Alle glauben zu wissen, was wirklich gesund ist – vitaminreiches Gemüse und Obst, wenig Fett und vor allem keine tierischen Fette, und dazu Vollkornprodukte. Immerhin entspricht das ja auch dem, was die staatlich finanzierte Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt. Doch auf welcher wissenschaftlichen Grundlage beruhen diese Ratschläge? Zahlreiche Forscher sagen: auf keiner.

Der Diabetesforscher Prof. Peter Nawroth von der Universitätsklinik Heidelberg hält die vielen Empfehlungen in Sachen Vollkorn, Fett oder Vitamine für Unsinn: "Im Grunde wissen wir nicht, wie viel exakt nötig ist. Müssen wir aber auch gar nicht. Denn außer sehr schwer kranken Menschen, Krebspatienten zum Beispiel, leidet niemand bei uns an Vitaminmangelerscheinungen. Das, was wirklich etwas ausmacht für ihre Gesundheit, ist die Menge, die sie essen. Krank macht sie, wenn sie viel zu viel essen. Was sie essen, ist eigentlich ziemlich egal.“

Wer sich halbwegs abwechslungsreich ernährt und nicht mehr isst, als sein Körper verbrennt, macht alles richtig. Das sind Erkenntnisse, die den meisten Verbrauchern offensichtlich nicht klar sind – die Angst davor, sich nicht gesund genug zu ernähren, wächst.

Lieber gesund als lecker

Eine Umfrage der Technikerkrankenkasse hat ergeben, dass 45 Prozent der Deutschen beim Essen in erster Linie darauf achten, dass es gesund ist – "lecker" schaffte es bei dieser Umfrage nur auf Platz 2.

Ingrid Mühlhäuser, Professorin an der Universität Hamburg, untersucht medizinische Studien auf ihre Werthaltigkeit. "Das Problem bei allen Ernährungsstudien ist die Methodik. Eine Pharmastudie ist verblindet und placebokontrolliert. Aber Sie wissen ja, was Sie gegessen haben. Meistens wird einfach nur nachträglich gefragt, was gegessen wurde. Die einzige wirklich gute Studie, mit einer großen Teilnehmerzahl und über acht Jahre hinweg, hat ergeben, dass es völlig egal war, wie sich die Probanden ernährt haben. Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes – alles gleich."

Peter Nawroth von der Universität Heidelberg und Andreas Fritsche von der Universität Tübingen ärgern sich über den Stellenwert, den die Regeln der DGE in der Gesellschaft haben: unwissenschaftlich und durch nichts belegt, lautet ihr Fazit. Die Bedeutung von gesunder Ernährung für ein längeres, gesünderes Leben wird aus ihrer Sicht dadurch völlig überschätzt. So wird ein gigantisches Geschäft befeuert: Ernährungsberater, Lebensmittelindustrie, Verlage – alle verdienen an der Angst vor Fehlernährung, obwohl die Menschen selten zuvor besser und nährstoffreicher ernährt waren als heute.