Oskar Csincura entschied sich für die Liebe. Als Grenzpolizist im thüringischen Großburschla stationiert, musste er darüber wachen, dass keiner versuchte, aus dem eingeschlossenen Dorf abzuhauen. Doch der DDR-Grenzpolizist hatte sich ausgerechnet in die Tochter einer Republiks-Flüchtigen verliebt.

Sein Aufgabe war es die Flucht zu verhindern: etwa durch die Werra nach Hessen zu schwimmen, die Zäune zu überwinden oder abseits der einzigen Straße, die aus Großburschla heraus und wieder hinein führte, in den hessischen Westen zu türmen.

Oskar Csincura wurde zur Aussprache gebeten und vor die Wahl gestellt: Entweder trennt er sich von seiner Annemarie, oder er quittiert den Dienst. Letzteres fiel Oskar Csincura leicht. Seit fast 60 Jahren sind die beiden ein Paar und leben in Großburschla. Dieses kleine Dorf an der hessisch-thüringischen Grenze war bis 1989 ein Gefängnis der besonderen Art. Nahezu 40 Jahre lang konnten die rund 1.300 Einwohner ihr Dorf an der Werra nur auf einer einzigen Straße verlassen und wieder erreichen.

Dazu mussten sie jedes Mal drei Kontrollposten passieren, Ausweis zeigen, Kofferraum öffnen. Denn Großburschla gehört zwar zu Thüringen, ragt aber wie ein Schlauch nach Hessen hinein. Es gehörte zu den strengsten Sperrgebieten der DDR, umgeben von 22 Kilometern Doppelstahlzaun und einer 500 Meter breiten Sperrzone, bewacht von scharfen Hunden, fünf Wachtürmen und 100 Grenzsoldaten. Unangepasste Familien wurden bis 1987 kurzerhand deportiert, überall im Dorf musste man mit Spitzeln rechnen. Spätestens nach den Demonstrationen in Eisenach 1989 wurden auch in Großburschla allmählich Kerzen-Demonstrationen und Friedensgebete gegen das DDR-Regime veranstaltet - bis am 9. November in Berlin die Mauer fiel und am 13. November das streng bewachte Tor über die Werra-Brücke geöffnet, die Zäune abgebaut wurden.

Die Filmautorin Angelika Schmidt-Biesalski erzählt die Geschichte dieses Dorfes, lässt Zeitzeugen wie das Ehepaar Csincura zu Wort kommen und fragt vor allem auch, was in den Jahren seither passiert ist.

Ein Film von Angelika Schmidt-Biesalski
Moderation: Meinhard Schmidt-Degenhard