallen an, die nachträglich kontrolliert werden müssen. Eine Software soll deshalb zukünftig automatisch erkennen, wann auf dem Video Fisch über Bord geworfen wird. Wie erfolgreich diese Methode allerdings ist, muss sich in der Praxis erst noch zeigen. Immerhin: Die Kameras sind ein Beitrag, um das Wegwerfen des Beifangs zu reduzieren und damit die Fischbestände besser zu schützen.

Fangquoten und Siegel
Fest steht: Das Einführen von Fangquoten schützt bedrohte Fischarten. Dass sich das lohnt, zeigt das Beispiel der Scholle, die noch vor zehn Jahren extrem überfischt war und deren Bestand nun wieder auf Höchstniveau ist. Beim Lachs und dem Alaska-Seelachs gilt das gleiche. Aber: Es gibt große Unterschiede,  je nachdem, wo die Fische gefangen werden.

Unser Tipp: Von welchem Fisch Sie eher die Finger lassen sollten, können Sie s gut verständlich im Fisch-Einkaufsratgeber des WWF lesen. Und: Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte beim Einkauf auf das ASC- oder MSC-Siegel achten. Diese Siegel garantieren, dass der Fisch nachhaltig gefischt wurde.

3 – Gift auf dem Kartoffelacker

Saubere Erde
Nicht nur das Meer liefert uns Nahrung. Auch Äcker und Böden ernähren uns. Da wundert es umso mehr, wie wir manchmal mit unserer Erde umgehen.

Trister Acker
Ein Kartoffelacker in Südhessen. Bis vor kurzem sahen die Pflanzen noch gesund aus. Doch wenige Tage später: ein trostloses Bild. Alle Pflanzen verdorrt. Der Verdacht: Hier wurden Entlaubungsmittel eingesetzt.  Der Bauer, dem das Feld gehört, möchte vor der Kamera dazu nichts sagen. Deshalb nehmen wir Proben, um herauszufinden, ob hier tatsächlich mit Chemie nachgeholfen wurde. Drei verschiedene Wirkstoffe kommen dafür in Frage. Darunter: Diquat.

Giftig und dennoch im Großeinsatz
Diquat ist das gefährlichste der zugelassenen Entlaubungs-Mittel, so der Toxikologe Peter Clausing. Denn es sei hoch toxisch, nervenschädigend und schädlich für das ungeborene Leben.  Außerdem auch giftig für Fische, Vögel und nützliche Insekten wie Marienkäfer. Diquat akkumuliert im Boden und der Fachmann empfiehlt, dieses Mittel möglichst nicht einzusetzen. Trotzdem landen jährlich etwa 250 Tonnen Diquat auf unseren Feldern.

Kartoffel nach EU-Maß
Das Mittel wird gespritzt, wenn die Kartoffeln etwa 60 Millimeter groß sind. Diquat blockiert die Photosynthese der Pflanze. Alle oberirdischen Pflanzenteile sterben ab - ähnlich wie beim Einsatz von Glyphosat. Die Kartoffeln reifen nun nur noch nach. Sie bekommen eine festere Schale, sind länger haltbar. Denn so wollen die meisten Verbraucher die Kartoffel haben. Eine weitere Forderung kommt von der EU: Etwa 65 Millimeter groß soll sie sein, die Kartoffel. Die lässt sich am besten und schnellsten Verpacken und  ist beim Verbraucher besonders beliebt. Für größere oder kleinere Kartoffeln gibt es kaum Geld. Also greifen Bauern zur Chemiekeule. Doch welche Folgen hat der Pestizid -Einsatz?

Verzehr problemlos, aber…
Die Laborergebnisse zeigen: Die Krautproben des südhessischen Ackers enthalten alle Diquat. Eine Probe sogar sehr viel: 4-6 Milligramm pro Kilo. Doch Grenzwerte für das Kraut gibt es nicht. Argument der Behörden: Verbraucher essen es nicht. Sind die Befunde also unbedenklich? Bisher ist kaum geklärt, ob das Herbizid vom Acker bis in das Grundwasser  oder gar in unser Trinkwasser  gelangen kann. In die Kartoffel selbst gelang das Gift nur in unbedenklichem Maß. Außerdem gehen Experten davon aus, dass wir über den Magen-Darm- Trakt nur einen Bruchteil davon aufnehmen. Beim Einatmen des Gifts in der Nähe des Ackers könnten die Konzentrationen erheblich höher sein. Doch das ist bisher kaum erforscht. Was tun? 

"Bio-Regional" als Alternative
Wer Kartoffeln möchte, deren Kraut nicht mit Herbiziden behandelt wurde, sollte auf Bio-Kartoffeln setzen. Da muss man aber gut aufpassen! Denn viele Bio-Kartoffeln kommen etwa aus Ägypten oder Israel. Sie haben also einen langen Transportweg hinter sich – und das belastet natürlich zusätzlich die Umwelt.

2 – Der Wald als Klimaanlage

 Wälder sind unsere grünen Lungen. Besonders wichtig sind sie für nahe gelegene Städte,  denn Bäume regulieren das lokale Klima. Ein Drittel Deutschlands ist mit Wald bedeckt. Die häufigsten Baumarten sind Fichten, Kiefern, Buchen und Eichen. Für unser heimisches Klima ist ein Mischwald am besten. Im Frühjahr, wenn die Laubbäume aus dem Winterschlaf erwachen, drehen die natürlichen Klimaanlagen ihre Leistung richtig hoch.

Enorme Filterkraft
Vor allem sorgen sie mit ihren Blättern für riesige Mengen an frischer, sauberer Luft. Allein eine einzige 150 Jahre alte Buche besitzt etwa 800.000 Blätter. Mit denen nimmt sie pro Tag bis zu 24 Kilogramm CO2 auf – so viel wie ein Kleinwagen im Durchschnitt auf 150 km in die Luft pustet. Außerdem filtert sie Schadstoffe aus der Luft: Bakterien, Pilzsporen und Staub.

Sie produziert täglich rund 11.000 Liter Sauerstoff, das ist der Tagesbedarf von 26 Menschen. Und sie verdunstet über ihre Blätter täglich bis zu 500 Liter Wasser – das ist der Inhalt von etwa vier Badewannen.

Lokale Klimaanlage
70 Prozent allen Wassers, das in Europa verdunstet, stammt aus Blättern. Lebenswichtig für ein gesundes Klima. Denn der Wald funktioniert für seine direkte Umgebung tatsächlich wie eine natürliche, gigantische Klimaanlage. Und das ist auch gut so. Besonders die Bewohner größerer Städte profitieren vom kühlenden Effekt des nahen Waldes. Der Grund: Städte heizen sich auf, sind im Sommer oft um viele Grad heißer als der benachbarte Wald. Herrscht kein Wind, staut sich die Hitze im Laufe des Tages immer mehr und wird zur Belastung für die Bewohner. Die heiße, oft staubige Luft aus der Stadt wird im nahen Wald gekühlt, gefiltert, befeuchtet und bodennah zurückgeführt. Und sorgt dadurch vor allem im Sommer für ein besseres und gesünderes Klima. Am Ende des Sommers fahren die Laubbäume ihren Stoffwechsel herunter. Das für die Photosynthese wichtige Blattgrün, das Chlorophyll, will der Baum vor dem nahenden Frost retten und zieht es ins Innere. Die verbleibenden Farbstoffe färben die Blätter bunt. Im Winter stellen Laubbäume ihren Betrieb ein. Sauerstoff produzieren dann nur noch die Nadelbäume. Der Kreislauf schließt sich, bis er im Frühjahr von Neuem beginnt.

Baustoff und Bodenstabilisator
Bäume sind auch ein wichtiger nachwachsender Rohstoff. Besonders als Baustoff ist Holz ökologisch vielen anderen Baustoffen überlegen. Außerdem schützen Bäume den Boden vor Erosion und sind Lebensraum unzähliger Tiere. Aber nicht nur Bäume - unsere gesamte heimische Vegetation ist in Zeiten des Klimawandels wichtiger denn je. Und für die Stadtbewohner ist das Grün fast schon überlebenswichtig.

1 – Städte im dramatischen Klimawandel

2003 - der Jahrhundertsommer. Viele leiden unter der Hitze. Europaweit sterben über 50.000 Menschen.  Seit dem immer neue Rekordtemperaturen. Der Klimawandel ist in den Städten angekommen. Und das hat Folgen: Für den Großteil der Bevölkerung wird das Leben anstrengender, beschwerlicher und zum Teil sogar gefährlicher.

Hitzeinsel Frankfurt
In Hessen ist besonders Frankfurt vom Klimawandel betroffen. Zwischen den grauen Hochausschluchten staut sich die Hitze. Bis zu 10 Grad kann der Temperaturunterschied zwischen Umland und Innenstadt betragen. Und das ist erst der Anfang. Eine Berechnung des Deutschen Wetterdienstes für die Frankfurter Innenstadt zeigt die Zunahme an Sommertagen, also Tagen mit einer Höchsttemperatur von mehr als 25 Grad. Waren es 2015  44 Sommertage pro Jahr, werden es im Jahr 2050 schon über 70 sein. Doch Städte und Gemeinden können sich auf die Folgen des Klimawandels einstellen.

Schneisen für bessere Luft
Besonders wichtig dabei: Genau planen, wie genügend Frischluft in die Stadt gelangen kann.  Für Frankfurt ist der Main eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Luftleitbahn. Vor allem im Hochsommer kommt so frische, kühle Luft in die Stadt. Außerdem gibt es Frischluftkorridore im Süden und Norden der Stadt, wo der Grüngürtel mit ausgedehnten Waldflächen liegt. Auch über freien Flächen wie Wiesen und Äcker im Umland bilden sich sogenannte Kaltluftinseln und bringen so kühlenden Wind in Richtung Stadtzentrum.

Um diese Luftzirkulation nicht zu gefährden, ist das Ziel der Frankfurter Umweltbehörde, die Bebauung auf den Innenstadtbereich zu konzentrieren, und die Ausbreitung in den kühlenden Grüngürtel zu verhindern. Und: Neue Wohnblöcke sollen Lücken lassen, um die Durchlüftung nicht zu behindern. So wie es beim Bau der Frankfurter Hafencity geschehen ist. Aber das allein genügt nicht.

Mehr Grün in die City
Die Innenstädte werden sich trotzdem noch stark aufheizen. Die Konstablerwache ist ein solcher Brutofen: Wenig Grün, viel Asphalt. Im Sommer kann es hier unerträglich heiß werden. Für Abkühlung könnte hier eine komplette Begrünung des Platzes sorgen: Mit zusätzlichen Bäumen, bewachsenen Fassaden und Dächern. Nach Berechnungen von Wissenschaftlern könnte das an heißen Tagen zu einer Abkühlung von 6 bis 8 Grad führen.

Unser Gesamtfazit
Eine wirklich saubere Umwelt - da liegt noch so einiges im Argen. Aber erstaunlich ist doch, wie viel wir selbst für eine intakte Umwelt tun können. Wir alle müssen dafür nur manchmal unsere Bequemlichkeit überwinden.

Autor: Stefan Venator

Sendung: hr-fernsehen, "9-mal saubere Umwelt", 09.10.2017, 21:00 Uhr