Die gigantische Explosion war in den zwei Zimmern wie ein Erdbeben zu spüren, die sich die Geschwister Hovig (27 Jahre) und Azzig (29 Jahre) mit ihrer Mutter in Beirut teilen. Am 4. August regnete der Mörtel auf sie herab, die Fensterscheiben barsten. Ein viertel Jahr später haben sie die Schäden so gut, wie es geht repariert.

Mit Hilfe einer Nichtregierungsorganisation konnten sie die Fenster ersetzen. Vom Staat haben sie keine Unterstützung bekommen. Azzig hat die Hoffnung verloren, dass sich im Libanon noch etwas zum Besseren wendet. Sowohl Hovig als auch Azzig haben jeweils zwei Jobs und trotzdem reicht es gerade so zum Überleben. Hauptberuflich arbeitet Azzig in einem Kindergarten, der aber derzeit noch wegen der Zerstörungen geschlossen ist. Für sie ist die Explosion vom 4. August der Gipfel staatlichen Versagens, weil die große Menge Ammoniumnitrats niemals in der Stadt hätte gelagert werden dürfen. Seit Jahrzehnten müssen sie mit Regierungen leben, die noch nicht einmal fähig waren, den Müll zu entsorgen, genügend Strom bereitzustellen und für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen. Die Nachbarn von Hovig und Azzig hat die Explosion aus der Mittelschicht in die Armut gerissen. Die Reparaturen haben ihre Ersparnisse aufgebraucht. Auch sie sehen für sich keine Zukunft in diesem Land. Sie würden am liebsten auswandern. Der Aufbau ist mühsam. Lebensfreude und Neuanfang - dafür stand Beirut einmal. Beides sucht man in diesen Tagen meist vergebens. Wut auf das Versagen der Politiker schlägt einem dagegen an jeder Ecke entgegen.

Sendung: hr-fernsehen, "Beirut – Wiederaufbau nach der Explosion", 03.03.2021, 10:05 Uhr